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Wirtschaftswissenschaft : Der Ökonom als Freak-Forscher

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„Ökonomen haben das Fach in eine Art soziale Mathematik umgewandelt, wo die analytische Strenge alles und die Relevanz nichts zählt.“ Bild: dpa

Sumo-Ringen, Fernsehshows und Teenager- Schwangerschaften: Immer mehr Ökonomen beschäftigen sich mit Randthemen. Eine fatale Entwicklung, schreibt unser Gastautor.

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          Spätestens seit der Finanzkrise ist eine intensive Diskussion in Wissenschaft und Öffentlichkeit über die Ökonomie als Wissenschaft entbrannt. Wohin steuert die Ökonomie, was können Ökonomen beitragen?, lauten die Fragen. In manchen Medien wird der Ökonomie zudem ein mangelnder Pluralismus vorgeworfen – aus meiner Sicht zu Unrecht. Die heute von Ökonomen benutzten Methoden sind, spätestens seit dem Aufkommen von experimenteller Wirtschaftsforschung, Verhaltensökonomik und Neuroökonomie, vielfältiger denn je.

          Auch thematisch befassen sich Ökonomen längst nicht mehr nur mit streng ökonomischen Fragen, etwa welche Faktoren Inflation, Konjunktur, Arbeitslosigkeit, Wirtschaftswachstum, Finanzkrisen, Kartellbildung, Innovationen, Kaufentscheidungen oder andere Wirtschaftsphänomene beeinflussen und verursachen.

          Vielmehr scheint heute alles zum Bereich der Ökonomie zu gehören, womit sich Ökonomen beschäftigen. „Economics is what economists do“ – so hatte es Jacob Viner schon vor mehr als achtzig Jahren ausgedrückt. Inzwischen wenden sich Ökonomen immer stärker Themen zu, die für Ökonomen durchaus als abseitig und esoterisch betrachtet werden können und traditionell eher der Soziologie, der Psychologie, der Medizin oder anderen Wissenschaften zugeordnet worden sind. Ursache dafür ist auch der steigende Druck beziehungsweise Anreiz zum Publizieren.

          Der Euphemismus der sozialen Mathematik

          Während die traditionellen Bereiche wie etwa Inflation, Arbeitslosigkeit et cetera abgegrast zu sein scheinen und es schwer ist, dort einen neuen Beitrag zum Erkenntnisfortschritt zu leisten, weil die Früchte der weiteren Erkenntnis sehr hoch hängen, erscheint dies bei abseitigen, weniger ausgeforschten Themen einfacher.

          Der Trend zu Randthemen wird jedoch seit geraumer Zeit von prominenten wie weniger prominenten Ökonomen durchaus kritisch betrachtet. Einerseits wird das übertriebene Fokussieren auf quantitative Methoden bemängelt, wie etwa von Marc Blaug, der schon vor einigen Jahren ausführte: „Ökonomen haben das Fach in eine Art soziale Mathematik umgewandelt, wo die analytische Strenge alles und die Relevanz nichts zählt.“ Umgangssprachlich wird dieses Glasperlenspiel auch als „Mathturbation“ bezeichnet.

          Andererseits ist es jedoch weniger die Methode, sondern mehr die Themenwahl, die im Fokus der Kritik steht. Einer der Pioniere der Analyse von Randthemen mit interessanten Datensätzen ist Steven Levitt, der Autor des unterhaltsamen Bestsellers „Freakonomics“.

          „16 and Pregnant“

          In der „American Economic Review“, der weltweit führenden Ökonomen-Fachzeitschrift, fanden sich in jüngerer Zeit Beiträge zu Fragen wie etwa, ob es im Sumoringen in Japan Anzeichen für Absprachen gibt (Antwort: Ja), wie sich Leute bei TV-Spielshows verhalten, wie Fußballspieler am besten einen Elfmeter schießen sollten, ob die Ausstrahlung der Fernsehserie „16 and Pregnant“ auf M-TV die Anzahl der Teenager-Schwangerschaften reduziert (Antwort: Ja), oder ob Menschen, deren Mütter während der Schwangerschaft einen nahen Verwandten verloren haben, etwa den Kindesvater, im späteren Leben häufiger psychisch krank sind als andere (Antwort: Ja).

          Treiber all dieser Forschungsaufsätze ist nicht etwa, dass die Fragen aus ökonomischer Perspektive besonders relevant wären. Vielmehr gibt es in diesen Bereichen gute Daten, die eine methodisch raffinierte und umfassende empirische Analyse ermöglichen. Dies erinnert an den alten Witz vom Betrunkenen, der seine verlorenen Schlüssel unter der Laterne sucht, weil es dort besonders viel Licht gibt, der eigentlich aber weiß, dass der Schlüssel (zur Erkenntnis) ganz woanders (im Dunkeln) liegt.

          Political Correctness vor Inhalt

          Die intensive Befassung mit Randthemen hat Gregory Mankiw, der Verfasser des weltweit wohl bekanntesten und erfolgreichsten Ökonomielehrbuchs, schon 2007 kritisiert: „Mehr junge Ökonomen machen heute Ökonomie nach Levitt-Art und weniger studieren die klassischen Fragen der Wirtschaftspolitik. Das ist befremdlich“, fand er.

          Die Kritik an der Beschäftigung mit abseitigen Themen wird nun durch einen Skandal um den oben zuletzt genannten Aufsatz befeuert. Zum Hintergrund: Eine Publikation in der „American Economic Review“ ist oft karriereentscheidend für Ökonomen, sie ist der ultimative Ritterschlag für akademische Ökonomen. In Amerika hängen Entscheidungen über Festanstellungen als Professor daran, in Deutschland garantiert eine solche Publikation im Grunde den Ruf auf einen Lehrstuhl.

          In dem besagten Beitrag beschäftigen sich zwei junge Wissenschaftlerinnen mit der Frage, ob sich pränataler Stress für Ungeborene anders auf die Wahrscheinlichkeit späterer psychischer Probleme auswirkt als postnataler Stress für einen Säugling. Der Beitrag durchlief - trotz fehlenden Bezugs zu ökonomischen Themen - den typischen Begutachtungsprozess und wurde nach einigen Überarbeitungen zur Publikation angenommen.

          Im Internetforum „Economic Job Market Rumors“ wurde sodann aber enthüllt, dass der Beitrag kaum etwas Neues enthält. Die mit der fast identischen Methode und den nahezu identischen Daten durchgeführten Untersuchungen gibt es bereits. Nur wurden diese Beiträge sinnvollerweise in medizinischen Fachzeitschriften publiziert und von den Autorinnen - womöglich absichtlich - nicht zitiert.

          Was sich seitdem entfaltet hat, ist eine Schlammschlacht. Beantwortetet wird die Kritik vor allem damit, dass den Kritikern die Sexismuskeule über den Schädel gezogen wird, ohne auf den Inhalt der Kritik einzugehen.

          Mangelnde Standards guter wissenschaftlicher Praxis

          Pikant ist das Ganze auch, weil die verantwortliche Herausgeberin entgegen den Standards der American Economic Association nicht offenbart hat, dass sie als Ko-Autorin einer der beiden jungen Autorinnen einen potentiellen Interessenkonflikt hat. Das Ganze wurde prägnant und kritisch von George Borjas, einem prominenten Harvard-Ökonomen, in seinem Blog zusammengefasst. Die Herausgeber der AER schweigen bisher beharrlich zu dem Vorgang.

          Die offensichtlichen Probleme mit den mangelhaften Standards guter wissenschaftlicher Praxis bei der führenden Ökonomen-Fachzeitschrift geben Anlass zur Besorgnis. Gleichwohl deuten sie auf ein tieferes Problem hin: Weil Daten zu wichtigen wirtschaftlichen Themen oftmals fehlen oder nicht verfügbar sind, beschäftigen sich viele Ökonomen zunehmend mit aus ökonomischer Sicht randständigen Themen, bei denen weder Autoren noch Gutachter die dazu vorhandene Literatur zu kennen scheinen.

          Der Beitrag über die MTV-Sendung und Schwangerschaften von Teenagern litt bereits unter demselben Manko. Innovation ist in diesen Fällen oft ein Mangel an Belesenheit. Dass dies zu wissenschaftlichem Fortschritt beiträgt, ist unwahrscheinlich. Ökonomen täten daher gut daran, sich wieder stärker auf den Kern des Untersuchungsbereiches zu beschränken.

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