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Ernährung im Nationalsozialismus : Heil Kräuter

Gras wächst über die Plantage in Dachau, wo die NS-Diktatur Heilkräuter züchten ließ. Bild: Müller, Andreas

Vor achtzig Jahren schuf das NS-Regime den Reichsnährstand. Hier wurde der Bauer zum Mysterium, Vollkornbrot zum Politikum - und deutsche Karrieren nahmen ihren Lauf.

          Auf der Plantage war Himmler gern zu Besuch und sah nach dem Rechten. Dort fragte er bei seinen Brüdern von der SS, ob alles in Ordnung sei im biologisch-dynamischen Kräutergarten. Alles war stets in allerbester Ordnung: Man sah Gladiolen, Thymian und Pfefferkraut in langen Reihen der Sonne entgegen sprießen. Der biologisch-dynamische Kräutergarten stand am Rande des Konzentrationslagers Dachau. Die vielen hundert Häftlinge, die jeden Morgen als Arbeitssklaven hergetrieben wurden, fuhren erst mit Schubkarren Säcke voller Bio-Heilkräuter über das Gelände - und später die ausgemergelten Leichen der Häftlinge, die den Tag nicht überlebten.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Heute ist die Plantage zerfallen. Die Glasscheiben der Gewächshäuser sind zerbrochen, Bewässerungsrohre durchgerostet, die Beete von Gras überwuchert. Dieser Ort nördlich von München ist ein makabres Relikt der nationalsozialistischen Ernährungspolitik. Kuhhorn wurde hier zerrieben, Mondphasen wurden studiert; der SS-Führer Heinrich Himmler war der Esoterik und der Steinerschen Landwirtschaft mit ihren eigenwilligen Rezepturen zugetan. Von der SS-eigenen Plantage aus ging das Pfeffergewürz an die Ostfront, andere Kräuter fanden Verwendung in Menschenversuchen mit homöopathischen Arzneien, der Pharmakonzern Merck bestellte Hagebutten, und die Bürger Dachaus kauften im Hofladen ein. Hier existierten Völkermord und eine beispiellose staatliche Gesundheitsfürsorge wie selbstverständlich nebeneinander.

          Es ist ein rätselhaftes Überbleibsel. Himmlers Gartenhäuser hinterlassen so viele Fragen wie Scherben: Wieso beschäftigten sich die Nationalsozialisten nicht nur, wie weitgehend bekannt, mit halluzinierten Feinden, mit Waffen und Schädelformen - sondern auch mit Basilikum? Wieso war es ihnen so wichtig, was die Leute aßen? Es sollte regional, ökologisch, saisonal, wenig verarbeitet, vitaminreich und fleischarm sein, von bäuerlichen Höfen erzeugt, frei von Pestiziden, wie man es sich eben so wünscht.

          Aus Bauern Nationalsozialisten

          Der Kräutergarten war einer von vielen Orten, an denen die NS-Herrscher an den Rädchen der Volksgesundheitsmaschine drehten. Die zentrale Organisation für dieses Vorhaben wurde im September vor achtzig Jahren gegründet: der Reichsnährstand. Ihm mussten sich 17 Millionen Menschen anschließen - Landwirte, der Handel und die Ernährungswirtschaft, Bauernverbände, der Raiffeisenverband, Banken wie die Münchner Hypothekenbank sowie die agrarische Wissenschaftsgesellschaft DLG. Er hatte Zehntausende Mitarbeiter und sollte aus Landwirten - im Jargon der Nazis - wieder wahrhafte Bauern machen (und aus den Bauern, die es noch nicht waren, Nationalsozialisten). Die Bauern, aber auch die Ernährung jedes Menschen sollten von hier aus kontrolliert werden.

          Der Chefideologe des Reichsnährstands ist Richard Walther Darré, Reichsbauernführer und Landwirtschaftsminister zugleich. Für den ersehnten Krieg bauen andere Waffen und Straßen, Darré soll die Krieger satt machen und gesund. Er soll das Reich zur Autarkie führen, doch ihn trägt über diese praktische Anforderung der Kriegsvorbereitung hinaus eine Utopie: Er will Deutschland zu einem Bauernvolk machen. In Darrés Welt ist der deutsche Bauer, mythisch überhöht, dessen Wurzel und „Blutsquell“. Die Idee vom neuheidnischen Bauernvolk ist ihm der Gegenentwurf zur „Entartung“ der Städte. Die phantasierte Vergangenheit und Darrés Blut-und-Boden-Okkultismus passen zu Hitlers Kriegspropaganda - auch, weil es im Deutschen Reich, das „überbevölkert“ (Hitler) scheint, für ein remittelalterisiertes Bauerntum unbestreitbar zu wenig Äcker gibt.

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