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Gehälter im Fußball : Werden schwarze Spieler schlechter bezahlt?

3:0 gegen Honduras macht Freude: Französische Spieler bei der WM in Brasilien Bild: AFP

Der Fußball feiert sich als Vorkämpfer gegen Rassismus. Der Erfolgshunger ist stärker als jede Fremdenfeindlichkeit. Doch wer genau hinschaut, entdeckt: Vorurteile gibt es besonders an einer Stelle.

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          Sport hat eine größere Kraft, den allgegenwärtigen Rassismus zu überwinden, als Regierungen. Das hat Nelson Mandela gesagt, als er den brasilianischen Fußballspieler Pelé für seine Lebensleistung ehrte. Aber hat der Sport diese Kraft bisher genutzt? Wird im Sport wirklich weniger diskriminiert als in anderen Gesellschaftsbereichen?

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Man möchte gerne ja sagen. Die deutsche Fußballnationalmannschaft findet so viel Anerkennung wie selten zuvor, und sie ist so divers wie nie: Viele Spieler der WM-Teilnehmer in Brasilien stammen aus eingewanderten Familien. Der Mittelfeldstar Mesut Özil, dessen Wurzeln in der Türkei liegen, gehört zu den Spielern mit der größten Anhängerschaft in sozialen Netzwerken.

          Der Erfolg der mit Ausländer-Sprösslingen gespickten französischen Nationalmannschaft wurde 1998 nach ihrem Triumph bei der Weltmeisterschaft vom konservativen Präsidenten Jacques Chirac als Ausdruck des „vielfarbig gewinnenden Frankreich“ bezeichnet. Soweit die anekdotische Fundierung für die integrative Kraft des Sports.

          Gute Spieler auszusieben, kostet Einnahmen

          Der britische Sportökonom Stefan Szymanski hat versucht, die Diskriminierung und ihre Wirkung mit harten Zahlen zu messen. Wie sich herausstellt, hat der bezahlte Fußball in England besonders gute Voraussetzungen für eine solche Untersuchung, weil am Arbeitsmarkt beinahe der kalte Manchester-Kapitalismus regiert. Von Scheichs, Oligarchen oder Aktionären beherrschte Fußballunternehmen hungern nach Erfolg in einem weitgehend unregulierten Markt.

          Angenehm für Statistiker ist auch, dass es bei den Profiteams um eine überschaubare Gruppe von Spezialisten geht und die Wirkzusammenhänge durchschaubar sind. Von den individuellen Fähigkeiten des Kickers hängt der Erfolg eines Teams ziemlich unmittelbar ab. Der sportliche Erfolg zieht wiederum wirtschaftlichen Erfolg nach sich: mehr Fans, mehr Fernseheinnahmen, mehr Werbeeinnahmen, mehr Wettbewerbsprämien.

          Jeder, der deshalb bei der Zusammenstellung seines Teams gute Spieler aussiebt, weil sie zum Beispiel schwarz sind, erleidet damit Verluste. Schließlich gehört noch zu den wichtigen Besonderheiten des Profisports speziell in der Premier League, dass hier keine Gewerkschaften kollektive Tarife mit den Clubbesitzern aushandeln. Wie in der Idealwelt der freien Marktwirtschaft handeln hier die arbeitnehmenden Spieler und die betrauten Agenten Einzelverträge mit den Clubbesitzern aus.

          Geld schießt Tore

          Szymanski hat nun folgende Hypothese aufgestellt: Wenn Proficlubs systematisch diskriminieren, indem sie vermeiden, schwarzen Spielern Profiverträge zu geben, dann müsste die Nachfrage nach schwarzen Spielern geringer sein als nach weißen Spielern. Und die schwarzen Spieler müssten deshalb weniger Geld bekommen als ihre weißen Kollegen auf dem Platz. Die weißen Spieler wiederum müssten überbezahlt sein.

          Nun hat der bezahlte Fußball noch eine Besonderheit, die ihn aus den klassischen Wirtschaftsunternehmen heraushebt: Die Lohnsumme für die Spieler steht in einem engen statistischen Zusammenhang mit ihrem Erfolg. Hochbezahlte Truppen sind tendenziell erfolgreich oder, anders ausgedrückt: Geld schießt Tore.

          Wenn also nun Proficlubs mit einem hohen Anteil an schwarzen Spielern besser abschneiden, als es ihre Entlohnung statistisch erwarten lassen würde, oder auch signifikant besser als Clubs des gleichen Lohnniveaus ohne schwarze Spieler, dann wären schwarze Spieler unterbezahlt.

          Ein paar Ausnahmen gibt es

          Tatsächlich hat Szymanski aus den Statistiken der ersten englischen Liga zwei Ergebnisse bekommen. Zum einen gab es früher Diskriminierung: Mannschaften mit hohem Anteil an schwarzen Spielern schnitten besser ab. Gleichzeitig zeigte sich aber auch die nivellierende Kraft des Wettbewerbs im britischen Profifußball. In diesem hocheffizienten Arbeitsmarkt richteten einige Clubs sofort ihr Augenmerk auf unterbezahlte schwarze Spieler und warben sie mit höheren Gehältern ab.

          Heute sind die rassistischen Entlohnungsunterschiede verschwunden, sie gründen nur noch auf Leistungsdifferenzen. Jetzt gibt es auch keine Tendenz mehr, dass Mannschaften mit einem höheren Anteil an Schwarzen besser abschneiden. Der Wettbewerb und der Erfolgshunger der Clubs ist stärker als die unbestreitbar vorhandene Ausländerfeindlichkeit. Die freie Marktwirtschaft, wie sie besonders im Profifußball praktiziert wird, hat nichts übrig für Rassismus.

          Allerdings: Ein paar Ausnahmen gibt es schon noch. Probleme bereiten weniger die Clubbesitzer, sondern eher eine Gruppe von Leuten, die qua Amt zu Neutralität inklusive Farbenblindheit verpflichtet sind: Britische weiße Schiedsrichter in der Premier League zeigen nichtweißen Fußballern signifikant mehr Gelbe Karten als weißen Spielern.

          Der Weg zur Gleichheit ist noch nicht beendet

          Dieser Anteil steigt noch, wenn der Schiedsrichter unter Zeitdruck steht und wenn die Situation so uneindeutig ist, dass sie sowohl mit Gelber Karte geahndet werden kann als auch nicht. Der Weg zu mehr Gleichheit ist noch nicht beendet, wie ein weiteres Phänomen zeigt. Während zahllose weiße Fußballer nach ihrer Spielerkarriere als Trainer arbeiten, sind schwarze Ex-Spieler in dieser Berufsgruppe noch die große Ausnahme.

          Noch ein Aspekt ist schließlich wichtig, damit Nelson Mandelas Aussage von der zusammenführenden Kraft des Sports richtig bleibt: das Gewinnen. Das hat der Ökonom Ignacio Palacios-Huerta in seinem Buch „Beautiful Game Theory“ angemerkt. Frankreichs Nationalteam konnte nur zum Rollenmodell einer ganzen Nation werden, weil die Mannschaft die Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich gewann.

          Die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika endete für die Franzosen in einem Debakel. Sie schlugen sich untereinander, belegten den Trainer mit Schimpfworten, boykottierten Trainingseinheiten und fuhren geprügelt schon nach der Vorrunde nach Hause. Von Zusammenhalt war da nichts zu spüren.

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