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Schlepperbanden : Flüchtlinge zahlen Schleusern 16 Milliarden Euro

Flüchtlinge vor der Küste von Lampedusa Bild: dpa

Die Zahl der Flüchtlinge und Asylbewerber in Europa hat sich drastisch erhöht. Die Schlepperdienste sind zu einem Milliardengeschäft geworden.

          3 Min.

          In den vergangenen anderthalb Jahrzehnten sind etwa 1,2 Millionen Flüchtlinge und Migranten ohne Papiere durch Schleuserbanden nach Europa gekommen, hinzu kommt eine weitere große Zahl mit gefälschten Papieren oder Visa. Sie haben den kriminellen Organisationen nach neuen Recherchen rund 16 Milliarden Euro gezahlt. Diese Zahl hat eine internationale Gruppe von Journalisten, Statistikern und Computerspezialisten aus Hunderten von offiziellen Berichten und Medienrecherchen errechnet. Die am Donnerstag veröffentlichten Recherchen der Gruppe, die sich „The Migrants‘ Files“ nennt, bestätigen damit frühere Schätzungen von Sicherheitsbehörden, dass sich die Schlepperdienste – zu Land, übers Mittelmeer und auch per Flugzeug – zu einem Milliardengeschäft entwickelt haben.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Am teuersten sind Schlepperdienste für die Reise über den Balkan, am günstigsten sei die westliche Route übers Mittelmeer Richtung Spanien. Migranten aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara zahlten im Durchschnitt 700 Euro je Person für die Überfahrt übers Mittelmeer. Viele der Boote sind seeuntüchtig, sie kentern und Tausende Migranten sind schon ertrunken. Die reicheren Kunden der Schlepper meist aus dem Nahen Osten könnten sich auf dem Oberdeck einen Platz für 2000 Euro leisten, schreiben die Autoren der „Migrants‘ Files“. Flüchtlinge aus dem Irak zahlten bis zu 16.000 Euro für Flugreisen, zum Teil über Umwege bis nach Südamerika, für welche die  Schleuser gefälschte Ausweispapiere zur Verfügung stellen. Sie organisierten auch Schmiergeldzahlungen an korrupte Zollbeamte.

          Die Berichte über die Kosten für die Reise bestätigen Angaben etwa des Entwicklungsökonomen Paul Collier, dass aus Afrika und dem Nahen Osten meist nicht die Ärmsten der Armen kommen, sondern eher junge Männer aus der Mittelschicht, deren Familien und Dorfclans die Reise nach Europa als Investment sehen. Von den jungen Afrikanern wird dann erwartet, dass sie einen Großteil ihrer Einkünfte in Europa zurück nach Hause schicken.

          Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien haben sich die Zahlen der Flüchtlinge und Asylbewerber in Europa drastisch erhöht. Im vergangenen Jahr stellten 600.000 Menschen in EU-Ländern Erstanträge auf Asyl. Rund ein Drittel davon, 203.000, kamen nach Deutschland. Der Andrang nimmt stark zu. Im ersten Vierteljahr dieses Jahres stieg die Zahl der Asylantragsteller um 86 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Setzte sich die Entwicklung so fort, gäbe es dieses Jahr mehr als 1,1 Millionen Asylbewerber in der Europäischen Union. Das deutsche Bundesamt für Migration und Flüchtlinge rechnet mit bis zu 450.000 Neuasylanten in diesem Jahr.

          Derzeit ringen die Länder um eine gerechtere Verteilung der Migranten. Fast 50.000 Menschen, gut ein Viertel aller Asylbewerber, kamen in den Monaten Januar bis März aus dem Kosovo; von ihnen werden nur sehr wenige als wirklich asylberechtigt anerkannt. Deutschland registrierte im ersten Vierteljahr 40 Prozent aller Asylbewerber, die in EU-Länder kamen, gefolgt von Ungarn (18 Prozent). Mit weitem Abstand folgen Italien und Frankreich (je 8 Prozent). Schweden nimmt, gemessen an seiner Größe, mit 6 Prozent aller Asylanten mit Abstand am meisten auf. Dagegen nehmen osteuropäische Länder bislang kaum Flüchtlinge auf.

          Die Gruppe „The Migrants‘ Files“ kritisiert das europäische Grenzschutzsystem. Die EU habe eine „Festung Europa“ aufgebaut. Die verschiedenen Maßnahmen zum Grenzschutz, vor allem aber der Vollzug des Asylsystems mit der Rückführung abgelehnter Asylbewerber, kosteten jährlich etwa unter eine Milliarde Euro. Für die 2004 gegründete Grenzschutzagentur Frontex hätten die EU-Länder insgesamt 670 Millionen Euro ausgegeben. Hinzu kämen 226 Millionen Euro  für Ausrüstungen, rund 230 Millionen Euro für Forschungsprogramme und 77 Millionen Euro für den Bau von Grenzschutzanlagen wie Zäunen und Mauern. Mitte dieser Woche hat Ungarn die Errichtung eines Zauns an der Grenze zu Serbien angekündigt, um den Ansturm von Flüchtlingen abzuwehren. Nach Angaben der Autoren haben von öffentlichen Aufträgen im Zusammenhang mit dem EU-Grenzschutzsystem vor allem Rüstungskonzerne wie Airbus (EADS), Thales und Finmeccanica profitiert.

          Die bei weitem größten Kosten, 11,3 Milliarden Euro seit 2000, sind den Angaben zufolge beim Vollzug von Abschiebungen entstanden. Innenpolitiker berichten, wie schwierig die Rückführung abgelehnter Asylbewerber ist, da diese sich gegen Abschiebungen wehren, etwa indem sie Papiere vernichten. Zum Teil sind auch die Heimatländer unwillig, sie zurückzunehmen, etwa wenn sie in Deutschland straffällig geworden sind.

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