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Gesamtmetallchef Kannegiesser : Der Versöhner

Der Unternehmer Martin Kannegiesser ist Präsident der Metall-Arbeitgeber Bild: Franz Bischof

Keiner kann so gut Tarifkompromisse und Waschmaschinen verkaufen wie der Ostwestfale Martin Kannegiesser. Weil er gönnen kann und prima reden.

          5 Min.

          Da ist diese Geschichte aus der Schule. Kant-Gymnasium in Bad Oeynhausen, Anfang der Sechziger. „Das Blitzlicht“ hieß die Schülerzeitung, ihr Chefredakteur ist Martin Kannegiesser. Seine ersten Lebensjahre hatte er in Posen verbracht, war 1941 in der Hauptstadt der „neuen Ostgebiete“ geboren worden. 18 Jahre später gehörte Posen wieder zu Polen, und Kannegiesser war ein Fabrikantensohn in Ostwestfalen.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Zwischen Minden und Höxter leben die meisten Schäferhunde Deutschlands. Die Menschen hier halten es auch mal vier Stunden lang ohne ein Wort aus. Dogmen halten dafür ein Leben lang. Im „Blitzlicht“ schrieb Kannegiesser einen flammenden Aufsatz: Nie wieder dürften die Ostgebiete zu Deutschland gehören, niemals, nur in einem vereinten Europa. Im Nachkriegsmief verstand das mancher als Provokation, und genau so war es auch gemeint.

          Am Ende kriegt er das, was er will

          Der Schüler musste zum Rapport: was er sich da anmaße. Konsequenzen lagen in der Luft, aber Kannegiesser redete drauflos. Am Ende waren alle besänftigt. Er flog nicht, aber der Artikel war in der Welt. Kannegiesser hatte sein Ziel erreicht, am Ende kriegt er immer das, was er will: 70 Jahre ist der Mann alt, als Unternehmer umgarnt er die Kunden aus den Großwäschereien, bis die seine teuren Waschstraßen kaufen, durch die Tonnen an Bettwäsche aus Hotels und Krankenhäusern läuft. Als Arbeitgeberpräsident der Metallindustrie redet er auf die Gewerkschafter ein, bis denen das S-Wort vom Streik nicht mehr über die Lippen kommt.

          In der Nacht zum gestrigen Samstag redete Kannegiesser noch um vier Uhr in der Früh. 18 Stunden saßen sich Arbeitgeber und Gewerkschafter in der Stadthalle Sindelfingen gegenüber, Kannegiesser im Nebenzimmer, dann stand fest, dass die 3,6 Millionen Beschäftigten in der deutschen Metall- und Elektroindustrie vier Prozent mehr Lohn erhalten. Das ist mehr als die Inflation, aber die IG Metall hat trotzdem nicht gewonnen: Zwar müssen die Betriebe wie gefordert künftig Ausgebildete unbefristet übernehmen, aber nur, wenn der Arbeitgeber sie benötigt. Ob dem so ist, darüber entscheidet er zuvor allein.

          Wie bei „Sterntaler“

          Vor allem aber bei der Leiharbeit standen die Verhandlung auf Messers Schneide. Die Arbeitgeber setzten sich durch. Leiharbeiter werden übernommen - nach zwei Jahren. Das ist weit weg von dem, was die Metaller wollten. Das würde Kannegiesser niemals so sagen. Er sagt: „Wir sind wirklich aufeinander zugegangen.“

          Kommunikation ist Kannegiessers leichteste Übung. Er kann einnehmend sein. Als Kannegiesser auf der Wäscherei-Messe Texcare Anfang Mai seine Maschinen ausstellte, war er die kompletten fünf Tage dabei. Die Amerikaner und Franzosen, die über seinen Stand streiften, wollten den Firmenchef treffen. Mittwochnacht, als die Tarifgespräche in Sindelfingen das erste Mal feststeckten, stand Kannegiesser morgens um viertel nach drei auf der Terrasse der Stadthalle und redete auf IG-Metall-Chef Berthold Huber ein, fünf Minuten lang. Dann lief es wieder.

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