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Edel-Fleischversand : Die Gourmet-Brüder

Die Brüder Stephan, Wolfgang und Michael haben sich auf die Vermarktung von Spitzenfleischprodukten spezialisiert. Bild: Nedden, Kai

Wer bei Wolfgang, Stephan und Michael Otto ein Stück Fleisch bestellt, muss tief in die Tasche greifen: Je nach Zuschnitt kann ein Wagyu-Steak bis zu 72 Euro kosten. Trotzdem läuft der Gourmet-Versand der drei Brüder gut.

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          Stephan Otto bekleidet vor sieben Jahren einen Posten, den viele junge und aufstrebende Manager als Traumjob bezeichnen würden. Der Deutsche arbeitet für eine Unternehmensberatung in New York. Er sitzt in einem Büro im legendären Chrysler-Gebäude. Er berät Banken am wichtigsten Finanzplatz der Welt. Aber er geht nach Weihnachten dennoch zu seinem Chef und kündigt. Nicht um eine besser dotierte Stelle bei der Konkurrenz anzunehmen. Otto kündigt, weil er mit seinen beiden Brüdern in Deutschland nur einen Monat vorher ein Versandunternehmen für amerikanisches Wagyu-Rindfleisch gegründet hat - die amerikanische Variante des weltberühmten Fleisches aus der japanischen Region Kobe.

          Norbert Kuls
          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Auf die Idee mit dem Fleischversand hatte ihn ein Kommilitone gebracht. Otto testete daraufhin einen Anbieter, der zufällig Wagyu im Angebot hatte. Er grillt das Steak zu Hause im direkten Vergleich zu einem normalen Stück Fleisch und ist vom Geschmack begeistert.

          Von der Wall Street auf die Weide

          Sein Chef hält ihn bei allem Verständnis für unternehmerische Initiative für verrückt. Aus Fürsorge versucht er Otto mit Hinweis auf seine Frau und seine kleinen Kinder umzustimmen. Ohne Erfolg. Otto will das eigene Unternehmen nicht nebenbei aufziehen, sondern sich voll darauf konzentrieren. Der krasse Branchenwechsel von der Wall Street auf die Weiden der amerikanischen Prärie macht ihm keine Sorgen. „Als Unternehmensberater lernt man, dass man auch erfolgreich sein kann, ohne sich 100 Prozent in einem Thema auszukennen“, sagt er.

          Also kauft Otto für 25.000 Dollar von Dan Morgan, einem erfahrenen Rancher im hügeligen Hinterland des Bundesstaates Nebraska mit einer Exportlizenz für die Europäische Union, 200 Kilogramm Wagyu. Dieses Fleisch bieten die Brüder dann deutschen Sterne-Köchen an. „Unsere Idee war es, das beste Fleisch zu finden und es für Top-Restaurants und Privatkunden in Deutschland zugänglich zu machen“, sagt Otto. Das ist dem Trio gelungen. Ihre Firma Otto Gourmet (www.otto-gourmet.de) ist inzwischen ein führender Online-Anbieter für Fleischspezialitäten in Deutschland. Mit Sitz im rheinischen Heinsberg beschäftigen die Ottos rund 30 Mitarbeiter und machen einen Umsatz von mehr als 4 Millionen Euro im Jahr. Etwa 19.000 Namen und Adressen stehen in ihrer Kundendatei. Davon sind 2000 Gastronomiebetriebe, die 60 Prozent zum Umsatz beisteuern.

          Tengelmann steigt ein

          Feinschmeckertempel wie das Vau in Berlin gehören dazu, wo Starkoch Kolja Kleeberg Küchenchef ist. Fachleute für Fleisch sind die Ottos mittlerweile auch. Das von Stephan und Wolfgang Otto geschriebene und vom preisgekrönten Fotografen Thomas Ruhl bebilderte Buch „Gutes Fleisch“ wurde vor zwei Jahren als weltbestes Kochbuch ausgezeichnet.

          Im vergangenen Jahr beteiligte sich dann der Supermarktgigant Tengelmann mit 30 Prozent an dem jungen Unternehmen. In Berlin gibt es schon zwei Otto-Gourmet-Shops in ausgewählten Kaiser's-Filialen der Gruppe. Im Großraum München sind im kommenden Frühjahr drei weitere geplant.

          Die Brüder ergänzen sich

          Zu den Produkten von Otto Gourmet gehört längst nicht mehr nur Wagyu aus Nebraska. Kunden können auch Filets von irischen Hereford-Rindern oder Schulterstücke von schwarzen, halbwilden spanischen Ibérico-Schweinen ordern. Passend zur Weihnachtszeit stehen auch Spezialitäten wie Gänse aus dem rheinischen Gillbachtal auf dem Programm.

          Die drei Brüder, die schon immer Pläne für ein gemeinsames Projekt gehegt hatten, ergänzen sich. Der 45 Jahre alte Stephan, der weiter in den Vereinigten Staaten wohnt, macht sich als Stratege Gedanken um neue Geschäftsfelder. Der 44 Jahre alte Michael, studierter Luft- und Raumfahrtingenieur, achtet auf die Kosten und sorgt dafür, dass die technische Seite reibungslos läuft. Das öffentliche Gesicht der Firma ist Wolfgang, 43 Jahre, der vorher Geschäftsführer im Gastronomiegroßhandel war und dessen Stärken im Verkauf liegen.

          „Viele haben sich nicht getraut, das Fleisch anzubieten“

          Trotz ihrer Talente und des exklusiven Produkts rennen die Ottos bei den deutschen Spitzenköchen zunächst aber keine offenen Türen ein. Die Köche haben zwar professionelles Interesse an Wagyu, das sich durch eine außergewöhnliche Fettmaserung auszeichnet. Diese sogenannte Marmorierung ist für den Geschmack entscheidend und bestimmt die Zartheit und Saftigkeit des Fleisches. „Alle Köche fanden das Fleisch gut, aber viele haben sich wegen des Preises anfänglich nicht getraut, es auf die Karte zu nehmen“, erinnert sich Stephan. Ein Wagyu-Gericht hätte um die 50 Euro gekostet und 30 Euro waren je Gericht für viele Nobelrestaurants damals die Schmerzgrenze. „Mittlerweile arbeiten aber 70 Prozent aller Sterneköche in Deutschland mit unseren Produkten“, ergänzt Wolfgang Otto.

          Unter Privatkunden spricht sich der Name Otto früh herum, nachdem das Magazin „Der Feinschmecker“ schon 2006 eine Reportage über die Morgan-Ranch und deren Elite-Rinder brachte. Prominente aus Politik, Wirtschaft und Medien bestellen bei Otto Gourmet. „Bei uns kaufen aber auch Studenten, die sich einmal im Jahr etwas Besonderes leisten wollen“, sagt Wolfgang Otto. Je nach Fleischzuschnitt kann ein Wagyu-Steak bis zu 72 Euro kosten.

          Rückgriff auf die Ersparnisse

          Trotz der positiven Resonanz hat es Jahre gedauert, bis sich die Brüder auf sicheren Füßen wähnten. Im ersten Jahr kam Otto Gourmet nur auf 250.000 Euro Umsatz. Die drei Gründer mussten von ihren Ersparnissen leben. „Erst nach dem fünften Jahr hatten wir das Gefühl, es geschafft zu haben“, sagt Michael Otto. Stratege Stephan will auf Sicht von weiteren fünf Jahren mit Partnern nach Österreich, in die Niederlande oder die Benelux-Staaten expandieren. Zudem denkt er an eine Erweiterung der Produktpalette um exklusive Angebote für den täglichen Bedarf. „Bisher bieten wir vorwiegend Produkte für besondere Anlässe.“ Dazu gehören auch die Grillpartys bei seinem ehemaligen Chef, der die Wagyu-Steaks auch genießt. „Er ist jetzt ziemlich stolz auf mich“, sagt Stephan Otto und grinst.

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