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Flüchtlingskrise : Viele Zuwanderer sind nur für Helfertätigkeiten geeignet

Deutschlernen als erste Integrationsvoraussetzung: Unterricht in einem Deutschkurs für Flüchtlinge und andere Einwanderer Bild: Andreas Pein

Mit Schulbildung und Berufserfahrung der Zuwanderer ist es oft nicht weit her, wie eine neue Untersuchung zeigt. Die fehlende Ausbildung trifft Frauen besonders hart.

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          Die erste Euphorie ist längst verflogen. Zu Beginn des großen Flüchtlingsstroms im vergangenen Spätsommer hatte Daimler-Chef Dieter Zetsche noch von der Grundlage für eine neues Wirtschaftswunder geschwärmt. Arbeitsmarktfachleute waren schon damals skeptisch, was die kurz- bis mittelfristigen Beschäftigungschancen der aus den Kriegsgebieten geflohenen Menschen in der deutschen Wirtschaft angeht. Auch Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) ruderte rasch von ihrer ersten Einschätzung über die „Arbeitskräfte von morgen“ zurück und schwenkte rhetorisch um auf „übermorgen“. Sie wäre schon froh, wenn jeder zehnte Flüchtling innerhalb des ersten Jahres eine Arbeit finden würde.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Denn obwohl bis heute keine repräsentativen Daten über die schulischen und beruflichen Qualifikationen der Flüchtlinge vorliegen, ergibt die wachsende Zahl von Umfragen und Erhebungen in der Summe doch ein zunehmend klares Bild: Die Engpässe an bestimmten Fachkräften lassen sich durch die Flüchtlinge kaum lösen. Viele der Neuankömmlinge – allein 2015 kam wohl über eine Million Menschen nach Deutschland – werden mangels Qualifikation und Berufserfahrung allenfalls eine Helfertätigkeit ergattern können.

          Schwierige Integration

          Dazu kommen häufig fehlende Sprachkenntnisse als Integrationshemmnis. Viele werden ihren Lebensunterhalt vorerst wohl ausschließlich durch Sozialleistungen bestreiten. Nahles kalkuliert in diesem Jahr mit bis zu 3,3 Milliarden Euro Mehrausgaben im Hartz-IV-System.

          Wie schwierig die Integration vieler Flüchtlinge in einem hochentwickelten und von der rasanten Digitalisierung geprägten Arbeitsmarkt wie dem deutschen werden dürfte, macht eine aktuelle Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) aus dem Januar deutlich.

          Aufmerksam: Flüchtlinge in der Edith-Stein-Schule in Ravensburg (Baden-Württemberg)

          Die „Flüchtlingsstudie 2014“ basiert auf der Befragung von rund 2800 Asylberechtigten und anerkannten Flüchtlingen mit besonderem Fokus auf den Hauptherkunftsländern Syrien, Irak und Afghanistan. Aus diesen drei Ländern stammten in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres mehr als ein Drittel aller Antragsteller, wobei der Großteil auf Syrien (24 Prozent) entfiel.

          73 Prozent aller Iraker ohne Abschluss

          Die schulische Bildung weist bei den irakischen Flüchtlingen die größten Mängel auf. Mehr als jeder Vierte gab an, überhaupt keine Schule besucht zu haben. Zähle man die Gruppe dazu , die lediglich vier Jahre lang eine Schulbank gedrückt hat, komme man auf einen Anteil von mehr als einem Drittel ohne nennenswerte schulische Bildung, rechnen die Autoren vor. Etwas besser sieht es bei der schulischen Bildung für Afghanen (25 Prozent) und Syrer (22 Prozent) aus. Deutlich ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern: Mehr als 35 Prozent der irakischen Frauen waren nicht in der Schule. Immerhin gab fast jeder zweite Afghane an, 10 bis 14 Jahre lang zur Schule gegangen zu sein.

          Die schlechte Schulbildung setzt sich im Berufsleben fort: 73 Prozent aller Iraker verfügten über keine Berufsausbildung oder Studienabschlüsse. Niedriger fielen die Werte für Afghanen (61) und Syrer (58) aus. Auch hier schnitten Frauen noch schlechter ab: Acht von zehn Irakerinnen verfügten nicht über eine solche Schlüsselqualifikation für den Arbeitsmarkt. Die BAMF-Autoren weisen darauf hin, dass auch die formal Unqualifizierten laut Eigenangaben mehrheitlich in ihrer Heimat berufstätig waren. Was sie gearbeitet haben, wird nicht aufgeführt.

          Pizzabäcker, Metzger oder Imbissverkäufer

          Daraus ergibt sich laut Studie ein Anteil von 13 Prozent „nichtqualifizierter“ Flüchtlinge im für den Arbeitsmarkt relevanten Alter zwischen 25 und 65 Jahren, die weder eine Schule besucht noch eine Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen haben. Frauen schneiden mit 17 Prozent schlechter ab (Männer 10 Prozent), kommen sie aus dem Irak, fällt der Wert mit 27 Prozent nochmals deutlich höher aus. Rund 10 Prozent der Flüchtlinge stuft das BAMF als „Höherqualifizierte“ ein, die mindestens zwölf Jahre Schulbesuch aufweisen können und ein Studium wenigstens begonnen haben. Die „breite Masse“ bewege sich zwischen diesen beiden Extremen.

          Die Studie untersucht auch, wie die zwischen 2008 und 2012 gekommenen Flüchtlinge mittlerweile in den deutschen Arbeitsmarkt integriert sind. „Trotz einer günstigen Altersstruktur und uneingeschränkten Arbeitsmarktzugangs sind nur gut ein Drittel der in der Studie befragten Flüchtlinge erwerbstätig“, zieht das BAMF nüchtern Bilanz. Iraker seien dabei mit 39 Prozent noch am häufigsten erwerbstätig, was angesichts der relativ schlechten Ausbildung zunächst überrasche.

          Dankbar und in Sicherheit, aber auch in den komplexen deutschen Arbeitsmarkt integrierbar?

          Die Autoren vermuten, dass der im Durchschnitt längere Aufenthalt in Deutschland der Iraker deren Chancen erhöhe. Zudem sind sie häufiger als die anderen Gruppen in Vollzeit beschäftigt. Afghanen befinden sich dafür öfters in Ausbildung. Am schlechtesten stelle sich die Lage für Syrer da. Beschäftigt sind die Flüchtlinge vor allem in der Küchenhilfen, als Lagerarbeiter, Paketboten, Lastwagenfahrer, Reinigungskräfte sowie als Pizzabäcker, Metzger oder Imbissverkäufer. „Die ausgeübten Tätigkeiten sind auf einige Branchen und Berufe konzentriert und überwiegend als gering bis mittel qualifiziert einzustufen“, heißt es. Dazu passen aktuelle Aussagen der Bundesagentur für Arbeit, wonach viele Flüchtlinge an einer angebotenen Ausbildung kein Interesse haben, sondern rasch Geld verdienen wollten. Häufig erwarten in der Heimat zurückgebliebene Familienmitglieder rasch erste Geldüberweisungen.

          Für immer in Deutschland bleiben

          Frauen schneiden aber laut Befragung auch in diesem Punkt erheblich schlechter ab: Nur 11 Prozent sind überhaupt erwerbstätig. Je zwei Drittel der Irakerinnen und Syrerinnen sind gar nicht am Arbeitsmarkt aktiv und auch nicht auf der Suche nach einer Stelle. Dies hänge vermutlich damit zusammen, dass diese Frauen durch Kinderbetreuung gebunden seien, sowie an der kulturspezifischen Arbeitsteilung in der Familie, an mangelnden Sprachkenntnissen und Qualifikationen.

          Insgesamt waren nur 42 Prozent der Befragten mit ihrem Beruf und 48 Prozent mit ihrem Einkommen „sehr“ oder „eher zufrieden“. Jeweils mehr als 70 Prozent erreichten dagegen die Werte für Gesundheit, Wohnen, familiäre Situation und soziale Kontakte. Rund 85 Prozent der Befragten gaben an, für immer in Deutschland bleiben zu wollen. Acht von zehn wollen auf jeden Fall auch die deutsche Staatsbürgerschaft erwerben.

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