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Fußball-Verband Fifa : Eine Frage der Macht

Um die soziale Akzeptanz der WM ist es schlecht bestellt. Bild: dpa

Noch nie war eine Fußball-WM so brisant. Und noch nie sind die Schwachstellen einer globalen Sportorganisation wie der Fifa so deutlich hervorgetreten. Was ist, wenn die WM in Brasilien im Chaos versinkt?

          6 Min.

          Die großen Konzerne, die Millionen in das Fußballspektakel investieren, treffen Vorbereitungen für den Ernstfall. Was ist, wenn die Weltmeisterschaft in Brasilien im Chaos versinkt? Wenn der Internationale Fußball-Verband (Fifa) durch Proteste und Störaktionen auf den Straßen des Landes die Kontrolle über sein Turnier verliert? Wie positionieren sich die großen Werbepartner der Fifa dann – und welche Antworten werden sie auf die zu erwartenden Fragen geben? In den Kommunikationsabteilungen werden die Ablaufpläne für eine Krisen-PR bei der WM gerade entwickelt. Öffentlich zugeben will dies kein Unternehmen. Beim Sponsor Adidas heißt es nur: „Zu Details unserer Partnerschaften und der Zusammenarbeit mit unseren Partnern äußern wir uns grundsätzlich nicht.“

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Noch nie war eine Fußball-WM so brisant. Noch nie sind die Defizite der Veranstaltung selbst und die Schwachstellen einer globalen Sportorganisation wie der Fifa so deutlich hervorgetreten wie dieses Mal. Geschüttelt durch Korruptions-Altlasten und strategische Fehlentscheidungen, gefangen in einer anachronistischen Führungsstruktur, kämpft der eingetragene Verein nach Schweizer Recht, der in Wirklichkeit ein finanziell aufgeblasener Fußball-Konzern ist, um seine Zukunftsperspektive. Zwar sprudeln die Einnahmen wegen des begehrten WM-Produktes mit seinen Fußball-Heroen. Die Fifa setzt derzeit etwas mehr als 1 Milliarde Euro pro Jahr um und erzielt daraus einen Gewinn von 52 Millionen Euro. Die Rückstellungen betragen mehr als 1 Milliarde Euro und das WM-Turnier wird dem Verband nochmals einen Überschuss von 500 Millionen Euro einbringen.

          Dagegen steht eine miserable Reputation. Auch wenn innerhalb des Weltverbandes ein Umdenken begonnen hat und erste Reform-Pflöcke eingeschlagen wurden: Die Fifa wird gleichgesetzt mit Unmoral, Bestechlichkeit und arroganter Machtausübung. Das ist nicht immer richtig. Aber wie schlecht es um die soziale Akzeptanz ihrer WM-Veranstaltung bestellt ist, zeigt sich an den Bürgerprotesten in Brasilien und der öffentlichen Diskussion um den fragwürdigen WM-Standort Qatar. Der über allem thronende Sonnenkönig Joseph Blatter, seit fast 40 Jahren in Führungspositionen der Fifa, unter dem der moralische Verfall der Organisation zwar nicht begann, aber fortlief, will sich im nächsten Jahr zum fünften Mal als Präsident bestätigen lassen. Dann ist der umstrittene Sportfunktionär fast 80. Eine Farce. Notwendig wäre eine Transformation der Fifa zu einer den gesellschaftlichen und sozialen Ansprüchen offen eingestellten multinationalen Organisation. Die überall, wo sie auf der Welt mit ihrem begehrten Fußballzirkus Station macht, Qualitätsmaßstäbe setzt.

          Keine Rede zur Eröffnung

          Doch bisher fehlt eine konsistente unternehmerische Strategie, die auf einen nachhaltigen Umgang mit den unterschiedlichen Interessengruppen ausgerichtet ist. Wie bei der WM in Brasilien, wo das Volk aufbegehrt. Nachgefragt beim früheren Bundesumweltminister und UN-Experten Klaus Töpfer sagt dieser: „Es kann ja nicht sein, dass man als Sportorganisation meint, die Veranstaltung ist vergeben, jetzt sollen die mal in dem Land sehen, was sie daraus machen.“ Der CDU-Politiker war viele Jahre Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen in Nairobi. Seit seiner Rückkehr nach Deutschland leitet er das Institute for Advanced Sustainability Studies in Potsdam. „Der Sport ist in hohem Maße in der Verantwortung für die sozialen, ökologischen und ökonomischen Konsequenzen seiner Veranstaltungen“, sagt Töpfer.

          Unter Druck gesetzt wird der Weltfußballkonzern inzwischen nicht mehr nur von Menschenrechtsorganisationen, Korruptionsbekämpfern oder Umweltverbänden. Die Fifa ist wegen der Bestechungsvorwürfe gegen Topfunktionäre und der Qatar-Entscheidung schon Thema bei Hearings im Europäischen Parlament und Europarat gewesen. Um seine Macht zu erhalten, hat Fifa-Chef Blatter notgedrungen einen Reformprozess in Gang gebracht. Seinen Generalsekretär Jérôme Valcke, einen früheren Medienmanager aus Frankreich, schickt er nun bei der Brasilien-WM an die unruhige Front. Der verteidigt das Fifa-Konzept, nennt Investitionen in nachhaltige Strukturen und soziale Initiativen, gibt aber zu, dass höhere Standards möglich wären. Der Präsident selbst will zur Eröffnung des Turniers im Stadion von São Paulo nicht mal mehr eine Rede halten – aus Angst vor einem gellenden Pfeifkonzert. Mit Kritik will sich Blatter nicht mehr auseinandersetzen.

          Innerhalb der Fifa hat sich dennoch eine Reformposition aufgebaut, die ausgerechnet von Blatter zur Machtsicherung gestützt wird. Es gibt da aber Köpfe mit einer ganz anderen Sozialisation. Das ist zum Beispiel der frühere deutsche Fußballpräsident Theo Zwanziger, der sich als Fifa-Vorstand stark für die Berücksichtigung von Menschenrechtsfragen bei WM-Vergaben und das Good-Governance-Prinzip einsetzt. Oder der Schweizer Domenico Scala, Vorsitzender der neuen Audit- und Compliance-Kommission: Er vergleicht die Situation der Fifa mit der einiger anderer großer Konzerne und Bankhäuser, die sich aufgrund krasser Fehlleistungen des Managements ebenso in einer Glaubwürdigkeitskrise befänden. „Viele große globale Marken haben heute Legitimationsprobleme. Das gilt auch für die Fifa. Es wird immer mehr von den Menschen hinterfragt. Es gab überall Skandale. Die Banken leiden unter einem unglaublichen Vertrauensverlust“, sagt der Wirtschaftsmanager.

          Joseph Blatter, der über allem strahlende Sonnenkönig

          Sein Gremium überwacht die Finanzströme und kontrolliert neuerdings die Risiken der Fifa. Die Wahl Qatars gehört noch zu den Altlasten. Scala hat ein neues Vergütungssystem für die Fifa-Vorstände eingeführt, ihnen die intransparenten Boni gestrichen und dafür gesorgt, dass das verruchte Entwicklungshilfeprogramm des Verbandes, bei dem in der Vergangenheit auch Mittel in dunklen Kanäle versickerten, im Internet offengelegt wird. Mehr als 20 Projekte sind seither schon gestoppt worden. Neu ist auch, dass der Fifa-Revisor KPMG jedes Jahr bei 40 der 209 Fifa-Mitgliedsverbände die Bücher prüft. „Bei den Reformen wird es kein Zurück mehr geben. Auch wenn noch einige Betonköpfe in der Organisation sitzen. Fest steht aber: Kein Präsident kann mehr kommen und alles wieder abschaffen. Es gibt nun feste Compliance-Regeln für alle“, sagt Scala.

          Blatter aber betreibt weiter sein Ego-Spiel. Um seine obskure Wiederwahl abzusichern befeuert er den Kleinkrieg mit der mächtigen europäischen Fußball-Fraktion und deren Chef Michel Platini. Die Vertreter aus Europa schießen zurück und blockieren wiederum wichtige Reformschritte bei der Fifa. Im Vorstand des Weltverbandes prallen die kontinentalen Interessengruppen aufeinander und lähmen den politischen Diskurs für einen umfassenden Erneuerungsprozess. Der Schweizer Anti-Korruptions-Experte Mark Pieth, eine weltweit gefragte Kapazität auf diesem Gebiet, der schon bei den Vereinten Nationen an der Aufklärung des Bestechungsskandals um das Programm „Öl für Lebensmittel“ beteiligt war, hat diese Problematik immer wieder kritisiert.

          Er schob die Fifa-Reformen vor zweieinhalb Jahren an und bezeichnete den Fifa-Vorstand gerne als „selbstherrlichen Gentlemen’s Club“. Pieth holte Scala in den Verband. Der Basler Kriminologe sorgte auch für den Aufbau einer Ethikkommission, die ihren Namen verdienen sollte. Chefermittler ist der ehemalige amerikanische Staatsanwalt Michael Garcia, der in der kommenden Woche seine Untersuchung im Fall der korruptionsverdächtigen WM-Vergabe an Qatar abschließen will. Den Vorsitz der Spruchkammer, die am Ende entscheidet, hat der deutsche Richter Hans-Joachim Eckert, der im Hauptberuf am Münchener Strafgericht große Korruptionsfälle aus der Wirtschaft verhandelt. Auf Eckerts Verfahren hin haben schon mehrere Fifa-Vorstände das Weite gesucht und wurden lebenslang gesperrt. „Die Fifa hat ihre Verantwortung lange nicht wahrgenommen. Man hat den Risiken des eigenen Geschäfts zu wenig Gewicht beigemessen“, sagt Pieth. Er sieht die Fifa trotz der weiterhin bestehenden Defizite und der massiven öffentlichen Kritik aber schon besser aufgestellt als das Internationale Olympische Komitee (IOC).

          Der Einfluss auf die WM-Ausrichterländer

          Der andere große Sportkonzern geriet bei den Winterspielen in Sotschi in Turbulenzen und musste sich dort für die Missstände auf den olympischen Baustellen rechtfertigen. Auch das IOC befindet sich in einer Vertrauenskrise. Eine Stadt nach der anderen springt gerade als Olympia-Kandidat ab. Meist Städte aus Westeuropa, denen das herrschaftliche Kommerz-Konzept der Spiele nicht mehr passt. Aber auch die Fußball-Europameisterschaft 2020 findet aufgrund des ausufernden organisatorischen Aufwands und der unkalkulierbaren Kosten für die Steuerzahler nicht mehr in einem Land oder zwei Ländern statt, sondern verteilt über den ganzen Kontinent. Den Menschen sind diese Art Sportevents, bei denen sich Stars, Sponsoren und einige Funktionäre im Scheinwerferlicht produzieren, offenbar schwerer zu vermitteln als in der Vergangenheit.

          Auch die Fifa hat längst nicht die Dimension des geforderten Wandels erkannt. Viel mehr ist in Zukunft ihre Verantwortung für vor- und nachgelagerte Prozesse gefragt. Scala fordert ein kompromissloses „Stakeholder-Management“. Das Geschäftsfeld der Fußballorganisation kann nur zu der Konsequenz führen, sich permanent auch mit Nichtregierungsorganisationen, Menschenrechtsgruppen oder den Gegnern der eigenen Idee auseinanderzusetzen. „Es wirkt wie eine schlechte Ausrede, wenn die Fifa sagt, dass man kaum Einfluss auf die WM-Ausrichterländer hätte. Wer regulieren kann, welche Biermarke im Umkreis der Veranstaltungsorte getrunken werden darf, kann auch einfordern, dass man keine Stadien haben will, die mit Menschenrechtsverletzungen erkauft werden“, sagt Pieth.

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