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EZB-Präsident : Mario Draghi, Mann des Jahres

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Die Positionen sind festgefahren. Jens Weidmann geht die Stabilität des Euro über alles. Mario Draghis Linie ist eher: Erst einmal überhaupt ein Euro, dann kümmern wir uns schon um Stabilität. Und beide sind überzeugt, genau das Richtige zu tun.

Ernst, ruhig, kontrolliert

Der Kritik aus Deutschland begegnet Mario Draghi charmant und sachlich - solange sie sich nicht an seiner Nationalität aufhängt. Draghi will nicht „der Italiener“ sein. Es verletzt ihn, wenn seine Politik zurückgeführt wird auf das, was die italienische Notenbank in den siebziger Jahren lange getan hat: den Staat systematisch finanziert. Und wenn dann auch wiedergegeben wird, wohin das führte: hohe Inflation. „Die Menschen sollten unsere Geldpolitik danach beurteilen, was sie ist“, sagt er. Nicht danach, welche Vorurteile sie über Italiener haben.

Dass ihn das Bild vom inflationsfreudigen Italiener stört, liegt wohl auch daran, dass Draghi überhaupt nicht dem entspricht, was man weithin für typisch italienisch hält. Er ist ernst, ruhig, kontrolliert - und lebt mit seiner Familie extrem zurückgezogen. Im Gesellschaftsleben Roms taucht Draghi kaum auf, obwohl er bis heute dort eine Wohnung hat. Und auch als er noch in Rom arbeitete - erst im Finanzministerium, später als Chef der Banca d’Italia - war das nicht anders. Ein ehemaliger Kollege hält ihn deshalb für freudlos, ja sogar ein wenig paranoid. Seine Freunde aber sehen die Zurückhaltung als sein Erfolgskonzept.

Francesco Giavazzi etwa, der seit ihrer gemeinsamen Zeit am MIT mit Draghi befreundet ist, sagt: „Was glauben Sie, wieso er sich zehn Jahre lang unter verschiedensten Regierungen im Finanzministerium halten konnte?“ In Rom dürfe man als Beamter einfach nicht ins Restaurant essen gehen. Man treffe zu viele Leute, die dann informell etwas erfahren wollten. „Das ist gefährlich.“

Draghi ist eine Art Anti-Berlusconi

So ist Draghi eine Art Anti-Berlusconi - auch privat. Mit seiner Frau ist er im Januar 40 Jahre verheiratet. Sie ist, sagt Giavazzi, seine wichtigste Ratgeberin. Nichts würde er tun, wenn es ihre Zustimmung nicht fände.

Seine prägendsten Zeiten hat der EZB-Chef sowieso in Amerika verbracht. Wenn er schwierige Zeiten durchlebte, erfrischte er seinen Kopf gern mit einer Reise nach New York, erzählen Freunde.

Dass Draghi das Bild vom gelddruckenden Italiener nicht passt, hat aber noch einen anderen Grund: dass er sich überhaupt nicht als inflationsfreudig sieht. Gerne erzählt er die Geschichte, wie er die Inflation in den siebziger Jahren selbst zu spüren bekam. Seine Eltern, die beide früh starben, hatten dem damals 15 Jahre alten Mario Geld hinterlassen. Sein Vormund investierte es in italienische Staatspapiere, die wenig Zinsen abwarfen. Das Vermögen war kaum noch der Rede wert, als Draghi darüber verfügen wollte. Ich verstehe, wovor ihr Angst habt, will der Zentralbanker mit dieser Geschichte gerade den Deutschen sagen. Und: Ich passe schon auf.

Ob seine Politik gelingt, ist noch völlig offen. Es wird aber über Draghis Zukunft bestimmen. Seine Kritiker sind sicher: Die Inflation kommt. Wenn nicht jetzt, dann eben in drei, in fünf, in zehn Jahren, sagen sie - und ärgern Draghi damit. „Schauen Sie sich die Fakten an“, sagt er. „Fakt ist, dass wir Preisstabilität liefern und das weiter tun werden.“

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