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Fehlzeiten-Report : Viele Lehrlinge leiden an psychischen Erkrankungen

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Der übermäßige Konsum digitaler Medien sorgt bei Azubis für gesundheitliche Beschwerden. Bild: dpa

Kaum Sport, viel Fast Food und zu wenig Schlaf: Ein Fünftel der Azubis lebt ungesund. Das wirkt sich auf ihre Arbeitseinstellung und Zufriedenheit aus.

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          Jeder fünfte Lehrling gilt als gesundheitlich gefährdet. Bei jedem zehnten geht das wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) sogar von einem risikobehafteten Lebenssstil aus, der sich bereits auf die körperliche und psychische Gesundheit auswirkt. Mehr als die Hälfte der Auszubildenden (54,3 Prozent) lebt jedoch gesundheitsbewusst und hat kaum körperliche oder psychische Gesundheitsbeschwerden. Das WIdO befragte für den Report Anfang dieses Jahres rund 1300 Auszubildende.

          Laut Studie ist der Krankenstand der Lehrlinge in Berlin mit 6,3 Prozent, in Brandenburg mit 5,1 Prozent und Hessen mit 4,8 Prozent am höchsten. In Baden-Württemberg (4,1 Prozent), Bremen (3,9 Prozent) und Bayern (3,4 Prozent) fehlen Azubis hingegen am seltensten. Der durchschnittliche Krankenstand bei Azubis liegt bei 4,3 Prozent, der aller Versicherten bei der AOK bei 5,2 Prozent oder 18,9 Fehltagen. Dabei waren vor allem psychische Erkrankungen wieder häufiger der Grund für Fehlzeiten. So leiden bei den Azubis 36 Prozent unter Müdigkeit, Mattigkeit und Erschöpfung, fast 9 Prozent nennen Mutlosigkeit oder Traurigkeit, 15 Prozent fühlen sich lustlos oder ausgebrannt und 10,7 Prozent nennen eine erhöhte Reizbarkeit.

          Mehr als die Hälfte der Azubis berichtet zudem über häufige körperliche Beschwerden. Die häufigsten Leiden sind Kopfschmerzen, Rückenschmerzen und Verspannungen. Jeder Zehnte leidet unter Schlafstörungen. Die Gründe für das (Un-)Wohlbefinden der Azubis sind schnell gefunden: Gut ein Viertel (26,1 Prozent) treibt kaum Sport. 27 Prozent der Befragten verzichten auf ein regelmäßiges Frühstück, 15,8 Prozent lassen das tägliche Mittagessen ausfallen. Und wenn warm gegessen wird, dann greifen 17 Prozent der Azubis mehrfach pro Woche zu Pommes, Burger und Co. 50 Prozent naschen zudem gerne Süßigkeiten.

          Auch Schlafdefizite hält der Report für problematisch. Mehr als ein Drittel der männlichen Azubis und ein Viertel der weiblichen Auszubildenden schläft unter der Woche weniger als sieben Stunden pro Nacht. Mehr als zwölf Prozent fühlen sich in der Folge fast nie ausgeruht und leistungsfähig. Auch der Konsum legaler Drogen ist unter Azubis verbreitet: Mehr als jeder dritte Azubi greift regelmäßig zur Zigarette und jeder fünfte zeigt einen riskanten Alkoholkonsum. Ein weiteres Risiko sieht das WIdO darin, dass die Befragten übermäßig oft digitale Medien nutzen.

          Auch der Schulabschluss hat eine Auswirkung auf die Anzahl der Fehltage: Nach der AOK-Studie geht ein höherer Schulabschluss von Auszubildenden mit weniger Arbeitsunfähigkeitstagen einher. Während Lehrlinge mit Abitur oder Fachabitur durchschnittlich nur 15,3 Tage im Betrieb fehlten, waren es bei Azubis ohne Schulabschluss fast doppelt so viele (28,1 Fehltage).

          Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) bringt ein weiteres Argument mit ein ein: Fast 40 Prozent der Azubis leisten regelmäßig Überstunden. Mehr als 25 Prozent hätten so regelmäßig Schwierigkeiten, sich von der Ausbildung zu erholen. „Hier sind eindeutig die Arbeitgeber gefordert. Sie sind für gute Ausbildungsbedingungen verantwortlich“, so der DGB. Die Ergebnisse der Studie sind eindeutig: Ein entsprechender Lebensstil wirkt sich nicht nur auf die Gesundheit der Auszubildenden aus. Befragte mit einem riskanten Lebensstil nehmen die Arbeitsbedingungen im Betrieb insgesamt negativer wahr. Während sich 14,2 Prozent von ihnen nicht angemessen gefordert fühlen, sagen dies bei den gesundheitsbewussteren Auszubildenden nur 5,7 Prozent. Jeder Vierte der risikobehafteten Befragten (28,5 Prozent) sieht die beruflichen Entwicklungschancen pessimistisch. „Gesunde“ Auszubildende sind hingegen optimistischer.

          Auch das Verhalten der Vorgesetzten wird unterschiedlich wahrgenommen. Während bei gesunden Azubis nur 8,6 Prozent der Meinung sind, dass sich ihr Vorgesetzter nicht ausreichend Zeit für sie nimmt, liegt der Vergleichswert bei den risikobehafteten Auszubildenden deutlich höher. (20,6 Prozent). Insgesamt stellen die Lehrlinge der Situation in ihren Betrieben ein positives Zeugnis aus. Drei Viertel der Auszubildenden sind zufrieden oder sehr zufrieden, nur 6,1 Prozent gaben hingegen an, unzufrieden zu sein. Je gesünder ein Mensch ist, desto attraktiver nimmt er seinen Arbeitsplatz wahr. „Im Wettbewerb um die besten Fachkräfte ist es also wichtig, in den Nachwuchs zu investieren und früh für dessen bewussten Umgang mit seiner eigenen Gesundheit Sorge zu tragen“, sagt Helmut Schröder, Geschäftsführer des WIdO.

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