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EZB-Präsident : Mario Draghi, Mann des Jahres

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Dass Draghi seinen rasanten Aufstieg in der Welt der Mächtigen noch nicht ganz lebt, erkennt man, wenn man ihn in seinem Büro im 35. Stock des EZB-Turms besucht. Vieles ist hier noch wie zu Zeiten von Alexandre Lamfalussy, der einst das Europäische Währungsinstitut, den Vorgänger der EZB, leitete. Der Schreibtisch, der Konferenztisch, der Blick auf die an diesem Abend hell glitzernden Hochhäuser der Banken, die höher ragen als der Turm der EZB. Neu sind hier nur Draghis Bücher, die Pickelhaube im Regal, ein Geschenk der „Bild“-Zeitung, das ihn an die preußischen Tugenden erinnern soll - und jede Menge Fotos.

Viele Fotos: Draghi mit Obama, Draghi mit Merkel

Mitten im Gespräch springt Draghi freudestrahlend auf, um diese Fotos vorzuzeigen. Auf dem Bord neben dem Schreibtisch steht Draghi mit Barack Obama, darunter Draghi mit Angela Merkel, noch ungerahmt. Weiter hinten, neben dem Konferenztisch: Draghi mit seinem Vorgänger Trichet, Draghi mit Hans Tietmeyer, dem einstigen Präsidenten der Bundesbank, Draghi mit dem einstigen italienischen Staatspräsidenten Ciampi. Wenn der EZB-Präsident diese Fotos zeigt, wirkt er eher wie ein stolzer Schuljunge, der Lukas Podolski getroffen hat, als wie einer, der weiß, dass er sich mit den Mächtigen auf Augenhöhe bewegt.

Dieses Understatement scheint ihm ganz natürlich zu sein, doch Draghi will damit auch etwas sagen: Seht her, es geht mir um Inhalte, nicht um Macht. Was natürlich nur die halbe Wahrheit ist. Selbstverständlich wollte er diesen Job als EZB-Präsident unbedingt. Einer, der ihn oft im Rat der EZB erlebt hat, als Draghi noch Chef der italienischen Notenbank war, sagt: „Es gab bei jeder Sitzung einen Zweikampf von Draghi und Axel Weber. Wer darf als Erstes sprechen, wenn die Diskussion eröffnet ist?“ Beide wollten sie einmal Trichet-Nachfolger werden. Draghi wurde es.

Draghi kümmert sich um die großen Fragen

Selbstverständlich hat Mario Draghi dieses erste Jahr als EZB-Präsident so angegangen, wie es seine Art ist: strategisch. Alle, die einmal mit ihm zusammengearbeitet haben, heben eines hervor - Mario Draghi ist nicht der Mann für die kleinen Dinge, der sich in Details einarbeitet, alles kontrolliert wie einst Trichet. Er delegiert und kümmert sich um die großen Fragen. Wie rette ich den Euro?

So hat Draghi die EZB innerhalb eines kurzen Jahres verwandelt: vom eher zurückhaltenden Währungshüter zum aktiven Euro-Retter. Doch dieser Kurs ist hochgefährlich. Gelingt er, wird Draghi irgendwann einmal als Retter des Euro gefeiert. Misslingt er, könnte er als Inflationsbringer in die Geschichte eingehen.

Draghi weiß das genau. Und er weiß auch genau, was derzeit sein größtes Problem ist: dass viele Menschen in Deutschland nicht an ihn glauben. Allen voran die Bundesbank. Er brauchte die Stimme von Jens Weidmann nicht, um das Staatsanleihenkaufprogramm durchzusetzen. Doch er hätte sie gerne gehabt. Wieder und wieder hat er mit ihm im Sommer gesprochen, ihn in sein Büro gebeten. Charmant, ruhig, sachlich. Eines Abends haben die beiden dabei sogar eine Tüte Chips und eine Flasche Wein geteilt, erzählt man sich in der Bundesbank. Wieder und wieder hat Draghi versucht, Weidmann zu überzeugen. Doch er hat es nicht geschafft.

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