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Gemeinsinn statt Landflucht : Kirchberg - ein Dorf mit Zukunft

Im Gemeinschaftshaus findet eine kleine Versammlung statt, und unter dem Dach schmettert die zumindest in Kirchberg legendäre Gruppe „Church-Hills Blasenleiden“ den Sweet-Song „Ballroom Blitz“ ins Gebälk. Die Band übt für ihren großen Auftritt an diesem Wochenende. Eine Posaune, drei Gitarren, zwei Sänger, am Saxophon der alte Dorflehrer und Orts-Chronist Ralph Wagner und am Schlagzeug Rudi Wuttke, der vor wenigen Monaten seine 15 Jahre währende Ehrenamtszeit als Ortsbürgermeister beendet hat.

Wenn „Church-Hills Blasenleiden“ einmal im Jahr auftritt, dann ist das ganze Dorf auf den Beinen. Aber das ist es immer, wenn es hier etwas zu feiern gibt, was sich wiederum öfter ergibt: Zehn Tage im Juli sind für die Sportwoche mit Open-Air-Festival zum Abschluss reserviert, es gibt das Brunnenfest, den Frühschoppen am Tag der deutschen Einheit und den Weihnachtsmarkt, um nur Höhepunkte zu nennen. Es gibt Theatervorführungen, einen Abend der Dorfgeschichte, Ausflüge der Feuerwehrsenioren und so weiter. Jeder einzelne Verein pflegt seine Termine, feiert seine Feste. Von der Feuerwehr über den Männergesangsverein und die kirchlichen Singgruppen bis zum Posaunenchor. Der Sportverein TSE hat so viele Mitglieder, wie das Dorf Einwohner hat. Die Tischtennis-Abteilung mit ihren sieben Herrenmannschaften ist im Kreis bekannt.

In jeder Veranstaltung steckt ehrenamtliches Engagement

Die Fülle an Aktivitäten in diesem kleinen Dorf kann einem den Atem verschlagen. Die Veranstaltungen sind Ausdruck eines Gemeinschaftslebens, das man auf dem Dorf vermutlich leichter verwirklichen kann als in Großstädten. Zugleich steckt in jeder Veranstaltung ehrenamtliches Engagement, für das sich zahllose Kirchberger offenbar immer wieder gewinnen lassen: Sie backen Kuchen, putzen Gemeinschaftsräume, organisieren Tombolas oder den Thekendienst bei Dorffesten.

“Der letzte Zeuge“ heißt eine Hollywood-Produktion mit dem Schauspieler Harrison Ford, bei der die archaische Religionsgemeinschaft der Amish ein Holzfachwerk-Haus errichtet. Die Filmszene ist eine kitschig-anrührende Ode an den Gemeinsinn, an den Fleiß und an die Energie, die aus der Solidarität erwachsen. Die Kirchberger können auf ein solches Gemeinschaftsereignis zurückblicken.

Kirchberg im Dreieck zwischen Hannover, Göttingen und Braunschweig
Kirchberg im Dreieck zwischen Hannover, Göttingen und Braunschweig : Bild: F.A.Z.

Als die Tischtennis-Abteilung ihren Trainingsplatz im alten Tanzsaal der Kneipe verlor, weil der Wirt aufgab, bauten die Kirchberger sich 1984 selbst eine Turnhalle neben das Dorfgemeinschaftshaus. Die Lehrer opferten ihre Sommerferien, die Bauern, die in der Ernte steckten, nutzten die nassen Tage zur Mithilfe. Der gerade arbeitslos gewordene Maurer führte Regie. Zahllose Kirchberger halfen mit Geld, Arbeitszeit, Gerät oder einfach einem Kasten Bier. Es dürfte für die Stadt Seesen die billigste Sporthalle überhaupt geworden sein. Und sie ist ausgebucht.

Die Anpackkultur der Dörfler

1986 wurde Kirchberg im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ Kreissieger. Es machte sich bezahlt, dass die Hausbesitzer bewogen wurden, ihre Fachwerkhäuser von den Eternit-Behängen zu befreien. Gewürdigt wurde aber auch der Gemeinsinn der Dörfler. Anpackkultur nennt Geographieprofessor Gerhard Henkel so etwas. Der Dorf-Forscher zitiert aus Studien, denen zufolge die ländlichen Angebote, Sport oder Musik zu machen, zahlreicher sind als in Großstädten. In Kirchberg kümmert sich die Frau des Pastors ums Singen, Flöten und Klavierspielen. E-Gitarren-Unterricht kriegt man, und selbst eine kleine Schlagzeuger-Schule gibt es. „Früher war doch die Flötengruppe das höchste der Gefühle“, sagt Henkel.

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