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Gemeinsinn statt Landflucht : Kirchberg - ein Dorf mit Zukunft

„Wenn schon Landleben, dann richtig“

Roland Meyer zum Beispiel. Der Mann ist in Aachen aufgewachsen, hat in Berlin studiert und lebt seit sechs Jahren in Kirchberg auf dem Gutsgelände. Ihn und seine in Berlin aufgewachsene Frau hat es mit zwei Kindern ausgerechnet nach Kirchberg verschlagen, weil er Arbeit als Musiklehrer an einem Gymnasium in der Nähe fand. „Wenn schon Landleben, dann richtig“, hatte Roland Meyers Frau als Losung ausgegeben. Jetzt haben die Meyers vier Kinder, ein paar Haustiere, er spielt Fußball im Verein und wurde im letzten Jahr durch gutes Zureden davon überzeugt, Ortsbürgermeister zu werden. „Den lassen wir nicht wieder weg“, sagt Heike von Petersdorff, die Frau meines Cousins.

Dörfer bieten einen Wohlstand, der schwerer zu messen ist als das Bruttosozialprodukt. Fast alle haben hier ein Haus, was bei den 60.000 bis 120.000 Euro pro Immobilie inklusive Grundstück leichter zu erreichen ist als in Frankfurt. Häuser werden hier gemeinsam gebaut, Dächer gemeinsam gedeckt. Nur das Komplizierte überlässt man den Handwerksmeistern. Die Naturaltausch-Kultur macht das Leben einfach billiger.

Die Meyers sind das Musterbeispiel an gelungener Integration. Manchmal klappt es auch nicht so gut. Manche der neuen Bewohner wollen nicht oder noch nicht mitmachen beim Kirchberger Gemeinschaftsleben. Andere wiederum können offenkundig nicht mehr ohne. Das Dorf-Genie Armin Ollbrich, ein promovierter Chemiker, forscht für die Spezialchemie-Firma HCStarck, auf seinen Patenten gründen Fertigungslinien des Unternehmens, er hätte führende Positionen im kanadischen Zweig der Firma einnehmen können.

Nicht mehr so abgehängt wie in alten Zeiten

Er blieb in Kirchberg, wohnt weiter bei seinen Eltern. Er bereichert die sechste Tischtennis-Herrenmannschaft, den Posaunenchor und hat „Church-Hills Blasenleiden“ mit aus der Taufe gehoben. Gelegentlich muss er Dienstreisen nach Kanada oder Japan unternehmen. „Should I stay or should I go?“ Ollbrichs Antwort ist klar.

Noch einen Trost für Dörfler. Sie sind nicht mehr so abgehängt wie in alten Zeiten. Rudi Wuttke und Friedrich von Petersdorff haben erfolgreich darum gekämpft, dass das Dorf ein schnelles Internet bekam, als die Dorfstraße saniert wurde. So kann der Trödler im Dorf über Ebay handeln, der Grafiker seine Layouts versenden und das polnisch-englische Übersetzungsbüro leichter Aufträge abwickeln. Und die Generation Facebook geht dem Dorf nicht von der Fahne.

Durch das schnelle Internet kann der Trödler im Dorf über Ebay handeln und der Grafiker seine Layouts versenden.
Durch das schnelle Internet kann der Trödler im Dorf über Ebay handeln und der Grafiker seine Layouts versenden. : Bild: Helmut Fricke

Acht von zehn Dorfbewohnern sagen in Umfragen, sie fühlten sich wohl, einer von zwei Großstadtbewohnern sagt, er würde lieber aufs Land ziehen, wenn die Arbeit es erlaubte. „Das Dorf ist ein Erfolgsmodell der Europäischen Geschichte“, proklamiert Geograph Henkel: „Es hat Zukunft.“ Inzwischen laufen wieder mehr schwangere Frauen durch Kirchberg, hat Rudi Wuttke beobachtet. Tischtennis, Church-Hills Blasenleiden, Fußball und Politik waren bisher seine Projekte. Jetzt will der Englisch- und Geschichtslehrer ein neues Großvorhaben angehen: Rudi Wuttke hat es sich in den Kopf gesetzt, die Skat-Kultur zurück nach Kirchberg zu bringen. Dafür braucht er eine Kneipe. Das wird eine echte Herausforderung. Kein Wunder, dass der Mann sich pensionieren lassen muss.

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