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Hartz IV : Von guten Mächten lebenslang gestützt

Am Amt vorbei

Um sich etwas mehr gönnen zu können, schneidet Nazli auch in ihrer Freizeit Haare. In ihrem Wohnzimmer, schwarz, am Amt vorbei. „Anders geht es nicht.“ Sie weiß, dass das nicht in Ordnung ist. „Aber andere Hartz-IV-Leute sind noch abgewichster als ich. Die behaupten, sie seien nicht belastbar und gehen erst gar nicht arbeiten.“

Die Schwachstellen des deutschen Sozialrechts kennt auch Nazli freilich ganz gut. Mit ihrem zweiten Freund, mit dem sie von 2002 bis 2009 zusammen war, ist sie deshalb nie zusammengezogen. Er bereitete Autos auf und hatte ein ausreichendes eigenes Gehalt. Sie wurde vom Amt bezuschusst. „Wenn du Hartz IV beziehst, kannst du da nicht zusammen wohnen.“ Als Paar wären die Einkünfte des Mannes mit ihrem Bedarf verrechnet worden, das Jobcenter hätte weniger Geld überwiesen. Dann doch lieber eine eigene Wohnung und volle Bezüge. Man ist ja nicht blöd.

„Hartz-IV-TV“

In der Nachbarschaft war alles in Ordnung, bis vor ein paar Wochen. Aber jetzt gibt es Ärger mit der Nachbarin. Nazlis Sohn erwischte sie mit dem damaligen Freund seiner Mutter, als beide etwas erschöpft, aber gut gelaunt aus dem mütterlichen Schlafzimmer kamen. Er hatte sie offenbar ein ganzes Jahr lang mit der Nachbarin betrogen. „Hartz-IV-TV, sag’ ich dazu immer“, erzählt Nazli und muss darüber heute lachen. „Vier Jahre waren wir zusammen, und ich habe ihn absolut geliebt.“

Mit der Nachbarin rechnete sie selbst ab. Es endete in einer Schlägerei im Treppenhaus. Angefangen habe die Nachbarin, die habe sie in die Kniekehle getreten. „Dafür habe ich irgendwen von ihrer Sippe umgeboxt.“ Seitdem geht man sich höflich aus dem Weg. „Die wechselt die Straßenseite, wenn sie mich sieht.“ In den eigenen vier Wänden hingegen wird Nazli immer wieder an den Seitensprung erinnert. „Das Blödeste ist ja: Ich habe nicht mal Geld für ein neues Bett.“ Also schläft sie weiter im alten, in dem ihre Nachbarin und ihr einst geliebter Ex-Freund sie betrogen haben. Augen zu und durch.

Remineszenz an die Vergangenheit: der türkische Staatsgründer Atatürk
Remineszenz an die Vergangenheit: der türkische Staatsgründer Atatürk : Bild: Waldner, Amadeus

Für andere Dinge ist durchaus Geld da. Als ihr altes Handy im Regen kaputtging, war irgendwie ein neues Gerät drin. Ein Galaxy Note 2 von Samsung. Das kostet im Laden 300 bis 500 Euro. Der Zwei-Jahres-Vertrag, für den sich Nazli entschied, ist anfangs zwar billiger, die Anschaffungskosten werden aber natürlich trotzdem auf sie umgelegt. Auch eine Katze hat sie sich vor ein paar Wochen gekauft, die hat auf Ebay-Kleinanzeigen 80 Euro gekostet.

Noch viel mehr Geld könnte Nazli sparen, wenn sie mit dem Rauchen aufhörte. Ein Päckchen Zigaretten raucht sie jeden Tag. Macht 150 Euro im Monat. Diese Wahrheit will Nazli nicht hören. Ihre sonst so freundliche Stimme bekommt ärgerliche Untertöne. „Hey, es ist das einzige Laster, das ich habe!“ Wenigstens das sei ihr doch zu gönnen.

Kein Pass und neue Probleme

Das Geld fehlt an anderer Stelle. Für gültige Dokumente ist jedenfalls keines da. Nazli nennt das „mein Pass-Problem“. Nazli ist zwar in Deutschland geboren, besitzt aber noch immer ausschließlich die türkische Staatsbürgerschaft. Die deutsche hätte sie zwar haben können, doch sie hat sie nie beantragt. Nazli erklärt das so: Ihre Mutter besitze ein kleines Häuschen in der Türkei. Wenn sie das erbe, müsse sie als Türkin wenig Steuern zahlen. Als Deutsche hingegen viel. Das behauptet zumindest ihre Mutter. Nachgeprüft hat es Nazli nie.

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