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Gemeinsinn statt Landflucht : Kirchberg - ein Dorf mit Zukunft

Kirchberg liegt am Rande des Harzes. Es ist eines der wenigen Dörfer der Region, das nicht schrumpft. Die Autobahn ist nah, das Internet ist schnell, und der Gemeinsinn gedeiht.

          8 Min.

          Die betrüblichen Berichte, die über Dörfer verbreitet werden, stimmen. In meinem alten Dorf Kirchberg gibt es keinen Einkaufsmarkt mehr, keinen Bäcker, keine Bank, keine Post und - was der langjährige Ortsbürgermeister Rudi Wuttke am schlimmsten findet - keine Kneipe.

          Die Zwergschule schloss schon 1975 für immer, einen Kindergarten gab es hier nie. Heute findet sich weder Schwein noch Milchkuh auf den alten Bauernhöfen im Ort. Pferde und ein einziger Bulle grasen noch am Dorf. Ein Arzt fehlt dem Dorf, ein Friseur ebenso. Und der Pastor muss sich fünfteln: Vier evangelische Gemeinden betreut er neben Kirchberg.

          Wenn man das Offensichtliche zusammenzählt, kann es meinem Dorf nicht gutgehen. Das Berlin-Institut für Demographie und Entwicklung hat eine Deutschland-Karte herausgebracht, in der die Regionen mit den stärksten Bevölkerungsverlusten blau und dunkelblau sind. Große Teile Ostdeutschlands sind in Blau getaucht und auch einige westdeutsche Regionen. Mitten in einer dieser bedrohten Zonen liegt Kirchberg. Die Stadt Seesen, die Kirchberg 1972 gegen nicht geringen Widerstand eingemeindet hatte, verlor seit dem Jahr 2000 mehr als zehn Prozent ihrer Einwohner. Doch irgendetwas ist in Kirchberg anders gelaufen. Hier leben 554 Leute, eins unter Schnapszahl. Kirchberg ist gewachsen als eines der wenigen Dörfer der Region. Warum?

          „Should I stay or should I go“

          “Church-Hills Blasenleiden“ heißt eine Coverband in Kirchberg. Zu ihrem Repertoire gehört der Song der Punkband Clash: „Should I stay or should I go“. Bleibe ich, oder mache ich die Biege?, würde ein Kirchberger übersetzen. Für mich war die Antwort klar. Als ich mein Elternhaus vor 30 Jahren verlassen habe, da kam mir das Dorf grau und müde vor. Das lag nicht nur an den Eternitbehängen, die damals noch die Fachwerke der Häuser bedeckten.

          All die demographischen Szenarien, denen zufolge das Dorf als solches langsam veröde mangels attraktiver Arbeitsplätze und Perspektiven für junge Leute hätten damals meine Zustimmung gefunden. Mit der Arroganz des in die Welt Strebenden hatte ich mitleidig auf die Zurückgebliebenen geblickt, die mit mir Tischtennis und im Posaunenchor gespielt und Bier getrunken hatten. Was konnte Kirchberg schon bieten?

          Heute, 30 Jahre nach meinem Wegzug, kommt mir Kirchberg vital vor: Zwar nicht wie ein kraftstrotzender 18-Jähriger, aber doch wie ein fitter 40-Jähriger mit Bäuchlein, der einiges hinter sich hat, aber noch etwas reißen kann. Als Helmut Fricke, der Fotograf, und ich in das Dorf kommen, am späten Mittwochnachmittag, sind Jungs in blauen Feuerwehr-Overalls unterwegs zum wöchentlichen Treffen der Jugendfeuerwehr. Zu meiner Zeit gab es keine Jugendfeuerwehr. Die Jungs radeln zum wöchentlichen Treffen im Dorfgemeinschaftshaus.

          An gemeinschaftlichen Aktivitäten mangelt es nicht

          Und an diesem Mittwoch ist am Dorfgemeinschaftshaus der Teufel los. Auf dem angrenzenden Sportplatz trainiert der Postbote eine Jugendmannschaft. Es sammelt sich hier überdies die 6. Tischtennis-Herrenmannschaft vor dem Auswärtsspiel in Seesen. In der Sporthalle neben dem Gemeinschaftshaus übt die Zumba-Gruppe (Zumba ist eine hochmodische Mischung aus südamerikanischem Tanz, Fitness und Intervalltraining). Später ist noch Senioren-Turnen.

          Im Gemeinschaftshaus findet eine kleine Versammlung statt, und unter dem Dach schmettert die zumindest in Kirchberg legendäre Gruppe „Church-Hills Blasenleiden“ den Sweet-Song „Ballroom Blitz“ ins Gebälk. Die Band übt für ihren großen Auftritt an diesem Wochenende. Eine Posaune, drei Gitarren, zwei Sänger, am Saxophon der alte Dorflehrer und Orts-Chronist Ralph Wagner und am Schlagzeug Rudi Wuttke, der vor wenigen Monaten seine 15 Jahre währende Ehrenamtszeit als Ortsbürgermeister beendet hat.

          Wenn „Church-Hills Blasenleiden“ einmal im Jahr auftritt, dann ist das ganze Dorf auf den Beinen. Aber das ist es immer, wenn es hier etwas zu feiern gibt, was sich wiederum öfter ergibt: Zehn Tage im Juli sind für die Sportwoche mit Open-Air-Festival zum Abschluss reserviert, es gibt das Brunnenfest, den Frühschoppen am Tag der deutschen Einheit und den Weihnachtsmarkt, um nur Höhepunkte zu nennen. Es gibt Theatervorführungen, einen Abend der Dorfgeschichte, Ausflüge der Feuerwehrsenioren und so weiter. Jeder einzelne Verein pflegt seine Termine, feiert seine Feste. Von der Feuerwehr über den Männergesangsverein und die kirchlichen Singgruppen bis zum Posaunenchor. Der Sportverein TSE hat so viele Mitglieder, wie das Dorf Einwohner hat. Die Tischtennis-Abteilung mit ihren sieben Herrenmannschaften ist im Kreis bekannt.

          In jeder Veranstaltung steckt ehrenamtliches Engagement

          Die Fülle an Aktivitäten in diesem kleinen Dorf kann einem den Atem verschlagen. Die Veranstaltungen sind Ausdruck eines Gemeinschaftslebens, das man auf dem Dorf vermutlich leichter verwirklichen kann als in Großstädten. Zugleich steckt in jeder Veranstaltung ehrenamtliches Engagement, für das sich zahllose Kirchberger offenbar immer wieder gewinnen lassen: Sie backen Kuchen, putzen Gemeinschaftsräume, organisieren Tombolas oder den Thekendienst bei Dorffesten.

          “Der letzte Zeuge“ heißt eine Hollywood-Produktion mit dem Schauspieler Harrison Ford, bei der die archaische Religionsgemeinschaft der Amish ein Holzfachwerk-Haus errichtet. Die Filmszene ist eine kitschig-anrührende Ode an den Gemeinsinn, an den Fleiß und an die Energie, die aus der Solidarität erwachsen. Die Kirchberger können auf ein solches Gemeinschaftsereignis zurückblicken.

          Kirchberg im Dreieck zwischen Hannover, Göttingen und Braunschweig
          Kirchberg im Dreieck zwischen Hannover, Göttingen und Braunschweig : Bild: F.A.Z.

          Als die Tischtennis-Abteilung ihren Trainingsplatz im alten Tanzsaal der Kneipe verlor, weil der Wirt aufgab, bauten die Kirchberger sich 1984 selbst eine Turnhalle neben das Dorfgemeinschaftshaus. Die Lehrer opferten ihre Sommerferien, die Bauern, die in der Ernte steckten, nutzten die nassen Tage zur Mithilfe. Der gerade arbeitslos gewordene Maurer führte Regie. Zahllose Kirchberger halfen mit Geld, Arbeitszeit, Gerät oder einfach einem Kasten Bier. Es dürfte für die Stadt Seesen die billigste Sporthalle überhaupt geworden sein. Und sie ist ausgebucht.

          Die Anpackkultur der Dörfler

          1986 wurde Kirchberg im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ Kreissieger. Es machte sich bezahlt, dass die Hausbesitzer bewogen wurden, ihre Fachwerkhäuser von den Eternit-Behängen zu befreien. Gewürdigt wurde aber auch der Gemeinsinn der Dörfler. Anpackkultur nennt Geographieprofessor Gerhard Henkel so etwas. Der Dorf-Forscher zitiert aus Studien, denen zufolge die ländlichen Angebote, Sport oder Musik zu machen, zahlreicher sind als in Großstädten. In Kirchberg kümmert sich die Frau des Pastors ums Singen, Flöten und Klavierspielen. E-Gitarren-Unterricht kriegt man, und selbst eine kleine Schlagzeuger-Schule gibt es. „Früher war doch die Flötengruppe das höchste der Gefühle“, sagt Henkel.

          Die Dörfer verlieren permanent. Wenn wie in diesen Tagen Schlecker-Filialen schließen, wird das wieder offensichtlich. Doch sie gewinnen auch, und das ist die eigentliche Überraschung. Sie sind nicht mehr so abgehängt.

          Vor knapp 50 Jahren prägte der Pädagoge Georg Picht den Begriff Bildungskatastrophe. Die Symbolfigur der von Bildungserwerb abgekoppelten Bevölkerungsschichten war das katholische Arbeitermädchen vom Land. „Heute ist das Bildungsniveau in den Dörfern dem der Großstädte mindestens ebenbürtig“, sagt Dorf-Forscher Henkel. Härter gesagt: Man muss nicht verblöden auf dem Dorf.

          Das Rittergut hat nur noch einen einzigen Festangestellten

          “Should I go or should I stay“. Das Kalkül ist nicht mehr so einfach, wie es scheint. Der wichtigste Grund, das Dorf zu verlassen, war stets Lohn und Brot. „In den vergangenen 60 Jahren hat das Dorf einen Großteil seiner Arbeitsplätze verloren“, schreibt Geograph Gerhard Henkel in seinem großen neuen Buch „Das Dorf“.

          Die Leute lebten von der Landwirtschaft. Mähdrescher, Trecker und Agrarchemie haben die meisten Landarbeiter überflüssig gemacht. In Kirchberg war das nicht anders. Das Dorf wird mitgeprägt vom Rittergut meiner Familie, das heute Cousin Friedrich von Petersdorff-Campen gehört. Er bewirtschaftet den großen Landwirtschaftsbetrieb mit einem einzigen festangestellten Mitarbeiter. Nach dem Krieg, erinnern sich alte Kirchberger, zogen bis zu hundert Leute vom Gut los, um die Ernte einzubringen. Bis in die frühen siebziger Jahre hinein hatte das Rittergut noch einen Schreiner (ursprünglich Stellmacher), einen Schmied, einen Schweinemeister, mehrere Melker und Treckerfahrer.

          Viele Fabriken in der näheren Umgebung schrumpften oder mussten ganz aufgeben.
          Viele Fabriken in der näheren Umgebung schrumpften oder mussten ganz aufgeben. : Bild: Helmut Fricke

          Irgendwann mussten sich viele Kirchberger entscheiden, ob sie Arbeit außerhalb finden und trotzdem im Dorf bleiben. In der Stadt Seesen gab es eine blühende Dosenindustrie, die eine Zeitlang Arbeit bot. Doch viele Fabriken in der näheren Umgebung schrumpften oder mussten ganz aufgeben.

          Kirchbergs großes Glück ist die Bundesautobahn A7

          In Seesen ist inzwischen eine Klinik der größte Arbeitgeber. Die Kirchberger teilen das Schicksal der meisten deutschen Bewohner der rund 30.000 Dörfer in Deutschland: Sie pendeln zur Arbeit. Fahrgemeinschaften in die VW-Fabrik in Salzgitter haben sich organisiert, andere fahren täglich nach Braunschweig, Wolfsburg, Hannover oder Göttingen und zurück. Kirchbergs großes Glück ist die drei Minuten entfernte Bundesautobahn A7, die den Ort mit den Städten und dem Rest der großen Welt verbindet.

          Geändert hat sich auch die soziale Struktur des Dorfes. Der Lehrer Ralph Wagner kam 1967 als DDR-Flüchtling nach Kirchberg und ist heute eine der Stützen des kulturellen Lebens. „Damals hatten die Bauern das Sagen“, berichtet er. Um die zehn stolze Bauernfamilien regierten oder hatten zumindest den größten Einfluss. Heute gibt es kaum noch Bauern: Meinen Cousin noch. Und meinen Bruder. Der hat einen Betrieb zwei Kilometer vor Kirchberg, auf dem er zusammen mit einem Kirchberger Landwirt wirtschaftet. Der Wandel hat positive Folgen: Einfluss hat jetzt, wer viel fürs Dorf macht, und nicht mehr, wer viele Hektar pflügt.

          Die Umstrukturierung der Landwirtschaft war in gewisser Weise ein Segen für Kirchberg. Die Bauern haben ihre Schweine- und Kuhställe zu Wohnungen umgebaut. Auf dem Rittergut meines Cousins leben inzwischen 30 Parteien mit hundert Leuten. Das attraktive Ambiente hat vor allem junge Familien nach Kirchberg gebracht, die in den alten umgebauten Ställen das Landleben genießen.

          „Wenn schon Landleben, dann richtig“

          Roland Meyer zum Beispiel. Der Mann ist in Aachen aufgewachsen, hat in Berlin studiert und lebt seit sechs Jahren in Kirchberg auf dem Gutsgelände. Ihn und seine in Berlin aufgewachsene Frau hat es mit zwei Kindern ausgerechnet nach Kirchberg verschlagen, weil er Arbeit als Musiklehrer an einem Gymnasium in der Nähe fand. „Wenn schon Landleben, dann richtig“, hatte Roland Meyers Frau als Losung ausgegeben. Jetzt haben die Meyers vier Kinder, ein paar Haustiere, er spielt Fußball im Verein und wurde im letzten Jahr durch gutes Zureden davon überzeugt, Ortsbürgermeister zu werden. „Den lassen wir nicht wieder weg“, sagt Heike von Petersdorff, die Frau meines Cousins.

          Dörfer bieten einen Wohlstand, der schwerer zu messen ist als das Bruttosozialprodukt. Fast alle haben hier ein Haus, was bei den 60.000 bis 120.000 Euro pro Immobilie inklusive Grundstück leichter zu erreichen ist als in Frankfurt. Häuser werden hier gemeinsam gebaut, Dächer gemeinsam gedeckt. Nur das Komplizierte überlässt man den Handwerksmeistern. Die Naturaltausch-Kultur macht das Leben einfach billiger.

          Die Meyers sind das Musterbeispiel an gelungener Integration. Manchmal klappt es auch nicht so gut. Manche der neuen Bewohner wollen nicht oder noch nicht mitmachen beim Kirchberger Gemeinschaftsleben. Andere wiederum können offenkundig nicht mehr ohne. Das Dorf-Genie Armin Ollbrich, ein promovierter Chemiker, forscht für die Spezialchemie-Firma HCStarck, auf seinen Patenten gründen Fertigungslinien des Unternehmens, er hätte führende Positionen im kanadischen Zweig der Firma einnehmen können.

          Nicht mehr so abgehängt wie in alten Zeiten

          Er blieb in Kirchberg, wohnt weiter bei seinen Eltern. Er bereichert die sechste Tischtennis-Herrenmannschaft, den Posaunenchor und hat „Church-Hills Blasenleiden“ mit aus der Taufe gehoben. Gelegentlich muss er Dienstreisen nach Kanada oder Japan unternehmen. „Should I stay or should I go?“ Ollbrichs Antwort ist klar.

          Noch einen Trost für Dörfler. Sie sind nicht mehr so abgehängt wie in alten Zeiten. Rudi Wuttke und Friedrich von Petersdorff haben erfolgreich darum gekämpft, dass das Dorf ein schnelles Internet bekam, als die Dorfstraße saniert wurde. So kann der Trödler im Dorf über Ebay handeln, der Grafiker seine Layouts versenden und das polnisch-englische Übersetzungsbüro leichter Aufträge abwickeln. Und die Generation Facebook geht dem Dorf nicht von der Fahne.

          Durch das schnelle Internet kann der Trödler im Dorf über Ebay handeln und der Grafiker seine Layouts versenden.
          Durch das schnelle Internet kann der Trödler im Dorf über Ebay handeln und der Grafiker seine Layouts versenden. : Bild: Helmut Fricke

          Acht von zehn Dorfbewohnern sagen in Umfragen, sie fühlten sich wohl, einer von zwei Großstadtbewohnern sagt, er würde lieber aufs Land ziehen, wenn die Arbeit es erlaubte. „Das Dorf ist ein Erfolgsmodell der Europäischen Geschichte“, proklamiert Geograph Henkel: „Es hat Zukunft.“ Inzwischen laufen wieder mehr schwangere Frauen durch Kirchberg, hat Rudi Wuttke beobachtet. Tischtennis, Church-Hills Blasenleiden, Fußball und Politik waren bisher seine Projekte. Jetzt will der Englisch- und Geschichtslehrer ein neues Großvorhaben angehen: Rudi Wuttke hat es sich in den Kopf gesetzt, die Skat-Kultur zurück nach Kirchberg zu bringen. Dafür braucht er eine Kneipe. Das wird eine echte Herausforderung. Kein Wunder, dass der Mann sich pensionieren lassen muss.

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