https://www.faz.net/-gqe-70rl8

Gribkowsky-Prozess : „Der kleine Mann hat bei mir einen Knopf gedrückt“

Der ehemalige Bayern-LB-Vorstand Gerhard Gribkowsky hat gestanden, rund 44 Millionen Dollar Bestechungsgeld von Formel-1-Chef Bernie Ecclestone angenommen zu haben. Bild: DAPD

Erst am 45. Verhandlungstag legt Gerhard Gribkowsky im Formel-1-Prozess ein Geständnis ab - und belastet Bernie Ecclestone. Dafür verschiebt der Vorsitzende Richter auch sein Mittagessen: „Ist grad so spannend.“

          Gut eine Stunde spricht Gerhard Gribkowsky nun schon. Niemand unterbricht seinen Redefluss. Es ist kurz nach halb eins, als der Angeklagte zum Vorsitzenden Richter blickt und ihn fragt, ob „wir jetzt eine Mittagspause machen“. Richter Peter Noll lehnt ab: „Ist grad so spannend.“ Gribkowsky fährt also fort.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Fast acht Monate hatte der frühere Bayern-LB-Vorstand zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft geschwiegen, er habe beim Verkauf von Formel-1-Anteilen von Bernie Ecclestone 44 Millionen Dollar Bestechungsgeld kassiert, Steuern hinterzogen und Geld veruntreut. An diesem Mittwoch - es ist der 45. Verhandlungstag - ist zunächst alles so wie immer. Gribkowsky trägt einen dunkelblauen Anzug mit Krawatte und Einstecktuch. Er plaudert mit seinen Anwälten. Mehrere Gespräche zwischen Verteidigung und Staatsanwaltschaft waren ergebnislos geblieben. Doch nun legt Gribkowsky ein umfassendes Geständnis ab, schildert seine persönlichen Motive und zeichnet ein wenig schmeichelhaftes Bild von der Formel 1 und dem Geschäftsgebaren ihres Impresarios Bernie Ecclestone. Er sieht sehr blass aus, spricht aber hochkonzentriert.

          „Ich habe die Augen zugemacht“

          Auf der Anklagebank liegt ein Aktenordner, vor ihm steht eine geöffnete Wasserflasche. Beides braucht Gribkowsky nicht. Er erzählt alles aus dem Gedächtnis, den Flaschenverschluss lässt er hin und wieder durch die Finger gleiten. Warum Gribkowsky, der gelernte Jurist und Risikovorstand der Bayern LB, zu einem Kriminellen wurde, diese Frage kann er auch nach all den Jahren nicht ganz genau beantworten. „Der kleine Mann“, sagt er über den nur 1,58 Meter großen Ecclestone, „hat bei mir einen Knopf gedrückt. Ich habe die Augen zugemacht.“ Alles geht für Gribkowsky zurück auf ein Gespräch im Mai 2005. Ecclestone habe ihn, den Formel-1-Verkäufer der Bayern LB, angerufen und zu einem Gespräch in dessen Büro eingeladen. „Ich erkläre Dir jetzt mal, wie das Leben ist“, sollen die einleitenden Worte des Briten gewesen sein. Dann sei es zu der folgenschweren Verabredung gekommen: „Wenn Du mir hilfst, die Formel 1 zu verkaufen, dann beschäftige ich Dich als Berater.“

          Kurz darauf präsentierte Ecclestone seinen Wunschkäufer, die britische Beteiligungsgesellschaft CVC Capital. 100 Millionen Dollar habe Ecclestone als Verkaufsprovision verlangt. Man habe sich auf 5 Prozent der Verkaufssumme geeinigt. Später habe Gribkowsky 45 Millionen Dollar erhalten - getarnt als Beraterhonorar, gezahlt über Umwege aus den Steuerparadiesen Mauritius und British Virgin Islands. Mit dieser Schilderung bestätigt Gribkowsky die Version der Staatsanwaltschaft, nicht jedoch die Zeugenaussage Ecclestones, der sich vor dem Münchner Landgericht im November noch als Opfer einer Erpressung inszeniert hatte. Weil das Gericht Gribkowsky als Amtsträger sieht, der kein Geld hätte annehmen dürfen, hat er sich der Bestechlichkeit schuldig gemacht. Und weil er obendrein die Millionen in seiner österreichischen Gesellschaft geparkt, nicht aber in Deutschland versteuert hat, ist er auch wegen Steuerhinterziehung dran.

          Geld für Bedürftige - oder für die Stifter?

          Gribkowsky gibt vieles zu. Ein einziges Mal versagt ihm die Stimme. Es sieht so aus, als kämpfe er für einen kurzen Moment mit den Tränen. Gribkowsky schildert, warum er die Stiftung „Sonnenschein“ mit Sitz in Salzburg gegründet habe, dessen oberster Stiftungszweck es sei, Familien krebskranker Kinder zu helfen. Sein Sohn aus erster Ehe sei als Kind an Lymphdrüsenkrebs erkrankt. Sein Vater und sein Großvater seien an Krebs gestorben. Die Schwester habe einen Gehirntumor gehabt. Der 54 Jahre alte Gribkowsky sagt, er leide an Herz-Rhythmus-Störungen. Vor einer riskanten, sechsstündigen Herz-Operation im Jahr 2005 habe er sich Gedanken um sein Testament machen müssen - und sei so auf die „Sonnenschein“-Idee gekommen.

          Formel-1-Chef Bernie Ecclestone war im vergangenen November als Zeuge im Prozess geladen

          Die Staatsanwaltschaft vermutete von Anfang an, die Privatstiftung diene vor allem der Versorgung des Stifters und seiner Frau. Gribkowsky beharrt auf dem sozialen Zweck seiner Stiftung, erläutert die Prinzipien, nach denen Gelder an Bedürftige ausgezahlt werden sollen - und warum bisher noch nicht allzu viel geschehen sei. Schließlich müssten noch Gespräche mit den Krankenhäusern aufgenommen werden.

          Gespräche mit dem Pfarrer

          Ist es der durchschaubare Versuch, auf ein mildes Urteil zu hoffen und nach Verbüßung eines Teils der Strafe vorzeitig wieder auf freien Fuß zukommen? Richter Noll hatte schon in der vorigen Woche zu erkennen gegeben, dass er der Staatsanwaltschaft folge und an eine Verurteilung des Angeklagten denke. Noch bevor Gribkowsky am 45. Verhandlungstag sein Schweigen bricht, hält er ihm das Strafmaß vor: eine Haftstrafe von mindestens sieben Jahren und zehn Monaten. Der Wert eines Geständnisses, das weiß auch der promovierte Jurist Gribkowsky, sinkt von Tag zu Tag.

          Gribkowsky war in seiner beruflichen Laufbahn geübt darin, mit Kreditrisiken in Milliardenhöhe umzugehen. Er wusste, wie man Verhandlungen führt und dass auch Bankgeschäfte manchmal einer Pokerpartie gleichen. Warum er in eigener Sache sein Blatt erst so spät aufgedeckt hat? Er muss wohl keinen anderen Ausweg gesehen haben. Vielleicht hat ihn die Haft im Untersuchungsgefängnis Stadelheim verändert. In den eineinhalb Jahren, auch das erzählt der einstige Banker freimütig, habe er „viel mit dem evangelischen Pfarrer gearbeitet“. Gut möglich, dass ihn die Begegnung mit dem Geistlichen so beeinflusst hat wie zuvor seine Bekanntschaft mit Bernie Ecclestone.

          Weitere Themen

          Drohnen-Angriff sorgt für Ölpreis-Anstieg Video-Seite öffnen

          Saudi-Arabien : Drohnen-Angriff sorgt für Ölpreis-Anstieg

          Nach den Drohnenangriffen auf zwei Ölanlagen in Saudi-Arabien wird mit einem Anstieg der Ölpreise gerechnet. Die Angriffe verschärfen die angespannte Lage in der Golfregion und führten zum Einbruch der Ölproduktion in Saudi-Arabien.

          Topmeldungen

          IAA : Draußen Protest, innen leuchtende Männeraugen

          Wo der SUV noch artgerecht gehalten wird: Unsere Autorin war auf der Automesse unterwegs. Die Autohersteller reagieren auf den zunehmenden Druck mit ihrer elektrischen Charmeoffensive – die Publikumsmagneten findet man jedoch an anderer Stelle.

          Klimawende : Für eine Transformation mit Herz

          Uns erwartet ein sozial-ökologischer Umbau der Gesellschaft. Doch das muss man den Bürgern, die zwar für Klimawandel, aber kaum für persönliche Einschnitte sind, auch sagen. Ein Gastbeitrag.

          NPD-Ortsvorsteher in Hessen : Ein netter Kerl

          In einem Dorf wird ein NPD-Mann zum Ortsvorsteher gewählt. Die Aufregung ist groß, im Ort selbst findet man das nur halb so wild. Eindrücke aus Altenstadt-Waldsiedlung.
          Die Vorsitzende des Ressemblement National (RN), Marine Le Pen, nach ihrer Rede in Fréjus an der Cote d’Azur

          Wahlkampf von Le Pen : Seriosität statt Häme

          Statt nach Rechts und Links Sticheleien zu verteilen, gibt sich Marine Le Pen bei ihrer Comeback-Rede staatstragend. Für ihr Ziel, den Einzug in den Elysée-Palast 2022, hat die Vorsitzende des Rassemblement National eine Strategie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.