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Ein Jura-Student im Gespräch : „Für die Karriere opfere ich nicht mein Sozialleben“

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Der gebürtige Berliner Linus Vollmar, Jahrgang 1994, studiert jetzt an der Goethe-Universität in Frankfurt Bild: Waldner, Amadeus

Der Jura-Student Linus Vollmar spricht für viele seiner Generation: Ihm wäre die gemütliche Beamtenlaufbahn lieber als ein Burnout in der Top-Kanzlei.

          5 Min.

          Herr Vollmar, für viele Studenten ist es heute das größte Glück, Beamter zu werden. Für Sie auch?

          Eine Verbeamtung ist schon ein Riesenvorteil gegenüber der freien Wirtschaft. Realistisch gesehen, ist der Staat ein wirklich guter Arbeitgeber und schon lange nicht mehr nur Auffangbecken für die am Arbeitsmarkt Gescheiterten. Das Bild, das die Politik und die Medien vermitteln, ist ja eindeutig: Die freie Wirtschaft, zumindest im Finanzsektor und in meinem Bereich, Recht, bringt einen irgendwann kurz vor den Burnout. Selbst für einen Liberalen, der ich ganz offen und ehrlich bin, spielt es dann keine Rolle mehr, ob der Stempel Staat da draufsteht oder ob dafür Steuergelder „verschwendet“ werden. Dort gibt es ein entspannteres Arbeitsumfeld, bei dem man nicht auf Konkurrenz setzen muss und das auch besser die Gesellschaft abbildet.

          Aber das war doch nicht immer so?

          Nein, ganz am Anfang meines Jurastudiums war mein Berufsziel, in einer Großkanzlei zu arbeiten, mit allem, was man sich darunter vorstellt.

          Was hat Sie daran gereizt?

          Ganz ehrlich: erst einmal das Gehalt. Zum Zweiten die Arbeitsatmosphäre dort und das Gefühl, dass man etwas Wichtiges tut. Ich würde gerne später ins internationale Recht einsteigen, da sind Großkanzleien der erste Ansprechpartner.

          Und was hat sich dann geändert?

          Mich hat die Aussicht abgeschreckt, dass man den ganzen Tag einen großen Aktenstapel von einer Seite auf die andere schiebt. Selbst wenn man dann entsprechend verdient. Und dann die ganze Arbeitsweise: Ich habe schon das Gefühl, dass der Druck und der Stress dort relativ groß sind. Das merke ich auch, wenn ich mit Anwälten spreche, die in der Branche arbeiten. Dann verliert man ein bisschen die Euphorie dafür. Aber noch schwieriger finde ich die Anforderungen: Was man da schon für ein einfaches Praktikum vorweisen muss! Da zählen ja nicht nur Top-Noten, es müssen mindestens zwei Fremdsprachen sein, am besten noch Chinesisch. Ich zähle mich nicht zu den Top fünf Prozent in meinem Studiengang, das sage ich ganz ehrlich. Ich bin nicht der, der jede Klausur mit einer zweistelligen Punktzahl abschließt. Früher hätte ich schon gedacht, dass ich das hinkriege, weil ich ein Einser-Abitur habe. Aber das ändert sich alles mit Studienbeginn, die Karten werden neu gemischt. Inzwischen halte ich ein Praktikum in den großen Kanzleien für mutig.

          Trauen Sie sich das nicht zu?

          Ich traue es mir schon zu, aber ich glaube nicht, dass ich reinkomme, und nicht nur wegen der Noten. Ich spreche eine Fremdsprache fließend, Englisch, aber da hört es auch schon auf. Was habe ich sonst? Ich habe zwar schon einige Praktika gemacht, aber nicht in diesem Bereich. Ich war im Bundespräsidialamt und für ein halbes Jahr im Bundestag. Dann war ich in der Bundesgeschäftsstelle einer großen, mittlerweile nicht mehr ganz so großen Partei, der FDP.

          Wieso kennen Sie im zweiten Semester schon die Arbeitswelt einer Großkanzlei so genau?

          Von den Jobmessen. Die Kanzleien stehen hier jedes Semester mit ihren Ständen. Dort sieht man, wie die ihre Leute rekrutieren und wie die Anforderungen für die Praktika sind. Da muss man dann erst mal schlucken. Aber das geht nicht nur mir so. Ich kenn’ viele Kommilitonen, auch mit zweistelligen Noten, die abgeschreckt sind.

          Aber Sie haben ja noch reichlich Zeit, aufzuholen.

          Das schon. Aber Jura ist ohnehin ein Studium, das auf die Psyche drückt. Wenn man das wirklich will, muss man immer 100 Prozent geben. Für mich ist es unrealistisch, dass ich mich darüber hinaus noch in Praktika reinhänge, allein um einen Fuß in die Tür zu kriegen. Mit Verlaub: Für ein Praktikum möchte ich nicht mein ganzes Sozialleben in den Wind schießen. Das sehe ich nicht ein, und ich sehe auch nicht, wie das Menschen glücklich machen kann. Es gibt sicher Leute, die ohne Probleme durch das Jura-Studium kommen. Aber das ist auf keinen Fall der Großteil der Studenten.

          Sind die Anforderungen der Privatwirtschaft überzogen?

          Das nicht. Es ist kein Problem, nur die Besten zu wollen. Aber für mich kommt es nicht in Betracht.

          Eine kleinere Kanzlei kommt nicht in Frage?

          Das macht wenig Sinn, ganz ehrlich. Gerade im Hinblick auf den Kosten-Nutzen-Aufwand. Was man in kleineren Kanzleien für Arbeit leisten muss, kommt dem in Großkanzleien in etwa gleich. Und wenn man seine eigene Kanzlei aufmacht, verdient man oft weit unter Mindestlohn.

          Aber wird es in einem Umfeld ohne Wettbewerb nicht schnell langweilig?

          Ja, die Gefahr besteht schon, aber wenn man die Arbeit gerne macht, sollte man auch ohne extremen Leistungsdruck Spaß dabei finden und das leisten, was von einem verlangt wird. Ich denke nicht, dass zwangsläufig die Arbeitsleistung darunter leiden muss, nur weil die Anforderungen nicht ganz so hoch sind oder man nicht 12 Stunden am Tag arbeiten muss.

          Wie sehen das Ihre Kommilitonen?

          So, wie ich das mitbekomme, sehen die das ähnlich. Viele sind tatsächlich abgeschreckt von dem, was die Großkanzleien an Anforderungen stellen. Es studieren viele Leute Jura, da gehen die Ellenbogen natürlich raus, aber das kann auch nur bis zu einem bestimmten Grad gutgehen.

          Früher galt der Staatsdienst als spießig. Das soll heute anders sein?

          Kommt darauf an, mit wem ich rede. Aber es gibt nicht nur bei meinen Kommilitonen Verständnis. Ich glaube, dass der Staat in den letzten Jahren als Arbeitgeber enorm aufgeholt hat im Vergleich zur privaten Wirtschaft, und das hat viele Gründe: Gerade die Berufe, um die ambitioniert gestritten wird, Rechtsanwälte und Banker, haben nach der Finanzkrise 2008 an Image eingebüßt. Nicht nur bei Kunden und beim breiten Volk, sondern auch bei künftigen Arbeitnehmern ist das Image in den Keller gegangen. Politik und Medien haben da gut mitgezogen, indem sie immer wieder sagen: Es gibt nur Arbeitsverträge für ein Jahr, danach steht man wieder auf der Straße, dafür ist der Arbeitsdruck enorm hoch, und du musst 14 Stunden am Tag arbeiten. Das hat alles dazu geführt, dass die private Wirtschaft in den Bereichen unattraktiv geworden ist. Dazu kommen noch die hohen Anforderungen, so dass sich viele inzwischen sagen, dass sie dann lieber ein sicheres Arbeitsverhältnis eingehen. Dann schränke ich lieber mein Gehalt ein, habe aber Freiräume und Sicherheiten und ein sicheres Arbeitsverhältnis. Und wenn ich in Rente bin, kommt als Beamter auch noch mal ordentlich was oben drauf. Das alles zusammen hat dazu geführt, dass der Staatsdienst gar nicht mehr so verschrien ist wie früher.

          Was sagen Ihre Eltern dazu?

          Meine Eltern waren in der DDR im Widerstand und saßen im Knast dafür, dass ich mal ins Ausland gehen darf. Das habe ich auch gemacht, übrigens als nur einer von dreien aus meiner Klasse. Viele wollen das eben nicht, und schon gar nicht nach Asien. Da musste man schon wirklich mutig und weltenbummlerisch sein, um so etwas zu machen. Grundsätzlich haben sich aber auch bei meinen Eltern die Ansichten gewandelt. Was die oft mit Staatsdienst verbunden haben, sind die verstaubten Zimmer von Verwaltungsinstitutionen, die man von 10 bis 12 besuchen kann, nachdem man vorher drei Stunden gewartet hat. Aber das hat sich gewandelt, auch auf dem Amt wird inzwischen effektiver gearbeitet. Der Staat hat durchaus an Image gewonnen.

          Wofür haben sich denn die anderen Abiturienten entschieden?

          Viele von denen arbeiten in Pflegejobs, was mich erstaunt hat. Wer Abitur macht, bei dem rechnet man erst einmal mit einem Studium. Viele haben nach dem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr gemacht und sind dann in den Pflegeberufen geblieben. Ansonsten gehen viele in Richtung Lehramt. Das ist der Großteil.

          Dabei ist die Arbeitslosigkeit gerade so niedrig. Woher kommt die Sehnsucht nach Sicherheit?

          Das kann ich mir nur schwer erklären. Gerade in Deutschland sind Arbeitsplätze so sicher wie nirgendwo sonst in Europa, speziell für junge Menschen. Eine Rolle spielt wahrscheinlich auch, dass wir schon seit Jahren immer nur hören: Kümmert euch um eine sichere Stelle, weil eure Renten nicht mehr sicher sind. Und es ist ja nicht zu bestreiten, dass die große Koalition unsere Renten verspielt hat. Da hat der große Protest aus unserer Generation gefehlt, und ich frage mich auch, wieso. Man hat schon mitbekommen, dass da gerade etwas verabschiedet wurde, was dazu führt, dass wir lange arbeiten müssen, um später mal nicht in Altersarmut zu versinken. Das wurde uns eingehämmert. Das alles führt zu der Angst, dass man nicht früh genug die Hand an den Geldbeutel oder an einen festen Job bekommt.

          Was wollten Sie als Kind werden?

          Ganz lange wollte ich Polizist werden. Letztlich hat also auch schon da der Staat gewunken.

          Der neue Beamten-Traum

          Die junge Generation träumt von einer Festanstellung im öffentlichen Dienst. Fast jeder dritte Student möchte nach dem Abschluss im Staatsdienst arbeiten, wie eine Umfrage der Unternehmensberatung Ernst & Young unter 4300 Studenten ergab. Unternehmen aus der Privatwirtschaft sind als Arbeitgeber nicht mehr so attraktiv, und einen neuen Tiefpunkt hat die Zahl der Selbständigen erreicht. Es könnte in den nächsten Jahren also eine wahre Flut von Bewerbungen auf den öffentlichen Dienst zukommen. Bisher sind die Zahlen noch überschaubar: Derzeit heuern rund 13 Prozent der Universitätsabsolventen und 4 Prozent der Fachhochschüler dort an. Kein Wunder, sind Staatsdiener doch viel reicher als andere Berufsgruppen. Das Bruttovermögen des durchschnittlichen Beamten mit mehr als 200.000 Euro ist mehr als doppelt so hoch wie das mittlere Vermögen von Angestellten.

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