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Fußball-Verband Fifa : Eine Frage der Macht

Unter Druck gesetzt wird der Weltfußballkonzern inzwischen nicht mehr nur von Menschenrechtsorganisationen, Korruptionsbekämpfern oder Umweltverbänden. Die Fifa ist wegen der Bestechungsvorwürfe gegen Topfunktionäre und der Qatar-Entscheidung schon Thema bei Hearings im Europäischen Parlament und Europarat gewesen. Um seine Macht zu erhalten, hat Fifa-Chef Blatter notgedrungen einen Reformprozess in Gang gebracht. Seinen Generalsekretär Jérôme Valcke, einen früheren Medienmanager aus Frankreich, schickt er nun bei der Brasilien-WM an die unruhige Front. Der verteidigt das Fifa-Konzept, nennt Investitionen in nachhaltige Strukturen und soziale Initiativen, gibt aber zu, dass höhere Standards möglich wären. Der Präsident selbst will zur Eröffnung des Turniers im Stadion von São Paulo nicht mal mehr eine Rede halten – aus Angst vor einem gellenden Pfeifkonzert. Mit Kritik will sich Blatter nicht mehr auseinandersetzen.

Innerhalb der Fifa hat sich dennoch eine Reformposition aufgebaut, die ausgerechnet von Blatter zur Machtsicherung gestützt wird. Es gibt da aber Köpfe mit einer ganz anderen Sozialisation. Das ist zum Beispiel der frühere deutsche Fußballpräsident Theo Zwanziger, der sich als Fifa-Vorstand stark für die Berücksichtigung von Menschenrechtsfragen bei WM-Vergaben und das Good-Governance-Prinzip einsetzt. Oder der Schweizer Domenico Scala, Vorsitzender der neuen Audit- und Compliance-Kommission: Er vergleicht die Situation der Fifa mit der einiger anderer großer Konzerne und Bankhäuser, die sich aufgrund krasser Fehlleistungen des Managements ebenso in einer Glaubwürdigkeitskrise befänden. „Viele große globale Marken haben heute Legitimationsprobleme. Das gilt auch für die Fifa. Es wird immer mehr von den Menschen hinterfragt. Es gab überall Skandale. Die Banken leiden unter einem unglaublichen Vertrauensverlust“, sagt der Wirtschaftsmanager.

Joseph Blatter, der über allem strahlende Sonnenkönig

Sein Gremium überwacht die Finanzströme und kontrolliert neuerdings die Risiken der Fifa. Die Wahl Qatars gehört noch zu den Altlasten. Scala hat ein neues Vergütungssystem für die Fifa-Vorstände eingeführt, ihnen die intransparenten Boni gestrichen und dafür gesorgt, dass das verruchte Entwicklungshilfeprogramm des Verbandes, bei dem in der Vergangenheit auch Mittel in dunklen Kanäle versickerten, im Internet offengelegt wird. Mehr als 20 Projekte sind seither schon gestoppt worden. Neu ist auch, dass der Fifa-Revisor KPMG jedes Jahr bei 40 der 209 Fifa-Mitgliedsverbände die Bücher prüft. „Bei den Reformen wird es kein Zurück mehr geben. Auch wenn noch einige Betonköpfe in der Organisation sitzen. Fest steht aber: Kein Präsident kann mehr kommen und alles wieder abschaffen. Es gibt nun feste Compliance-Regeln für alle“, sagt Scala.

Blatter aber betreibt weiter sein Ego-Spiel. Um seine obskure Wiederwahl abzusichern befeuert er den Kleinkrieg mit der mächtigen europäischen Fußball-Fraktion und deren Chef Michel Platini. Die Vertreter aus Europa schießen zurück und blockieren wiederum wichtige Reformschritte bei der Fifa. Im Vorstand des Weltverbandes prallen die kontinentalen Interessengruppen aufeinander und lähmen den politischen Diskurs für einen umfassenden Erneuerungsprozess. Der Schweizer Anti-Korruptions-Experte Mark Pieth, eine weltweit gefragte Kapazität auf diesem Gebiet, der schon bei den Vereinten Nationen an der Aufklärung des Bestechungsskandals um das Programm „Öl für Lebensmittel“ beteiligt war, hat diese Problematik immer wieder kritisiert.

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