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Geldpolitik : Lob und Tadel zum Abschied von Ben Bernanke

Ben Bernanke: seit 2006 Vorsitzender der Federal Reserve Bild: AFP

Der scheidende Präsident der Federal Reserve, Ben Bernanke, gilt als entschlossener Retter – in einer Finanzkrise, an deren Entstehung er selbst beteiligt war. Im Februar übernimmt Janet Yellen.

          „Drei Männer und ein Bail-out“ betitelte die amerikanische Zeitschrift „Time“ im Herbst 2008, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, einen Artikel über die Rettung des Versicherungskonzerns AIG. Die Männer waren Henry Paulson, der Finanzminister, Timothy Geithner, Präsident der Federal Reserve Bank von New York und später Nachfolger Paulsons, sowie Ben Bernanke, Vorsitzender des Federal Reserve System (Fed). Zwei der drei haben sich aus der Öffentlichkeit schon verabschiedet: Paulson ging mit der republikanischen Regierung, Geithner hatte vor einem Jahr genug vom Dasein eines Finanzministers.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Nun geht von den drei Männern der Finanzkrise auch Ben Bernanke. An diesem Mittwoch wird er zum letzten Mal die Sitzung des Offenmarktausschusses leiten. Nach acht Jahren an der Spitze der Notenbank gilt das allgemeine Lob überwiegend seiner Rolle während der Finanzkrise. Bernanke habe mit einer aggressiven Geldpolitik den Absturz in eine zweite Depression wie in den dreißiger Jahren verhindert, heißt es. In die Lobeshymnen mischt sich aber Kritik – im Rückblick als auch beim Blick nach vorne.

          Bernanke hat seinen Einfluss auf die Blase immer bestritten

          Bernanke werde in Erinnerung bleiben „als entschlossener Retter in einer Finanzkrise, an deren Entstehung er mitbeteiligt war“, sagt Joachim Fels, Chefvolkswirt von Morgan Stanley. Das ist der kritische Blick zurück. Bernanke war vor seiner Zeit als Vorsitzender Fed-Gouverneur gewesen, von 2002 bis 2005. Als Experte der Großen Depression in den dreißiger Jahren kam er in die Fed und warnte vor einer deflationären Abwärtsspirale. Auch dank seines Einflusses ließ sich die Fed von 2003 bis 2005 auf eine Niedrigzinspolitik ein, die die Hauspreise mit in die Höhe und die Anleger in übertriebene Risiken trieb, wie der Stanford-Ökonom John Taylor kritisiert.

          Bernanke hat wie sein Vorgänger Alan Greenspan diesen Zusammenhang immer bestritten und die Hauspreisblase auf einen globalen Überfluss an Sparkapital zurückgeführt, der die langfristigen Zinsen niedrig hielt. Doch begann er seine Zeit als Fed-Vorsitzender 2006 mitten in einem Zinserhöhungszyklus, der nach Meinung mancher zu spät kam. Die Fed erkannte das Ausmaß der wirtschaftlichen Gefahren der Hauspreisblase relativ spät. Noch im Mai 2007 erwartete Bernanke keine größeren Verwerfungen für Wirtschaft und Finanzmärkte aus der Krise am Markt für Hauskredite niedriger Qualität.

          Im August senkte die Fed dann den Diskontsatz auf 5,75 Prozent und begann einen aggressiven Zinssenkungsreigen, der die Fed Funds Rate bis Dezember 2008 faktisch auf null Prozent brachte. Schon im Dezember 2007 pumpte die Fed mit der Term Auction Facility Liquidität in die Wirtschaft. Es folgten bis 2008 eine Vielzahl solcher Programme, deren Abkürzungen sich wie die Einlage einer Buchstabennudelsuppe lesen: TAF, TSLF, PDCF, AMLF, CPFF, MMIFF oder TALF. Der Ökonom Kenneth Rogoff von der Harvard-Universität lobte die außerordentliche Kreativität, die die Fed während der Krise zeigte.

          „Sie haben Dinge ausprobiert, die einfach surreal waren“, sagte Rogoff vor kurzem. Er nannte beispielhaft die Entscheidung, die Investmentbanken in Banken umzutaufen, so dass die Fed ihnen Geld geben konnte. Die temporären Liquiditätshilfen zum Vorzugszins entsprachen nicht den Anforderungen, die der britische Ökonom Walter Bagehot 1873 an Nothilfen der Zentralbank für illiquide Finanzhäuser gestellt hatte. Doch waren sie relativ unumstritten.

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