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Ein Besuch beim Aldi-Gründer : Karl Albrecht: „Ich habe Glück gehabt“

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Die Eheleute Albrecht 1997 vor der Fassade einer Filiale. Sie waren insgesamt 67 Jahre verheiratet. Bild: Privat

Karl Albrecht, der Mitbegründer von Aldi, der mächtigste deutsche Einzelhändler, ist gestorben. Er war der Verschwiegenste, ein geheimnisvoller Außenseiter, der Antityp eines Machtmenschen. Und doch der Erfolgreichste von allen. Kurz vor seinem Tod wollte er erstmals mit einem Journalisten reden.

          Es war vor wenigen Wochen. Es war einer der ganz seltenen Besuche, die Karl Albrecht zuließ, der Mitbegründer des Aldi-Imperiums, der letzte große Nachkriegspatriarch. Und der verschwiegenste von allen. Nie ist er in den vergangenen Jahrzehnten öffentlich aufgetreten, nie hat er ein Interview gegeben, nicht einmal aktuelle Fotos gab es von ihm, dem mächtigsten deutschen Einzelhändler, der sein Leben in eine beispiellose Erfolgsgeschichte verwandelt hatte.

          Er saß wie so häufig an seinem Schreibtisch, ein schmächtiger älterer Herr, weißes Haar, freundliche Züge, wache Augen. Kaum trat der Gast ein, erhob sich Albrecht von seinem Stuhl, was ihm in diesen Tagen nicht leicht fiel, er war schließlich 94 Jahre alt. Seine Tochter geleitete ihn zur Gehhilfe und dann reichte er dem Besucher die Hand: „Guten Tag, hatten Sie eine angenehme Reise?“ fragte er, höflich mit leiser Stimme. Und lächelte, fast wirkte es schüchtern. Er führte hinüber in einen prachtvollen Raum seines großzügigen Hauses im Essener Stadtteil Bredeney – dort wo diejenigen wohnen, die es im Leben ganz nach oben geschafft haben.

          Ein kleiner Holztisch war gedeckt, Meissener Porzellan und in der Mitte eine angeschnittene Mandeltorte, ausnahmsweise nicht von Aldi, sondern von der Konditorin um die Ecke. An den Wänden Kunst, sorgfältig arrangiert, eine Auswahl Expressionisten, leuchtende Farben: Otto Müller, Christian Rohlfs und die Russin Marianne von Werefkin. Auf dem Boden ein riesiger Teppich, Persien. Die Decke mit quadratischer Balkenstruktur gab dem Raum fürstliche Aura. Vor dem großen Fenster ein kurz gemähter Rasen, alle paar Meter ein hoher Pfosten mit Scheinwerfer und Kamera – dahinter die Aussicht über das bewaldete Hügelland des Essener Südens in der Nähe des Baldeney Sees.

          Regelmäßig besuchte Aldi-Süd-Gründer Karl Albrecht Filialen mit seiner Frau, entspannen konnte er auf seiner Golfanlage in Donaueschingen. FAZ.NET zeigt Fotos aus seinem Leben. Bilderstrecke

          Irgendwo hinter den Hängen lag die Villa Hügel, das mondäne Anwesen der Krupp-Dynastie. Unterschiedlicher kann sich Macht kaum gerieren. Dort drüben die monströse Behausung des extrovertierten Stahlbarons, der seinen Palast gebaut hatte, als er weitaus weniger Umsatz machte als der Aldi-Gründer. Und hier ein verstecktes Gelände, bei dem kaum jemand wusste, wer dort eigentlich wohnte. Als Karl Albrecht, der Handelstycoon, vor knapp 60 Jahren an diesen Hang zog, war er der Außenseiter, der Neureiche, der Emporkömmling aus der Krämerwelt. Den die feine Gesellschaft erst einmal schnitt.

          Alles hätte man erwartet, alles außer dieser Persönlichkeit. Deutschland hatte seine Krupps, Abs und Quandts, Patriarchen der ersten Reihe, die ihre Furchen unübersehbar durch die Gesellschaft zogen. Doch anders als bei den markigen Gründergestalten drang es Karl Albrecht nicht danach, seinen Geschäftserfolg, seine unzweifelhafte Macht, auch noch lautstark und unübersehbar zu manifestieren.

          Wenn der neben seinem vor vier Jahren verstorbenen Bruder Theo zweite Gründer des Aldi-Imperiums erzählte, wie an diesem Tag, offenbarte er sich als Antityp einer nach außen gekehrten Machtfigur. Er sprach leise, hörte aufmerksam zu, war feinsinnig und trotz seines hohen Alters wach und interessiert. Er war sichtlich ein Mensch, der Frieden mit sich und der Welt geschlossen hatte, der heiter und dennoch, selbst wenn es merkwürdig klingt, mit einer gewissen Bescheidenheit auf das Aufgebaute schaute. „Ich habe Glück gehabt, sehr viel Glück“, sagte Albrecht immer wieder. Und es war ihm anzumerken, dass er es nicht als Floskel in den Raum warf.

          Natürlich war Glück dabei, immer ist auch Glück dabei, wenn Menschen Außerordentliches gelingt. Mit fünf wäre er fast an Tuberkulose gestorben. Im Krieg wurde er nach wenigen Monaten an der Front vor Moskau schwer am Bein verwundet, entkam aber wie durch ein Wunder der Amputation. Später rettete ihn ein wochenlanger Fußmarsch durch den verschneiten Osten vor den heranrückenden Russen und den deutschen Feldgendarmen, die selbst Verletzte noch zurück an die Front schickten, oder Fliehende auch mal einfach erschossen.

          Er hatte das Glück, im richtigen Elternhaus groß geworden zu sein: Vater und Mutter waren Lebensmittelhändler von Kopf bis Fuß, sie führten einen Laden im Essener Bergarbeiterquartier Schonnebeck. Hier wuchs Albrecht mit seinem Bruder Theo auf, die Handels-Gene im Blut, zwischen den Regalen mit den fein sortierten Waren. Schon mit 14 lernte er Schulden eintreiben, schickte ihn die Mutter zum Geld Sammeln zu den Familien, die ihre angeschriebenen Beträge nicht zahlen wollten.

          Mutter und Bruder waren sein Glück ...

          Vor allem der Mutter auch war es zu verdanken, dass das Geschäft erfolgreich lief und der Familie bescheidenen Wohlstand brachte. Nur die wachsende Konkurrenz machte ihnen das Leben schwer. Es waren die Filialisten, Händler mit dutzenden Geschäften, die mit niedrigeren Preisen die Kunden anlockten. Irgendwo da muss es beide Brüder gepackt haben, denn von Anfang an war für sie klar: Wir werden Filialisten.

          Und er hatte das Glück, einen Bruder an der Seite zu haben, der seine Ziele, Interessen und Leidenschaften teilte. Es muss eine seltene Symbiose gewesen sein, zumindest in den Anfangsjahren. Wärme zeichnet seine Worte, wenn er von der gemeinsamen Tandemtour erzählt, drei Wochen von Essen nach Berchtesgaden und zurück, drei Wochen, in denen sie, fein säuberlich aufgelistet, gemeinsam genau 19,50 Mark ausgaben. Ihr Gerät hatten die Brüder aus ihren jeweils eigenen Fahrrädern zusammengeschraubt – und nach dem Trip fein säuberlich wieder geteilt.

          ... aber Glück allein erklärt den Erfolg nicht

          Doch die Erfolgsgeschichte der Albrechts war so außergewöhnlich, dass sie bei weitem nicht mit Glück allein erklärt werden kann. Es war eine einzigartige und immer wieder auch umstrittene unternehmerische Leistung: Sie schufen Deutschlands größtes Handelsunternehmen, Deutschlands größtes Familienvermögen, rund 18 Milliarden Euro, und eine Marke, die das Nachkriegsdeutschland und seine Einkaufsgewohnheiten prägen sollte wie keine andere.

          Sie gelang zum einen, weil das Brüderpaar Karl und Theo Albrecht vom gleichen unbändigen Aufstiegswillen beseelt war. Die Kindheit im kleinen Laden, die erdrückende Konkurrenz der größeren Händler, all das muss ein loderndes Feuer geschürt haben: Sie wollten wachsen, Größe gewinnen, es den eingebildeten Filialisten zeigen. „Ja, ich wollte groß werden“, sagte Albrecht, „egal, wie sie mich beschimpft haben, ich wollte groß werden.“ Dabei hätten es nicht unbedingt Lebensmittel sein müssen, die ihm den Weg zu diesem Ziel ebneten. Er habe da keine besondere Affinität gehabt: „Kein Stück, mir war das gleich, ich hätte auch etwas anderes gemacht, aber ich habe schon als Kind erkannt, dass man als Lebensmittelhändler auch in Krisenzeiten groß werden kann.“

          Hemdsärmelig packte er seine Projekte an, seine Ladenkalkulationen hielt er zuweilen mit krakeliger Schrift auf kleinen Notizzetteln fest. Wie es Albrecht erzählte, erschien sein Aufstieg als der einfachste der Welt, angelegt im eigenen Erbgut, determiniert von der Lehrzeit bis zum Großunternehmer: „Ich habe an meine Ideen immer geglaubt, und sie konsequent umgesetzt. Es war so klar, so einfach, jeder hätte es machen können.“

          Die Albrechts schufen immer das Einkaufserlebnis, das die Deutschen wollten

          Das war natürlich Koketterie. Karl Albrecht war wie sein Bruder penibel bis ins Mark, und dabei unglaublich geschickt darin, die Bedürfnisse der Deutschen zu erschnüffeln, in ihre Psyche zu kriechen und Europas größten Knauserern die Waren und Läden zu bieten, die sie gerade wollten. Die Albrechts wollten vor allem billig sein und das schafften sie durch ein extrem ausgedünntes Sortiment akzeptabler Qualität, an dessen Zusammenstellung sie ständig herumtüftelten. „Was man erreichen muss“, so Karl Albrecht, „ist, dass der Kunde den Glauben gewinnt, nirgendwo billiger einkaufen zu können.“

          Die Albrechts schufen der größten Konsumentenrepublik des Kontinents das Einkaufserlebnis, das ihre Bürger jeweils wollten. In den knappen Nachkriegsjahren etwa offerierten sie möglichst häufig Nudeln statt der ungeliebten Graupen. Schon waren die Läden voll. Später, nach der Währungsreform, eröffneten sie jede Menge Bedienungsgeschäfte. Bereits nach sechs Jahren waren es 60, zumeist wohnzimmmergroß, nach zwölf Jahren waren es schon 300.

          Bis in die siebziger Jahre waren ihre Läden ein zuweilen schaudernder Spiegel der Wirtschaftswunder-Republik, es war die Perfektion von Kargheit und Minimalismus. In den frühen achtziger Jahren wurden Produkte wie der Aldi-Sekt plötzlich Kult unter Studenten. Heute experimentieren sie mit Edelsortimenten, in denen es schon seit langem Champagner geben darf. Ihr Unternehmen ruhte nie: Der Erfolg der Albrechts ist auch ein Ergebnis ständiger nahezu chamäleonhafter Anpassung an die Bedürfnisse der Deutschen.

          Die Geschäfte liefen glänzend, die Umsätze erreichten bereits Ende der fünfziger Jahre fast 100 Millionen Mark, zudem experimentierten die Brüder mehr und mehr mit Selbstbedienung. Die Investitionen für ein neues Geschäft waren schon nach der Hälfte eines Monats gedeckt. Fortan floss die Liquidität in den Aufbau der nächsten Filiale – es war ein Unternehmen, das die permanente Expansion in sich selbst trug.

          Banken waren ihm suspekt

          Das System Aldi hat sich fast von Anfang an wie ein gigantischer Geldautomat aus sich selbst heraus finanziert – Banken waren Albrecht bis zuletzt suspekt. Als einmal die Baukosten eines zentralen Gebäudes unerwartet in die Höhe geschossen waren und er von seinem Geldinstitut zum Gespräch zitiert wurde, schwor er sich, nie mehr eine Bank zu betreten. Lange Jahre waren deshalb bei Aldi Kreditgeschäfte verpönt.

          Später füllten sich die Läden mit immer mehr Produkten, auch die Deutschen begannen Vielfalt zu schätzen. Die Kosten stiegen, die Margen schrumpften, das Imperium drohte an seinem Erfolg zu ersticken. Die beiden Brüder sahen die Gefahr und besannen sich auf ihr ursprüngliches Rezept, das der eherne Grundsatz für ihr gigantisches Imperium werden sollte: Das Sortiment zu begrenzen, die Kosten penibel zu reduzieren, damit sie hochwertigere Ware zu dem Preis verkaufen konnte, den die Konkurrenz für minderwertigere Ware verlangte. Das, so war sich Albrecht sicher, würden sich die Kunden merken. Er sollte recht behalten.

          Das Discount-Prinzip entstand in den 60ern

          In dieser Zeit, Anfang der sechziger Jahre, reifte bei Karl Albrecht eine Entscheidung, die er als die wichtigste seines Lebens bezeichnete: Die konsequente Einführung des Discount-Prinzips. Kostenträchtige Artikel sortierte er aus, die Einrichtung der Läden reduzierte er, das Sortiment verknappte er radikal, eine Rückkehr zur spärlichen Auswahl der unmittelbaren Nachkriegszeit: Nicht mehr als 350 Artikel sollten es anfangs pro Filiale sein. Die Marke Aldi wurde geschaffen – kurz für Albrecht-Discount – „eine Erfindung meines Bruders“, wie er neidlos eingesteht. Das Geschäft explodierte, schon bald reisten Kunden mit Bussen aus dem Umland an, um in Aldi-Läden einzukaufen. Es war für beide Brüder der große Sprung nach vorn.

          Wenig später beschlossen sie, ihr Imperium aufzuteilen. Es war eine Idee von Karl, der anregte, das Unternehmen zu trennen. Theo erbat sich ein paar Tage Bedenkzeit, dann willigte er ein. Das verabredete Verfahren war einfach. Karl teilte Lager und Filialen in zwei Hälften, Theo durfte wählen. Er entschied sich für den Bereich Essen, Karl bekam Mülheim. Wieder ein paar Jahre später zogen sie dann eine Trennungslinie durch die Republik. Nördlich des Aldi-Äquators regierte Theo mit Aldi Nord. Im Süden sein Bruder.

          Wenn man nach den Gründen der Trennung fragte, gab sich Karl Albrecht schmallippig. Beide hatten wohl über die Jahre festgestellt, dass ihre Persönlichkeiten zu unterschiedlich waren. In Zukunft wollten sie ihre Ideen unabhängiger voneinander verwirklichen, ohne sich aber offen Konkurrenz zu machen. Sie hielten auf wundersame Weise auch in den folgenden Jahrzehnten zusammen, besprochen haben sie sich beim Mittagessen im Golfclub, immer nach dem sonntäglichen Kirchgang, bis zum Tod von Theo Albrecht.

          Und dennoch entbrannte ein heimlicher Wettbewerb, der möglicherweise entscheidend dazu beigetragen hat, dass Aldi seine überragende Marktstellung weiter ausbauen konnte. Keiner der Brüder gönnte dem anderen einen allzu großen Vorsprung, keiner wollte zurückfallen. Und was für die Gründer galt, übertrug sich an die Geschäftsführer, die Gebietsleiter, die gesamte Organisation.

          Karl Albrecht vertraute seinen Leuten mehr als Theo

          Ihre Ziele erreichten die Brüder mit einer Arbeitsweise, die unterschiedlicher nicht sein konnte. Theo war einer der klassischen Gründer, die morgens als erste kamen und abends als letzte gingen. Er war unübersehbar präsent, sein Managementstil war hands on, stets getragen von einer Portion Misstrauen gegenüber seinen Leuten.

          Karl Albrecht dagegen setzte schon früh auf großes Vertrauen. Die von ihm ausgewählten Führungsleute ließ er gewähren. Bereits mit Mitte dreißig zog er sich immer weiter aus dem Unternehmensalltag zurück. Ins Büro ging er nur vormittags, kam dann nach Haus und hielt diszipliniert Mittagsschlaf. Den Rest des Tages verbrachte er daheim, was seine Frau und Kinder als Segen empfanden, denn die Tür zu seinem Zimmer war immer offen, der Familienvater immer für sie da.

          Einmal in der Woche, immer dienstags am Vormittag, ging er Golfspielen, unerreichbar für den ganzen Konzern. Kein Termin durfte in diese Zeit hinein geplant werden. Wenn er zu Hause war, dachte er nach und traf seine Entscheidungen. „Ich brauchte diese Zeit, diese Distanz, auch diese Ruhe“, erzählte Albrecht, „ich hatte Sorge, sonst die Übersicht zu verlieren.“

          Neben dem Handel war Architektur seine Leidenschaft, er entwarf das Interieur vieler Läden selbst, aber auch ein Golfplatz und Hotel in Donaueschingen trugen seine Handschrift. Immer wieder besuchte er seine Läden, sprach mit den Mitarbeitern, um zu sehen, was man verbessern könnte. Das habe ihm, so erzählte er, „einen Riesenspaß“ gebracht. Noch bis ins hohe Alter besuchte er den Aldi-Markt um die Ecke, die Angestellten kannten ihn dort, er erkundigte sich nach dem Gang der Geschäfte.

          „Politik ist doch ein schmieriges Geschäft“

          Hatte er Vorbilder? Die Frage verdutzte ihn. Gewiss, große Persönlichkeiten beeindruckten ihn, deswegen nahm er sich konsequent Zeit für Lektüre. Jeden Tag las er die Frankfurter Allgemeine Zeitung, jeden Tag reservierte er sich zwanzig Minuten Zeit für ein Buch, meist Biografien und Memoiren, etwa von Winston Churchill. Einmal hat er Gottlieb Duttweiler getroffen, den legendären Gründer der Schweizer Migros-Kette. Dessen Lebenswerk hatte ihn beeindruckt. Doch viel mehr Orientierung suchte er nicht unter den Großen dieser Welt.

          Albrecht ging seine eigenen Wege. Er war sein Leben lang ein Außenseiter. Er hat sein Unternehmenskonzept gegen Widerstand und anfangs auch den Spott der etablierten Konkurrenz durchgezogen, seine Ideen zuweilen gegen seine Geschäftsführer durchgesetzt. Das Unternehmen wuchs, die Umsätze erreichten zweistellige Milliardensummen, doch Albrecht mied jede Art von Gesellschaft konsequent. Der Gründer genügte sich selbst, auf wundersame Weise. Alle Ehrungen und Auszeichnungen lehnte er ab, auch das Bundesverdienstkreuz. „Damit kommen doch nur neue gesellschaftliche Verpflichtungen und die wollte ich nicht eingehen“, erklärte er zurückhaltend.

          Die Welt der Wirtschaftseliten blieb ihm fremd. Einmal kam er mit seiner Frau der Einladung des Stahlmanagers Gerhard Cromme nach, es traf sich eine Runde von Spitzenindustriellen. Eberhard von Kuenheim, der mächtige BMW-Chef, Klaus Murmann, der Arbeitgeberpräsident, Michael Frenzel, der Preussag-Chef und andere waren zusammengekommen: „Es war eine für uns beide fremde Erfahrung. Industrieleute sind mir fremd. Von Kuenheim war da noch der Menschlichste“, berichtete er danach von seiner Erfahrung.

          Noch suspekter erschienen ihm Politiker. Mit seinen Läden erreichte er bei den Kunden längst absolute Mehrheiten. Doch die Nähe zur politischen Macht hatte der mächtigste Handelsunternehmer der Republik nie gesucht, ihre Unterstützung nie verlangt. Und andersherum suchten die Politiker auch nicht den Kontakt zu ihm. „Politik ist doch ein eher schmieriges Geschäft“, beschrieb er sein Misstrauen. Nie ist er einem Kanzler oder der Kanzlerin begegnet.

          Das Vermögen steckt in der Stiftung

          Bereits 1972 entledigte er sich großen Teilen seines Vermögens, das ihm in den Reichen-Rankings immer noch zugeschrieben wird. Eine Familienstiftung, die Siepmann-Stiftung, hält die Anteile am Aldi-Imperium, Sohn, Tochter und Schwiegersohn Peter Heister wachen über den Gang der Geschäfte. Karl Albrecht selbst hatte noch ein Mitspracherecht, aber keine Verfügungsmacht über den Konzern. Neben seinem Haus nannte er wenige Immobilien sein eigen, keine Yachten, Privatflugzeuge oder ähnliches Milliardärs-Spielzeug.

          War Karl Albrecht die ungeheure Größe seines Erfolgs bewusst? „Ich denke nicht daran. Reichtum hat mir wenig bedeutet, wohl aber die Freiheit und Unabhängigkeit, die der Wohlstand mit sich brachte“, sagte er. Jahrelang war er knickrig, gönnte sich nichts. Das änderte sich erst nach der Entführung seines Bruders 1971, ein für Karl Albrecht einschneidendes Ereignis: Für dessen Freilassung nach siebzehntägigen Martyrium brachte er die Hälfte des Lösegelds in Höhe von insgesamt sieben Millionen Mark auf: „Von da an beschloss ich, meinen Reichtum ein wenig genussbringender einzusetzen“.

          Sein tägliches Leben gestaltete er dennoch fast asketisch, er aß wenig, natürlich zumeist von Aldi. Auf Fitness legte er Wert, schwamm täglich, spielte unermüdlich Golf. Sparsam war auch sein Sozialleben. Freunde hatte er wenige, die meisten waren Golf-Kameraden. Selten kamen Gäste ins Haus. Wirkliche Nähe ließ er nur gegenüber seiner vor einem Jahr verstorbenen Frau zu, mit der er 67 Jahre das Leben teilte und die er die letzten Jahre vor ihrem Tod zu Hause pflegte, und gegenüber der Familie, mit großer Wärme. Sonst nichts. Diese menschliche Distanz brachte zuweilen auch eine kalte Konsequenz im Unternehmen mit sich: Albrecht ließ seine Manager lange gewähren. Wenn sie ihn enttäuschten oder gar hintergingen, waren die Folgen klar - sofortige Trennung, ohne Skrupel.

          30 Prozent mehr Gehalt - von jetzt auf nachher

          Trotz solcher Härte trieb Albrecht ein ständiger Gedanke: Wie halte ich meine Mitarbeiter zufrieden? Wie bleibe ich so attraktiv, um die besten Talente ins Unternehmen zu holen und dort zu halten? Schon früh hatte ihn das zu einer ungewöhnlichen Entscheidung gebracht. Eines Morgens in den frühen siebziger Jahren trug er sie seinen Geschäftsführern vor. Das Entsetzen stand ihnen in die Gesichter geschrieben, als der Patriarch verkündete: „Unsere Leute verdienen nicht genug“. Von nun an sollte die gesamte Belegschaft 30 Prozent mehr Gehalt bekommen. „Sie hielten mich für verrückt, aber ich habe das durchgesetzt“, sagte Albrecht mit verschmitzter Mine. Selbst am Sterbebett sollte ihn das noch beschäftigen, gab er seinen Nachfahren auf: „Bezahlt unsere Leute gut, sie leisten viel.“

          Ist die Rechnung aufgegangen? Nach Ansicht von Karl Albrecht unbedingt. „Gut bezahlte Mitarbeiter leisten mehr“, sagte er immer wieder. Noch heute zahlt Aldi Süd seinen Angestellten weit über Tarif, entlohnt seine Führungsmannschaften fürstlich und hat wenig Auseinandersetzungen mit Gewerkschaften und kaum Betriebsräte - anders als Aldi Nord. In der Gehaltsfrage war Theo seinem Bruder nicht gefolgt.

          Heute gilt Aldi Süd als das modernere und erfolgreichere Unternehmen. Machte Aldi Nord noch in den achtziger Jahren erheblich mehr Umsatz, als die Bruderorganisation im Süden, haben sich die Verhältnisse längst gedreht. Zwar hat Aldi Nord mit der Handelskette Trader Joe’s großen Erfolg in den USA. Doch der härteste Konkurrent ist mittlerweile Aldi Süd geworden, das unter der Marke Aldi eine scharfe und gewinnbringende Expansion in den USA betreibt.

          „Ohne Lidl wären wir eingeschlafen“

          Aus dem Unternehmen hat sich Albrecht bereits vor fast zwanzig Jahren zurückgezogen. Seitdem führen Manager die Geschäfte. Die Zeiten sind nicht einfacher geworden, die Konkurrenten holen auf. Der Gründer nimmt es mit Humor: „Ohne Lidl wären wir eingeschlafen“, sagte er. Sonst gab es nicht mehr viel Positives, was er über seinen schärfsten Konkurrenten zu sagen hatte. Nun stehen die Albrecht-Familien vor der Aufgabe, die beiden unterschiedlichen Konzernhälften in die Zukunft zu führen, ohne dass das Imperium Aldi daran zerbricht.

          Ganz zuletzt allerdings wollte Karl Albrecht einen seiner ehernen Grundsätze brechen: Die Verschwiegenheit. Er hatte sich entschlossen zu erzählen, noch nicht öffentlich und noch nicht alles, aber es sollte einen Anfang geben. Die Welt hatte sich geändert, der Konzern-Grundsatz „rede nicht, handle“ erschien ihm nicht mehr ganz zeitgemäß, zumindest zu rigide, zu den Erfolgen sollten Geschichten kommen. Die Geschichte eines einzigartigen Aufstiegs, eines einzigartigen Unternehmens, einer einzigartigen Persönlichkeit. Aldi, der geheimnisvollste und zugleich schrulligste aller deutschen Konzerne, sollte endlich Gesicht bekommen.

          Es war sein einziges Lebensprojekt, zu dem er nicht mehr kommen sollte.

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