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Einwanderung in Deutschland : Keine Rede von Islamisierung!

Bleiben die Asylbewerber, von denen allerdings unklar ist, wie viele dauerhaft in Deutschland leben dürfen. Halbwegs sicher ist das nur bei den Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien, weil eine Befriedung ihres Heimatlands vorerst nicht absehbar ist. Aus dem Land kamen im Jahr 2013 bereits 17.000 Menschen nach Deutschland, im Jahr 2014 waren es bis Ende November bereits doppelt so viele. Unter ihnen sind auch viele Christen, die Deutschland bevorzugt aufnehmen wollte. Über die Integrationschancen auf dem Arbeitsmarkt lässt sich aufgrund der kurzen Zeit bislang wenig sagen.

„Eine große Nachfrage nach geringer qualifizierten Tätigkeiten“

Integrationsprobleme gibt es eher mit den Einwanderern, die schon lange da sind, als mit den Neuankömmlingen. Das liegt vor allem daran, dass der Anwerbung von „Gastarbeitern“ einst völlig andere Prämissen zugrunde lagen: Um den Einheimischen den Aufstieg in höher qualifizierte Job zu ermöglichen, sollten sie die Hilfsdienste übernehmen. Man müsse „die primitiveren Arbeiten von ausländischen Arbeitskräften besorgen lassen“, sagte der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard.

Heute hat sich das ins Gegenteil verkehrt, zumindest, was den Bildungsgrad betrifft. Von allen Einwanderern, die in den vergangenen fünf Jahren aus Südeuropa gekommen sind, hatten 47 Prozent einen akademischen Abschluss. Bei den Osteuropäern waren es immer noch 26 bis 27 Prozent, bei den einheimischen Deutschen hingegen nur 21 Prozent. Am unteren Spektrum ist das Verhältnis genau umgekehrt: Dort sind mehr Ausländer als Deutsche ohne Ausbildung. Das liegt allerdings auch daran, dass viele Länder das deutsche System der dualen Berufsausbildung nicht kennen.

Aber auch viele der gut ausgebildeten Ausländer arbeiten zunächst in Jobs unterhalb ihrer eigentlichen Qualifikation – ein typisches Phänomen in Einwanderungsgesellschaften. Gerade die Osteuropäer finden sich häufig in der Gastronomie oder in Pflegeberufen, in der Landwirtschaft oder auf dem Bau. Diesen Bedarf hat man bei allen Debatten um hochbezahlte Fachkräfte offenkundig übersehen. „Es gibt in unserer Volkswirtschaft eine große Nachfrage nach geringer qualifizierten Tätigkeiten“, sagt Arbeitsmarktforscher Brücker.

Die Einwanderung von Morgen

Die Frage bleibt: Wer macht diese Jobs, wenn die Einwanderung aus der EU zum Erliegen kommt? Absehbar ist das. Sollte sich die wirtschaftliche Lage in den Herkunftsländern verbessern, weil sich der Süden erholt oder der Osten aufschließt: Dann wird sich mancher Italiener doch besinnen, dass am Mittelmeer das Wetter besser ist – das ist die Kehrseite der neuen Mobilität in Europa. Und irgendwann sind alle, die aus Rumänien weggehen könnten, auch gegangen. „Die meisten der Länder haben ein ähnliches Demographieproblem wie wir“, sagt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.

Er befürwortet deshalb ein Einwanderungsgesetz, wie es jetzt viele fordern – von den Grünen bis zur AfD. Schon die jüngste Einwanderungswelle war letztlich politisch gesteuert: durch die Öffnung der Grenzen nach Osten einerseits, durch zunehmende Abschottung gegenüber dem Rest der Welt andererseits. Ein neues Gesetz wird deshalb wieder stärker den Weg ebnen müssen für Einwanderer, die aus Ländern jenseits der EU-Grenzen stammen – aus Berufen, die in Deutschland benötigt werden.

Es ist interessant, welche Länder Klingholz vor allem nennt: Indien, Bangladesch, Pakistan. Es sind Staaten, die nicht nur ein hohes Bevölkerungswachstum haben – sondern auch deutlich mehr Menschen ausbilden, als sie auf dem eigenen Arbeitsmarkt benötigen. Darunter werden, wie leicht zu erkennen ist, auch muslimisch geprägte Länder sein. So gesehen, ist die Islamisierung der Einwanderungspolitik eine Aufgabe für die Zukunft. Und kein Faktum der Gegenwart.

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