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Ein Jura-Student im Gespräch : „Für die Karriere opfere ich nicht mein Sozialleben“

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Der gebürtige Berliner Linus Vollmar, Jahrgang 1994, studiert jetzt an der Goethe-Universität in Frankfurt Bild: Waldner, Amadeus

Der Jura-Student Linus Vollmar spricht für viele seiner Generation: Ihm wäre die gemütliche Beamtenlaufbahn lieber als ein Burnout in der Top-Kanzlei.

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          Herr Vollmar, für viele Studenten ist es heute das größte Glück, Beamter zu werden. Für Sie auch?

          Eine Verbeamtung ist schon ein Riesenvorteil gegenüber der freien Wirtschaft. Realistisch gesehen, ist der Staat ein wirklich guter Arbeitgeber und schon lange nicht mehr nur Auffangbecken für die am Arbeitsmarkt Gescheiterten. Das Bild, das die Politik und die Medien vermitteln, ist ja eindeutig: Die freie Wirtschaft, zumindest im Finanzsektor und in meinem Bereich, Recht, bringt einen irgendwann kurz vor den Burnout. Selbst für einen Liberalen, der ich ganz offen und ehrlich bin, spielt es dann keine Rolle mehr, ob der Stempel Staat da draufsteht oder ob dafür Steuergelder „verschwendet“ werden. Dort gibt es ein entspannteres Arbeitsumfeld, bei dem man nicht auf Konkurrenz setzen muss und das auch besser die Gesellschaft abbildet.

          Aber das war doch nicht immer so?

          Nein, ganz am Anfang meines Jurastudiums war mein Berufsziel, in einer Großkanzlei zu arbeiten, mit allem, was man sich darunter vorstellt.

          Was hat Sie daran gereizt?

          Ganz ehrlich: erst einmal das Gehalt. Zum Zweiten die Arbeitsatmosphäre dort und das Gefühl, dass man etwas Wichtiges tut. Ich würde gerne später ins internationale Recht einsteigen, da sind Großkanzleien der erste Ansprechpartner.

          Und was hat sich dann geändert?

          Mich hat die Aussicht abgeschreckt, dass man den ganzen Tag einen großen Aktenstapel von einer Seite auf die andere schiebt. Selbst wenn man dann entsprechend verdient. Und dann die ganze Arbeitsweise: Ich habe schon das Gefühl, dass der Druck und der Stress dort relativ groß sind. Das merke ich auch, wenn ich mit Anwälten spreche, die in der Branche arbeiten. Dann verliert man ein bisschen die Euphorie dafür. Aber noch schwieriger finde ich die Anforderungen: Was man da schon für ein einfaches Praktikum vorweisen muss! Da zählen ja nicht nur Top-Noten, es müssen mindestens zwei Fremdsprachen sein, am besten noch Chinesisch. Ich zähle mich nicht zu den Top fünf Prozent in meinem Studiengang, das sage ich ganz ehrlich. Ich bin nicht der, der jede Klausur mit einer zweistelligen Punktzahl abschließt. Früher hätte ich schon gedacht, dass ich das hinkriege, weil ich ein Einser-Abitur habe. Aber das ändert sich alles mit Studienbeginn, die Karten werden neu gemischt. Inzwischen halte ich ein Praktikum in den großen Kanzleien für mutig.

          Trauen Sie sich das nicht zu?

          Ich traue es mir schon zu, aber ich glaube nicht, dass ich reinkomme, und nicht nur wegen der Noten. Ich spreche eine Fremdsprache fließend, Englisch, aber da hört es auch schon auf. Was habe ich sonst? Ich habe zwar schon einige Praktika gemacht, aber nicht in diesem Bereich. Ich war im Bundespräsidialamt und für ein halbes Jahr im Bundestag. Dann war ich in der Bundesgeschäftsstelle einer großen, mittlerweile nicht mehr ganz so großen Partei, der FDP.

          Wieso kennen Sie im zweiten Semester schon die Arbeitswelt einer Großkanzlei so genau?

          Von den Jobmessen. Die Kanzleien stehen hier jedes Semester mit ihren Ständen. Dort sieht man, wie die ihre Leute rekrutieren und wie die Anforderungen für die Praktika sind. Da muss man dann erst mal schlucken. Aber das geht nicht nur mir so. Ich kenn’ viele Kommilitonen, auch mit zweistelligen Noten, die abgeschreckt sind.

          Aber Sie haben ja noch reichlich Zeit, aufzuholen.

          Das schon. Aber Jura ist ohnehin ein Studium, das auf die Psyche drückt. Wenn man das wirklich will, muss man immer 100 Prozent geben. Für mich ist es unrealistisch, dass ich mich darüber hinaus noch in Praktika reinhänge, allein um einen Fuß in die Tür zu kriegen. Mit Verlaub: Für ein Praktikum möchte ich nicht mein ganzes Sozialleben in den Wind schießen. Das sehe ich nicht ein, und ich sehe auch nicht, wie das Menschen glücklich machen kann. Es gibt sicher Leute, die ohne Probleme durch das Jura-Studium kommen. Aber das ist auf keinen Fall der Großteil der Studenten.

          Sind die Anforderungen der Privatwirtschaft überzogen?

          Das nicht. Es ist kein Problem, nur die Besten zu wollen. Aber für mich kommt es nicht in Betracht.

          Eine kleinere Kanzlei kommt nicht in Frage?

          Das macht wenig Sinn, ganz ehrlich. Gerade im Hinblick auf den Kosten-Nutzen-Aufwand. Was man in kleineren Kanzleien für Arbeit leisten muss, kommt dem in Großkanzleien in etwa gleich. Und wenn man seine eigene Kanzlei aufmacht, verdient man oft weit unter Mindestlohn.

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