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Hartz IV : Von guten Mächten lebenslang gestützt

Der Staat zahlt hier die Miete: Nazli in ihrem Wohnzimmer Bild: Waldner, Amadeus

Eine Million Menschen leben in Abhängigkeit von der Sozialhilfe, seit es Hartz IV gibt. Wer wissen will, warum sie keinen Weg heraus finden, muss Menschen wie Nazli treffen.

          Nazli trägt keinen Schmuck, schlichte T-Shirts und preiswerte Jeans. Finger- und Fußnägel hat sie rot lackiert, ihre Haare zu einem Dutt zusammengesteckt. Sie ist eine herzliche Gastgeberin. In ihrer Wohnung in Frankfurt zündet sie vier Kerzen an, sie bringt Tee und Wasser. Chips und Sonnenblumenkerne stehen auf dem Tisch. Im Wohnzimmer läuft türkisches Musikfernsehen. An der Wand hängen dort zwei mannsgroße weiße Engelsflügel, das Poster eines jungen Muskelmannes und ein großes Abbild des türkischen Staatsgründers Atatürk. In der Erde der Zimmerpflanzen stecken noch die Preisschilder („Drachenbaum, 3,49 Euro“). In ihrem fensterlosen Bad hat sie Plastik-Efeu aufgehängt, um den Schimmel dahinter zu verdecken. „Das lohnt sich nicht mehr, den zu bekämpfen.“ In ein oder zwei Jahren werde ihre Wohnung von der Stadt saniert. Hat zumindest eine Nachbarin behauptet. Nachgefragt hat Nazli nicht, sie hat es einfach geglaubt.

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Der Staat zahlt Nazlis Miete, Monat für Monat. Er übernimmt ihre Heizkosten und überweist ihr so viel Geld zusätzlich, dass ihr eigenes Gehalt zum Leben reicht. Seit fünfzehn Jahren kommt das Geld vom Amt. Nazli zählt damit zu jener Million Menschen, die das Hartz-IV-System seit seiner Einführung im Jahr 2005 noch nie verlassen haben. Weder schärfere Sanktionen noch der kräftige Wirtschaftsaufschwung in Deutschland haben daran etwas geändert. Wie kann das sein? Warum kommen eine Million Menschen nicht vom Tropf der Allgemeinheit weg?

          Wissenschaftler haben zur Klärung einen Begriff erfunden: multiple Vermittlungshemmnisse. Das heißt, die Betroffenen haben zu viele Probleme gleichzeitig, um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können. Mark Trappmann vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zählt in einer Studie neun große Hemmnisse auf, etwa einen fehlenden Schulabschluss oder schwere gesundheitliche Einschränkungen. Nur jeder zwölfte Hartz-IV-Empfänger habe kein größeres Problem. Ziemlich genau die Hälfte der Betroffenen habe zwei oder drei gleichzeitig.

          Die heile Welt bricht

          So wie Nazli. Sie ist 41 Jahre alt und in Deutschland geboren. Ihre Mutter kam mit 18 Jahren als Babysitterin aus der Türkei und schrubbte später bei der Höchst AG die Böden. Nazlis Vater hatte in der Türkei als Automechaniker gearbeitet. Die deutschen Behörden erkannten seine Qualifikation nicht an, so dass er hierzulande Autos wusch. Nazlis Eltern trennten sich, als das Mädchen sechs Jahre alt war. Nazli blieb bei ihrer Mutter, der Vater ging in die Türkei zurück.

          Der Schein trügt: Langweilig ist es im Leben von Nazli nie

          Obwohl die Mutter alleinerziehend war und als Putzfrau nicht viel Geld nach Hause brachte, schien Nazli ihren Weg zu machen. Mit 16 Jahren schloss sie die Hauptschule ab, mit 19 ihre Lehre als Friseurin. Ob mit „gut“ oder „befriedigend“, das weiß Nazli heute nicht mehr. Mit 24 Jahren lernte sie ihren späteren Mann kennen, der in einer Bank als Bote die Post verteilte. Sie heirateten. Nazli bekam einen Sohn. Ein Jahr später brach ihre Welt zusammen.

          „Mein Mann hat gezockt“, erzählt sie. An Spielautomaten. „Der Strom war nicht bezahlt, die Miete nicht bezahlt. Ich hatte kein Geld mehr und nicht mal mehr Milch in den Brüsten, um meinen Kleinen zu stillen.“ Die Eheleute stritten heftig. Fünfzehn Jahre ist das her.

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