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Gemeinsinn statt Landflucht : Kirchberg - ein Dorf mit Zukunft

Die Dörfer verlieren permanent. Wenn wie in diesen Tagen Schlecker-Filialen schließen, wird das wieder offensichtlich. Doch sie gewinnen auch, und das ist die eigentliche Überraschung. Sie sind nicht mehr so abgehängt.

Vor knapp 50 Jahren prägte der Pädagoge Georg Picht den Begriff Bildungskatastrophe. Die Symbolfigur der von Bildungserwerb abgekoppelten Bevölkerungsschichten war das katholische Arbeitermädchen vom Land. „Heute ist das Bildungsniveau in den Dörfern dem der Großstädte mindestens ebenbürtig“, sagt Dorf-Forscher Henkel. Härter gesagt: Man muss nicht verblöden auf dem Dorf.

Das Rittergut hat nur noch einen einzigen Festangestellten

“Should I go or should I stay“. Das Kalkül ist nicht mehr so einfach, wie es scheint. Der wichtigste Grund, das Dorf zu verlassen, war stets Lohn und Brot. „In den vergangenen 60 Jahren hat das Dorf einen Großteil seiner Arbeitsplätze verloren“, schreibt Geograph Gerhard Henkel in seinem großen neuen Buch „Das Dorf“.

Die Leute lebten von der Landwirtschaft. Mähdrescher, Trecker und Agrarchemie haben die meisten Landarbeiter überflüssig gemacht. In Kirchberg war das nicht anders. Das Dorf wird mitgeprägt vom Rittergut meiner Familie, das heute Cousin Friedrich von Petersdorff-Campen gehört. Er bewirtschaftet den großen Landwirtschaftsbetrieb mit einem einzigen festangestellten Mitarbeiter. Nach dem Krieg, erinnern sich alte Kirchberger, zogen bis zu hundert Leute vom Gut los, um die Ernte einzubringen. Bis in die frühen siebziger Jahre hinein hatte das Rittergut noch einen Schreiner (ursprünglich Stellmacher), einen Schmied, einen Schweinemeister, mehrere Melker und Treckerfahrer.

Viele Fabriken in der näheren Umgebung schrumpften oder mussten ganz aufgeben.
Viele Fabriken in der näheren Umgebung schrumpften oder mussten ganz aufgeben. : Bild: Helmut Fricke

Irgendwann mussten sich viele Kirchberger entscheiden, ob sie Arbeit außerhalb finden und trotzdem im Dorf bleiben. In der Stadt Seesen gab es eine blühende Dosenindustrie, die eine Zeitlang Arbeit bot. Doch viele Fabriken in der näheren Umgebung schrumpften oder mussten ganz aufgeben.

Kirchbergs großes Glück ist die Bundesautobahn A7

In Seesen ist inzwischen eine Klinik der größte Arbeitgeber. Die Kirchberger teilen das Schicksal der meisten deutschen Bewohner der rund 30.000 Dörfer in Deutschland: Sie pendeln zur Arbeit. Fahrgemeinschaften in die VW-Fabrik in Salzgitter haben sich organisiert, andere fahren täglich nach Braunschweig, Wolfsburg, Hannover oder Göttingen und zurück. Kirchbergs großes Glück ist die drei Minuten entfernte Bundesautobahn A7, die den Ort mit den Städten und dem Rest der großen Welt verbindet.

Geändert hat sich auch die soziale Struktur des Dorfes. Der Lehrer Ralph Wagner kam 1967 als DDR-Flüchtling nach Kirchberg und ist heute eine der Stützen des kulturellen Lebens. „Damals hatten die Bauern das Sagen“, berichtet er. Um die zehn stolze Bauernfamilien regierten oder hatten zumindest den größten Einfluss. Heute gibt es kaum noch Bauern: Meinen Cousin noch. Und meinen Bruder. Der hat einen Betrieb zwei Kilometer vor Kirchberg, auf dem er zusammen mit einem Kirchberger Landwirt wirtschaftet. Der Wandel hat positive Folgen: Einfluss hat jetzt, wer viel fürs Dorf macht, und nicht mehr, wer viele Hektar pflügt.

Die Umstrukturierung der Landwirtschaft war in gewisser Weise ein Segen für Kirchberg. Die Bauern haben ihre Schweine- und Kuhställe zu Wohnungen umgebaut. Auf dem Rittergut meines Cousins leben inzwischen 30 Parteien mit hundert Leuten. Das attraktive Ambiente hat vor allem junge Familien nach Kirchberg gebracht, die in den alten umgebauten Ställen das Landleben genießen.

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