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Flugbegleiter in Singapur, London und Paris : Drei Frisuren zur Wahl, Abfindung für Schwangere

Sinnbild für Servicequalität, modelhaftes Aussehen und Freundlichkeit: Flugbegleiterinnen der Singapore Airlines Bild: AFP

In Deutschland kämpft die Flugbegleitergewerkschaft UFO für höhere Löhne und gegen Leiharbeiter. Wie es um die Arbeitsbedingungen der Stewardessen und Stewards rund um den Erdball steht, berichten unsere Korrespondenten aus Singapur, London und Paris.

          1. Strenge Regeln bei Singapore Airlines

          Die gut dreimonatige Ausbildung der staatlichen Luxuslinie Singapurs gilt als hart, aber effizient. In mehr als 160 Kursen umfasst die Schulung von Singapore Airlines das Schminken (innerhalb von fünf Minuten), die Auswahl unter drei Frisuren, das richtige Gehen aber auch Selbstverteidigung. Vor allem aber geht es um den Fluggast, ihn richtig zu betreuen, ihm fast jeden Wunsch von den Augen abzulesen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          In ihren „Kebayas“, den geschlitzten Kleidern aus der Designerfeder des Franzosen Pierre Balmain, sind die „Singapore Girls“ längst zum Sinnbild für Servicequalität, modelhaftes Aussehen und Freundlichkeit geworden. Ihr Grundgehalt liegt bei rund 30.000 Singapur Dollar (19.108 Euro) jährlich. Interessant sind die Zuschläge für Langstreckenflüge, Übernachtungen, Essen, Transport und Kleidung. So kommen Stewardessen in der Regel auf mehr als 3500, können aber sogar 6000 Singapur Dollar monatlich erreichen, heißt es in der staatlichen Zeitung.

          Seit 2010 zahlt Singapore Airlines Stewardessen, die aufgrund einer Schwangerschaft vertraglich gezwungen sind zu kündigen, freiwillig zwei Monate ein Grundgehalt weiter. Rund 5000 Bewerberinnen streben jährlich eine Stelle an und werden von 25 Gutachtern ausgewählt. Die Anforderungen sind hoch: Stewardessen wird empfohlen, ihren ersten Kebaya zu behalten, um beim Anprobieren zu überprüfen, dass sie nicht zugenommen haben. Bei den Verhandlungen um den Rentenbeginn musste sich zuletzt das Arbeitsministerium des Stadtstaates Singapur als Moderator einschalten: Bislang durften diejenigen in den unteren Rängen nur höchstens 17, die Erfahreneren höchstens 23 Jahre fliegen - das heißt, viele mussten mit Ende 30 gehen. Nun dürfen sie je nach Karriere 20 bis 30 Jahren an Bord bleiben.

          Beginnt ein „Singapore Girl“ durchschnittlich mit 23 Jahren, kann es bei einer Spitzenkarriere nun bis zum Alter von 53 fliegen. Männliche Kollegen dürfen im besten Fall bis 63 als Flugbegleiter arbeiten. Viele fallen danach in ein Loch, finden nur Gelegenheitsjobs. Chancen aber gibt es, dank des guten Rufs von Singapore Airlines. Eine frühere Flugbegleiterin wurde Service-Chef eines Spitzenrestaurants. Andere Ehemalige beraten Fluggesellschaften in der Schulung des Kabinenpersonals.

          2. British Airways mit 22 Streiktagen

          British Airways (BA) erlebte wie jetzt Lufthansa in den vergangenen Jahren einen erbitterten Arbeitskampf des Kabinenpersonals. Bis zur Beilegung des Konflikts im Frühjahr 2011 vergingen rund anderthalb Jahre. Im Geschäftsjahr 2010 kosteten insgesamt 22 Streiktage BA rund 150 Millionen Pfund (190 Millionen Euro). Nach Einschätzung von Analysten hat sich die Konfrontation wegen der erreichten Kostensenkungen für die Fluggesellschaft allerdings dennoch ausgezahlt.

          Der Streit war ausgebrochen, nachdem BA-Chef Willie Walsh angekündigt hatte, die Personalstärke auf Langstreckenflügen zu reduzieren. Die Gewerkschaft Unite hatte dies abgelehnt, weil die Kostensenkungsmaßnahme zu einer unzumutbaren Mehrbelastung für das Personal führe. Bei der britischen Fluggesellschaft erhalten Flugbegleiter nach Angaben eines Unternehmenssprechers ein Einstiegsgehalt von rund 20.000 Pfund im Jahr. Umgerechnet auf 14 Gehälter entspricht dies etwa 1800 Euro im Monat. Altgediente Mitarbeiter wurden allerdings noch zu deutlich besseren Konditionen eingestellt.

          Erfahrene Teamleiter (Purser) verdienen teilweise 40.000 Pfund im Jahr und mehr. Alle Flugbegleiter seien Angestellte von BA, sagte der Sprecher. Es würden keine Stellen an Zeitarbeitsfirmen ausgelagert. Auch eine feste interne Altersgrenze für die Flugbegleiter gebe es nicht.

          3. 500 Stunden Einsatz für Air France

          Die Personalkosten von Air France sind insgesamt höher als bei anderen Fluggesellschaften, das schließt selbst die Schwestergesellschaft KLM ein. Der Unterschied resultiert freilich weniger aus den individuellen Gehältern, sondern aus der größeren Zahl von Mitarbeitern und der geringeren Arbeitszeit. Im vergangenen Jahr betrug das durchschnittliche Bruttogehalt der jungen Stewardessen und Stewards inklusive Zulagen 25.847 Euro brutto, also rund 2150 Euro im Monat bei zwölf Gehältern. Mit zehn Jahren Berufszugehörigkeit stieg das Bruttogehalt auf 38.529 Euro, mit 15 Jahren Erfahrung auf 49.659 Euro. Darin sind Zulagen für Nachtflüge, Flüge von mehr als zehn Stunden sowie Überstundenzuschläge enthalten. Hinzu kommt eine Verkostungs-Zulage von 5200 Euro im Jahr.

          Das Problem von Air France ist indes, dass die 15.000 Stewardessen und Stewards im Schnitt nur rund 500 Stunden im Jahr auf Mittelstreckenflügen arbeiten. Bei Easy Jet sind es rund 850 Stunden. So machen die Personalkosten bei einem Mittelstreckenflug 18 Prozent des Gesamtaufwandes aus. Das soll auch deutlich über dem Satz der Lufthansa liegen, heißt es in Paris. Lohnkosten und Arbeitsstunden sind derzeit Gegenstand von harten Verhandlungen zwischen Konzernleitung und Gewerkschaften, denn Air France macht hohe Verluste. „Im Vergleich mit den anderen großen Gesellschaften in Europa liegen unsere Gehälter ungefähr in der Mitte“, sagt eine Sprecherin der Gewerkschaft SNPNC.

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