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Erfinderpreis : Ohne seine Idee gäbe es viel mehr tödliche Unfälle

Anton van Zanten in seinem „Tüftel“-Kelller im baden-württembergischen Ditzingen. Bild: dpa

Anton van Zanten ist mit dem Europäischen Erfinderpreis ausgezeichnet worden. Er erzählt, was ihn angetrieben hat. Und warum er sich auf autonomes Fahren freut.

          3 Min.

          Den breiten Mund umspielt immer ein Lächeln. In Anton van Zantens Gesicht kann man Neugier und Humor lesen. Hätte er Enkel, er würde es genießen, ihnen die Welt zu zeigen, wie sie funktioniert.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Das kann er, denn er ist Ingenieur und kein durchschnittlicher. Seine Leistungen werden der Nachwelt erhalten bleiben, denn was er erfunden hat, rettet täglich Menschenleben: Anton van Zanten hat das ESP entwickelt, jenen Schleuderschutz, den mittlerweile in Europa und den Vereinigten Staaten jedes Auto eingebaut haben muss, eben weil er so viel Sicherheitsgewinn bringt.

          Nur der Sicherheitsgurt ist noch wichtiger für die Unversehrtheit von Autofahrern. Dem Europäischen Patentamt ist dies eine besondere Würdigung wert. Anton van Zanten ist für sein Lebenswerk jetzt mit dem Europäischen Erfinderpreis ausgezeichnet worden.

          Nicht Sache eines einzelnen

          Ist er aufgeregt deswegen? Das ganze Drumrum macht ihn offenbar schon ein bisschen nervös, signalisierte der mittlerweile 75 Jahre alte Ingenieur van Zanten schon im Vorfeld: „Ich bin ein einfacher Mensch, ich bewege mich normalerweise nicht auf diesem Parkett." Immerhin komme auch der portugiesische Präsident.

          Und gespannt ist er auf einen anderen Finalisten, der sich mit Herzklappen befasst hat. Das interessiert ihn sehr, weil er sich nämlich - bevor er sich auf das Thema Fahrsicherheit verlegt hat - selbst mit genau solchen künstlichen Herzklappen befasst hatte, damals, anno 1968 an der Uni Eindhoven. Ansonsten aber hat Anton van Zanten beinahe Übung im Preise-Bekommen. Sieben Stück hat er schon, alle für die Elektronische Stabilitäts-Kontrolle.

          Große Urkunden und gläserne Stelen zieren sein Reihenhauses im Schwäbischen, wohin der in Indonesien geborene Niederländer der Liebe wegen einst gezogen ist. Die wichtigste Auszeichnung darunter bisher der Ferdinand-Porsche-Preis, den er schon 1999 bekommen hat. Das Preisgeld hat er mit seiner Abteilung bei Bosch geteilt, schließlich ist so eine großartige Erfindung ja nicht Sache eines Einzelnen.

          Und doch ist Anton van Zanten der Erfinder. Er hat das System nach genau dem Prinzip erdacht, nach dem es heute noch funktioniert. Sicher, während Sensoren heute als Massenware in der Halbleiterfabrik von Bosch in Reutlingen hergestellt werden, waren sie damals noch Sonderanfertigungen für den Militärbereich. 50.000 D-Mark hatte der erste Sensor gekostet, und er ist so groß wie ein Hühnerei.

          Alles andere war natürlich auch groß und teuer. Für die Erprobung musste ein großer Kombi angeschafft werden, damit das ESP und die nötige Messtechnik überhaupt verstaut werden konnten. Dass Bosch das alles überhaupt mitgemacht hat, wundert van Zanten noch heute, lässt er durchblicken: schließlich gab es keine Kundenanforderung für so ein System.

          Doch der Ingenieur, der nach Stationen in Iran und Nordamerika zu Bosch gekommen war, hatte sich dort als Experte für Bremssysteme so einen guten Ruf erarbeitet, dass sein Chef 1982 auf das erste Konzept van Zantens sofort einging: „Toll, machen Sie das.“ Heute misst ein ESP in jeder Sekunde 25 Mal, ob das Auto das macht, was der Fahrer will, oder ob es ausbricht, wegen Glatteis oder weil der Fahrer eine Gefahr zu spät erkennt und vor Schreck übersteuert. Dann greift das System ein und verhindert mit der entsprechenden Gegenkraft im Motor oder an den Rädern das Schleudern.

          „Die Idee hat mich nicht losgelassen", sagt van Zanten: „Die Schwierigkeit war, das in Eisen und Stahl zu gießen.“ Tatsächlich gab es noch ganz andere Schwierigkeiten. Als 1988 das System fertig war, gab es aus der Autoindustrie viel Lob - aber keine Aufträge. Erst 1992 startete eine Kooperation mit Mercedes, ab 1995 gab es tatsächlich ein Auto mit dem Schleuderschutz: den S600 Coupé, ein Luxusschlitten in Ministückzahl.

          Die Wende kam mit dem Elchtest. Jener 21. Oktober 1997 ist fest eingebrannt in das Gedächtnis der stolzen Mercedes-Ingenieure - denn damals schafften es schwedische Autojournalisten, die A-Klasse in einem Schleudertest zum Kippen zu bringen. Das damals geradezu revolutionäre neue Kompaktmodell mit Stern blieb einfach auf dem Dach liegen. Daimler schaffte ein Meisterstück der Kommunikation und startete sofort mit dem Serieneinbau des mit der van-Zanten-Truppe gemeinsam entwickelten ESP.

          „Dann bin ich 110“

          „Ich liebe die A-Klasse. Sie hat alle meine Probleme gelöst“, sagt der Ingenieur. Seine Abteilung bei Bosch, die damals 35 Personen hatte und mangels Nachfrage vor einem Kapazitätsabbau stand, wurde auf 120 Mitarbeiter aufgestockt. Seither hat Bosch mehr als 150 Millionen ESP-Systeme hergestellt. Während der Schleuderschutz in Europa schon Pflicht für Neufahrzeuge ist, gibt es in anderen Ländern teils noch Nachholbedarf. Industrie-Analysten schätzen, dass der Markt für die Technologie bis Ende des Jahrzehnts auf 38,4 Milliarden Euro ansteigen wird.

          Van Zanten ist nicht reich geworden durch seine Erfindungen, obwohl allein auf seinen Namen 180 Patente angemeldet wurden, davon 36 in Verbindung mit Autosicherheit. „Ich habe ja für Bosch gearbeitet“, sagt er. Mangelnde materielle Anreize können ihn aber nicht bremsen. Obwohl er längst Rentner ist und es auch genießt, endlich einmal mit Hilfe einer guten Lehrerin seine Fähigkeiten im Flötenspiel verbessern zu können, beschäftigt er sich immer noch voll Leidenschaft mit dem Schleuderschutz.

          Vor allem bei Audi, aber auch bei BMW, Ford und Opel ist seine Expertise gefragt, wenn es darum geht, das ESP mit anderen Systemen im Auto zu vernetzen und die Wechselwirkungen zu verstehen. Ansonsten arbeitet er freiberuflich für ein Münchener Ingenieurbüro. Fast jeden zweiten Tag schließt er sich mit den Kollegen über Skype zusammen, und dann geht es um die Bremse der Zukunft. Wenn das Auto bald autonom fahren wird, braucht es auch andere Bremsen, lautet die Logik hinter diesen Entwicklungen. Aufs autonome Fahren freut sich Anton van Zanten schon jetzt: „Das ist doch toll. Da kann ich 110 Jahre alt werden und immer noch Auto fahren.“

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