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EZB-Präsident : Mario Draghi, Mann des Jahres

  • -Aktualisiert am

Ernst, ruhig, kontrolliert: EZB-Präsident Mario Draghi Bild: REUTERS

Mit zwei Sätzen hat EZB-Präsident Mario Draghi im Sommer die Euro-Krise gewendet. Innerhalb eines Jahres Amtszeit ist er zum mächtigsten EZB-Chef geworden, den es je gab. Trotzdem nagt es an ihm, dass die Deutschen ihn nicht lieben. Gelingt es ihm, für Geldwertstabilität zu sorgen? Stimmen Sie ab.

          Den 26. Juli dieses Jahres - den Tag, der alles für Mario Draghi änderte - hatte er so nicht geplant. Die euphorische Reaktion auf die Sätze, die er an diesem Tag auf einem Podium in der Londoner City sprach - frei, ohne Skript - will der Präsident der Europäischen Zentralbank nicht vorher geplant haben.

          Es waren zwei Sätze, die man nicht vergisst: „Die EZB ist bereit, alles Notwendige zu tun, um den Euro zu erhalten“, sagte Draghi. „Und glauben Sie mir, es wird genug sein.“ Die Märkte jubilierten, Aktienkurse stiegen, die Zinsen auf südeuropäische Staatsanleihen fielen - und Draghi ließ seine Mitarbeiter erst einmal eine Mitschrift seiner Rede auftreiben und herumschicken. Er findet, dass er nichts Außergewöhnliches gesagt hat. „Es war möglicherweise ein Unterschied im Ton, nicht in den Worten.“

          Mächtige unter sich: IWF-Chefin Christine Lagarde und EZB-Chef Mario Draghi während einer Konferenz in Paris im November

          Gerade den skeptischen Briten wollte er klarmachen, dass der Euro stark ist

          Der Ton war natürlich nicht ohne Grund gewählt. London ist Mario Draghi vertraut. Er hat dort einige Jahre gelebt, als er für die Investmentbank Goldman Sachs arbeitete. Die Londoner City kennt er als das Herz der europäischen Finanzwelt, den Treiber von Kursen und Zinsen. Und die Briten kennt er als die schlimmsten Euroskeptiker. „Die Zukunft des Euro wurde dort besonders infrage gestellt“, sagt Draghi über die kritischen Briten. Instinktiv hat er gerade dort klarmachen wollen, dass der Euro eine starke Währung ist.

          Die Äußerungen in London waren der Anfang dessen, was man heute den Draghi-Effekt nennt: Die über Spaniens und Italiens Schuldenberge nervös gewordenen Märkte beruhigten sich in der Erwartung, dass die EZB im Notfall unbegrenzt Staatsanleihen kaufen wird. In der Erwartung, dass die Zentralbank im Zweifel eher ihre Prinzipien über Bord wirft und Staaten finanziert, als dass sie den Euro auseinanderbrechen lässt. Kurz darauf beschloss die EZB, genau solch ein Programm aufzulegen.

          Der Bruch mit der Bundesbank

          Doch die Äußerungen waren auch der Anfang des Bruchs mit der Bundesbank und ihrem Präsidenten Jens Weidmann, der solche Anleihenkäufe strikt ablehnt. Und sie waren der Einstieg in das spektakulärste öffentlich ausgetragene Duell des Jahres: Weidmann versus Draghi, Bundesbank gegen EZB, Prinzipien versus Pragmatismus oder, wie Draghis Freunde sagen, Ideologie versus Realismus.

          Vorerst ist es Mario Draghi, der aus diesem Duell als Sieger hervorgeht. Noch musste er keine Staatsanleihen kaufen und hat doch die Märkte beruhigt und dafür gesorgt, dass Spanien und Italien sich wieder günstiger Geld besorgen können. Entsprechend glühend wirkt er derzeit bei öffentlichen Auftritten. „Der Euro ist unumkehrbar“, doziert er mit donnernder Stimme allüberall, wo er derzeit auftritt.

          Im Geschäft: Mario Draghi mit EU-Währungskommissar Olli Rehn

          Draghi ist der mächtigste EZB-Chef, den es bisher gab

          Keine Frage: Mario Draghis Einfluss ist auf dem Höhepunkt angekommen. Innerhalb eines Jahres Amtszeit ist er zum mächtigsten EZB-Chef geworden, den es bisher gab. Neben der Geldpolitik darf er jetzt auch über die Fiskalpolitik von klammen Eurostaaten mitbestimmen. Denn die Hilfe der EZB für klamme Staaten knüpft Draghi anders als sein Vorgänger Trichet an Bedingungen. Bald kontrolliert die EZB zudem alle Banken des Euroraums.

          Als „allmächtig“ will er sich trotzdem partout nicht sehen. „Das ist übertrieben“, sagt er. Zum Beispiel werde er sich persönlich nicht um die Bankenüberwachung kümmern. „Die Idee ist, das separat zu halten.“

          Dass Draghi seinen rasanten Aufstieg in der Welt der Mächtigen noch nicht ganz lebt, erkennt man, wenn man ihn in seinem Büro im 35. Stock des EZB-Turms besucht. Vieles ist hier noch wie zu Zeiten von Alexandre Lamfalussy, der einst das Europäische Währungsinstitut, den Vorgänger der EZB, leitete. Der Schreibtisch, der Konferenztisch, der Blick auf die an diesem Abend hell glitzernden Hochhäuser der Banken, die höher ragen als der Turm der EZB. Neu sind hier nur Draghis Bücher, die Pickelhaube im Regal, ein Geschenk der „Bild“-Zeitung, das ihn an die preußischen Tugenden erinnern soll - und jede Menge Fotos.

          Viele Fotos: Draghi mit Obama, Draghi mit Merkel

          Mitten im Gespräch springt Draghi freudestrahlend auf, um diese Fotos vorzuzeigen. Auf dem Bord neben dem Schreibtisch steht Draghi mit Barack Obama, darunter Draghi mit Angela Merkel, noch ungerahmt. Weiter hinten, neben dem Konferenztisch: Draghi mit seinem Vorgänger Trichet, Draghi mit Hans Tietmeyer, dem einstigen Präsidenten der Bundesbank, Draghi mit dem einstigen italienischen Staatspräsidenten Ciampi. Wenn der EZB-Präsident diese Fotos zeigt, wirkt er eher wie ein stolzer Schuljunge, der Lukas Podolski getroffen hat, als wie einer, der weiß, dass er sich mit den Mächtigen auf Augenhöhe bewegt.

          Dieses Understatement scheint ihm ganz natürlich zu sein, doch Draghi will damit auch etwas sagen: Seht her, es geht mir um Inhalte, nicht um Macht. Was natürlich nur die halbe Wahrheit ist. Selbstverständlich wollte er diesen Job als EZB-Präsident unbedingt. Einer, der ihn oft im Rat der EZB erlebt hat, als Draghi noch Chef der italienischen Notenbank war, sagt: „Es gab bei jeder Sitzung einen Zweikampf von Draghi und Axel Weber. Wer darf als Erstes sprechen, wenn die Diskussion eröffnet ist?“ Beide wollten sie einmal Trichet-Nachfolger werden. Draghi wurde es.

          Draghi kümmert sich um die großen Fragen

          Selbstverständlich hat Mario Draghi dieses erste Jahr als EZB-Präsident so angegangen, wie es seine Art ist: strategisch. Alle, die einmal mit ihm zusammengearbeitet haben, heben eines hervor - Mario Draghi ist nicht der Mann für die kleinen Dinge, der sich in Details einarbeitet, alles kontrolliert wie einst Trichet. Er delegiert und kümmert sich um die großen Fragen. Wie rette ich den Euro?

          So hat Draghi die EZB innerhalb eines kurzen Jahres verwandelt: vom eher zurückhaltenden Währungshüter zum aktiven Euro-Retter. Doch dieser Kurs ist hochgefährlich. Gelingt er, wird Draghi irgendwann einmal als Retter des Euro gefeiert. Misslingt er, könnte er als Inflationsbringer in die Geschichte eingehen.

          Draghi weiß das genau. Und er weiß auch genau, was derzeit sein größtes Problem ist: dass viele Menschen in Deutschland nicht an ihn glauben. Allen voran die Bundesbank. Er brauchte die Stimme von Jens Weidmann nicht, um das Staatsanleihenkaufprogramm durchzusetzen. Doch er hätte sie gerne gehabt. Wieder und wieder hat er mit ihm im Sommer gesprochen, ihn in sein Büro gebeten. Charmant, ruhig, sachlich. Eines Abends haben die beiden dabei sogar eine Tüte Chips und eine Flasche Wein geteilt, erzählt man sich in der Bundesbank. Wieder und wieder hat Draghi versucht, Weidmann zu überzeugen. Doch er hat es nicht geschafft.

          Die Positionen sind festgefahren. Jens Weidmann geht die Stabilität des Euro über alles. Mario Draghis Linie ist eher: Erst einmal überhaupt ein Euro, dann kümmern wir uns schon um Stabilität. Und beide sind überzeugt, genau das Richtige zu tun.

          Ernst, ruhig, kontrolliert

          Der Kritik aus Deutschland begegnet Mario Draghi charmant und sachlich - solange sie sich nicht an seiner Nationalität aufhängt. Draghi will nicht „der Italiener“ sein. Es verletzt ihn, wenn seine Politik zurückgeführt wird auf das, was die italienische Notenbank in den siebziger Jahren lange getan hat: den Staat systematisch finanziert. Und wenn dann auch wiedergegeben wird, wohin das führte: hohe Inflation. „Die Menschen sollten unsere Geldpolitik danach beurteilen, was sie ist“, sagt er. Nicht danach, welche Vorurteile sie über Italiener haben.

          Dass ihn das Bild vom inflationsfreudigen Italiener stört, liegt wohl auch daran, dass Draghi überhaupt nicht dem entspricht, was man weithin für typisch italienisch hält. Er ist ernst, ruhig, kontrolliert - und lebt mit seiner Familie extrem zurückgezogen. Im Gesellschaftsleben Roms taucht Draghi kaum auf, obwohl er bis heute dort eine Wohnung hat. Und auch als er noch in Rom arbeitete - erst im Finanzministerium, später als Chef der Banca d’Italia - war das nicht anders. Ein ehemaliger Kollege hält ihn deshalb für freudlos, ja sogar ein wenig paranoid. Seine Freunde aber sehen die Zurückhaltung als sein Erfolgskonzept.

          Francesco Giavazzi etwa, der seit ihrer gemeinsamen Zeit am MIT mit Draghi befreundet ist, sagt: „Was glauben Sie, wieso er sich zehn Jahre lang unter verschiedensten Regierungen im Finanzministerium halten konnte?“ In Rom dürfe man als Beamter einfach nicht ins Restaurant essen gehen. Man treffe zu viele Leute, die dann informell etwas erfahren wollten. „Das ist gefährlich.“

          Draghi ist eine Art Anti-Berlusconi

          So ist Draghi eine Art Anti-Berlusconi - auch privat. Mit seiner Frau ist er im Januar 40 Jahre verheiratet. Sie ist, sagt Giavazzi, seine wichtigste Ratgeberin. Nichts würde er tun, wenn es ihre Zustimmung nicht fände.

          Seine prägendsten Zeiten hat der EZB-Chef sowieso in Amerika verbracht. Wenn er schwierige Zeiten durchlebte, erfrischte er seinen Kopf gern mit einer Reise nach New York, erzählen Freunde.

          Dass Draghi das Bild vom gelddruckenden Italiener nicht passt, hat aber noch einen anderen Grund: dass er sich überhaupt nicht als inflationsfreudig sieht. Gerne erzählt er die Geschichte, wie er die Inflation in den siebziger Jahren selbst zu spüren bekam. Seine Eltern, die beide früh starben, hatten dem damals 15 Jahre alten Mario Geld hinterlassen. Sein Vormund investierte es in italienische Staatspapiere, die wenig Zinsen abwarfen. Das Vermögen war kaum noch der Rede wert, als Draghi darüber verfügen wollte. Ich verstehe, wovor ihr Angst habt, will der Zentralbanker mit dieser Geschichte gerade den Deutschen sagen. Und: Ich passe schon auf.

          Ob seine Politik gelingt, ist noch völlig offen. Es wird aber über Draghis Zukunft bestimmen. Seine Kritiker sind sicher: Die Inflation kommt. Wenn nicht jetzt, dann eben in drei, in fünf, in zehn Jahren, sagen sie - und ärgern Draghi damit. „Schauen Sie sich die Fakten an“, sagt er. „Fakt ist, dass wir Preisstabilität liefern und das weiter tun werden.“

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