https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/menschen-wirtschaft/diw-praesident-marcel-fratzscher-ist-das-neue-oekonomische-gewissen-der-nation-13151775.html

Politikberater Fratzscher : Gabriels Geheimwaffe

Für deutsche Ökonomen ist eine solche Nähe zur Politik ungewöhnlich. Die meisten halten eher einen gewissen Abstand, sehen sich mehr als Mahner denn als Macher. Oder sie entwerfen hehre Ideen für eine bessere Wirtschaftswelt, statt zu überlegen: Was ist jetzt dran in der Politik? Was lässt sich jetzt umsetzen, mit dieser Koalition?

„Wir Ökonomen haben auch eine Bringschuld.“

Fratzscher macht das anders. Da ist er Stratege. Und nennt als Vorbild die Ökonomen Amerikas: „In Amerika bringen sich die Professoren viel aktiver in die wirtschaftspolitische Beratung ein als in Deutschland. Davon können wir lernen. Wir Ökonomen haben auch eine Bringschuld.“

Einer der wenigen deutschen Wirtschaftswissenschaftler, die das ebenso vorgelebt haben, war Bert Rürup, der in der Regierungszeit von Kanzler Gerhard Schröder (SPD) weitreichenden Einfluss hatte und de facto an Gesetzen mitschrieb. Er ist passenderweise der Kuratoriumsvorsitzende des DIW, hat Fratzscher mit ausgesucht. Fratzscher nennt ihn jemanden, zu dem er aufschaut.

Die Kritik von Kollegen, Fratzscher übertreibe es etwas mit der Nähe als Quasi-Chefökonom von Gabriel, lässt der DIW-Präsident an sich abperlen. Er behauptet aalglatt: „Es ist wichtig, eine gesunde Distanz zur Politik zu wahren.“ Einige Ökonomenkollegen finden, er habe die Distanz längst verloren. „Er lässt sich instrumentalisieren“, kritisiert ein Konkurrent. Im Kampf des Wirtschaftsministers gegen die strikten Sparziele von Finanzminister Wolfgang Schäuble sei Fratzscher nur ein Instrument.

Einer, der sich mit allen gut stellen will

Das stimmt nur teilweise. Denn andersherum ist das Wirtschaftsministerium mit seiner Begeisterung für den jungen Ökonomen genauso zum Instrument für Fratzscher geworden. Ein Instrument, seine eigene Macht und seinen Einfluss in Windeseile voranzutreiben. So bleibt er zwar meist thematisch nah bei Gabriel, wagt aber auch mal Kritik. „Wir sollten auf keinen Fall den Stabilitäts- und Wachstumspakt aufweichen“, sagte er, als Gabriel vor drei Monaten eine entsprechende Debatte lostrat. „Das wäre Gift für die wirtschaftliche Erholung Europas.“ Damit stützte er den Kurs von Kanzlerin Merkel, was auch nie schaden kann.

Beim populäreren Mindestlohn äußerte er sich vorsichtiger. Der Mindestlohn sei „kein verteilungspolitisches Allheilmittel“, urteilten seine Wissenschaftler. Ebenso ausgewogen fällt das Urteil des Instituts auch über die noch unerledigten Pläne aus dem Koalitionsvertrag aus. Die geplante Mietpreisbremse, urteilen die Wissenschaftler, bringe „mehr Schaden als Nutzen“. Gut sind hingegen Frauenquote, Kita-Ausbau, Familienarbeitszeit und Energiewende.

Der Hans-Werner Sinn für 2015

All diese Themen – und damit sich selbst – bringt Fratzscher sehr zielstrebig in die Medien. Gastbeiträge in den großen Zeitungen des Landes sind für ihn Trophäen, die er auf der Homepage des Instituts prominent ausstellt. Interviews zum neuen Buch lassen sich „kurzfristig arrangieren“, wie die Pressestelle ungefragt versichert.

Als Ökonom ist er so binnen kürzester Zeit wichtig geworden. Im Ranking der bedeutendsten deutschen Ökonomen, das die Frankfurter Allgemeine Zeitung erstellt, belegte er in diesem Jahr hinter Hans-Werner Sinn den zweiten Platz. Im nächsten Jahr könnte er womöglich an der Spitze stehen. Dem gut zwanzig Jahre älteren Sinn, der mit seinem markanten Kinnbart seit vielen Jahren durch die Talkshows tingelt, ist er jedenfalls dicht auf den Fersen.

Weitere Themen

Elon Musk attackiert Apple Video-Seite öffnen

Twitter-Boycott? : Elon Musk attackiert Apple

Nach Darstellung des neuen Twitter-Chefs droht Apple damit, die App seines Textes nicht mehr über den Online-Store zu vertreiben. Seit der Übernahme durch Musk haben eine Reihe von Unternehmen ihre Werbung auf Twitter eingestellt.

Topmeldungen

Scharf kontrolliert: Iranische Fans vor dem WM-Spiel Wales gegen Iran am Freitag im Ahmad Bin Ali Stadium in Al-Rayyan

WM und Proteste in Iran : Nur eine traurige Nebensache

Viele regimekritische Iraner glauben nicht, dass ihnen die Fußballnationalmannschaft bei der WM in Qatar helfen kann. Sie bezichtigen das Gastgeberland der Kollaboration mit dem Regime in Teheran.
Der Oppositionelle Wladimir Kara-Mursa vor einem Moskauer Gericht  im Oktober 2022

Wladimir Kara-Mursa : Putins Gegner gibt nicht auf

Wladimir Kara-Mursa wurde zweimal vergiftet und kämpft weiter gegen das Putin-Regime. Er riskiert eine lange Haftstrafe. Seine Frau Jewgenija erzählt, warum er nicht aufgibt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.