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Hans-Werner Sinn : „Ich bereue nichts“

  • -Aktualisiert am

Auch als Pensionär muss Hans-Werner Sinn sein ifo-Institut nicht verlassen: Die kleine Bibliothek wird sein neues Büro. Bild: Jan Roeder

Starökonom Hans-Werner Sinn tritt ab. Ein Gespräch über Freund und Feind, seine linke Vergangenheit und die hohe Kunst des Taxifahrens.

          10 Min.

          Sechzehn Jahre lang stand er an der Spitze des Ifo Instituts in München. Der 67 Jahre alte Wissenschaftler gehört zu den bekanntesten Ökonomen des Landes und wurde vom Deutschen Hochschulverband erst kürzlich zum „Hochschullehrer des Jahres“ gekürt. Ende März geht er in den Ruhestand.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sinn wurde mit 36 Jahren Professor in München. 1999 wurde als Retter an die Spitze des heruntergewirtschafteten Ifo Instituts gerufen und führte es in die Liga der Top-Institute. Bekannt ist es vor allem für den monatlich veröffentlichten Ifo-Geschäftsklimaindex, der als wichtiger Frühindikator der deutschen Wirtschaft gilt. Sinns Nachfolger an der Spitze des Ifo Instituts wird der Mannheimer Wirtschaftsprofessor Clemens Fuest.

          Herr Sinn, seit wann tragen Sie Ihren markanten Bart?

          Ich bin nicht mit dem Bart geboren worden. Aber ich habe ihn, seit ich ein junger Mensch war. In den Studienjahren war er mal ab und mal wieder dran, und dann hat meine Frau beschlossen, dass er bleibt. Ich habe ja früh geheiratet, schon im Studium.

          In Ihrer Jugend waren Sie links. Ein Linker braucht einen Bart, oder?

          Wahrscheinlich schon. In meiner Generation sind Bärte ja relativ häufig.

          Wie kam es zu Ihrem Linkssein?

          Mein Vater war in der SPD, und in meinem Dorf gab es die Jugendorganisation Falken. Die hatten ein Angebot für Kinder und Jugendliche, dem man sich kaum entziehen konnte: Die haben tolle Zeltlager gemacht. Wir haben damals viel über Politik diskutiert und uns mit der Nazi-Vergangenheit auseinandergesetzt. Die Falken sind ja verboten worden in der Nazi-Zeit. Dass die Deutschen sich nicht mit ihrer Vergangenheit beschäftigten, das kann man den Falken nicht vorwerfen. Ein Großvater von mir war Sozialdemokrat, hatte eine kleine Führungsposition in Kolberg, ist von den Nazis verfolgt worden – und später im Konzentrationslager gestorben.

          Aus was für einem Elternhaus stammen Sie?

          Mein Vater ist Taxi gefahren, hatte später sein eigenes kleines Taxi-Unternehmern.

          Er war kein Akademiker. Wie wird man da Professor?

          Ich habe vom deutschen Schulsystem ungemein profitiert. Der Volksschullehrer hatte empfohlen, dass ich zum Gymnasium ginge. Da musste man damals noch einen aufwändigen Test machen – und dann kam ich nach Bielefeld aufs Gymnasium. Ich war der einzige aus meiner Klasse im Dorf, der auf ein Gymnasium ging. In der Sexta war ich vermutlich das einzige Arbeiterkind unter 49 Schülern, und Kinder vom Lande waren extrem selten.

          Haben die Eltern Ihr Studium finanziert?

          Zum Teil. Seit ich 14 bin, habe ich gearbeitet. Ich habe mehrere Jahre lang fast jeden Sonntag von 6 bis 14 Uhr in der Taxizentrale in Bielefeld die Fahrten vermittelt. Das war damals der Beginn der Funktaxen, und jedes Taxi-Unternehmen musste jemanden abstellen. Ich musste am Telefon die Anrufe annehmen und wissen, wo die Straßen sind und ob man den nächsten  Taxistand oder den Raum ausrufen musste. Das war eine hohe logistische Aufgabe für so ein Kind mit 14. Ich kam ziemlich ins Schwitzen.

          Sind Sie auch selbst Taxi gefahren?

          Ja, ab 21 fuhr ich Taxi bis zum Ende meines Studiums, stets drei Nächte die Woche und dann die Semesterferien hindurch. Ich habe in der Zeit keinen Lohn genommen, aber meine Eltern haben mir genug gegeben. Vom Staat bekam ich nichts.

          Ihr Weg vom Taxifahrersohn zum Professor ist ein Bildungsaufstieg, wie es ihn häufig in Ihrer Generation gab. Heute sei so etwas schwerer geworden, heißt es.

          Nein, das glaube ich nicht. Die Durchlässigkeit des Bildungssystems hat sich deutlich verbessert. Dass so ein Arbeiterkind auf dem Gymnasium war, das war damals selten. Ich kam mir im Gymnasium sehr, sehr verloren vor – zumal ich kein gutes Deutsch sprach, sondern westfälischen Dialekt, nahe am Platt.

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