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Volkskrankheit Diabetes : Wachstumsschmerzen

  • -Aktualisiert am

Insulinfertigung im Werk von Sanofi in Frankfurt am Main Bild: picture alliance / dpa

An Diabetes lässt sich zeigen, was eine Volkskrankheit mit der Gesundheit ganzer Wirtschaftsbranchen zu tun hat. Am Anfang steht der Stress, am Ende geht es um Milliarden.

          Siebenmal am Tag ritzt sich Gerhard Kilb den Finger auf, bis Blut fließt. Zum ersten Mal gleich nach dem Aufstehen, danach zu jeder Mahlzeit, zum letzten Mal kurz vor dem Einschlafen. Die Nadel dafür trägt er in einer Tasche immer bei sich, zusammen mit einem Apparat, der wie ein Navigationsgerät aussieht. Tatsächlich lotst es den Mann aus Schwalbach im Taunus durch den Alltag, auch wenn es nur Zahlen anzeigt. Kilb ist Diabetiker, einer von gut sechs Millionen in Deutschland. Deshalb muss er wissen, wie hoch der Zuckergehalt in seinem Blut ist. Liegt er zu niedrig, isst er Traubenzucker oder trinkt eine Limonade. Liegt er zu hoch, spritzt er sich eine Dosis Insulin, morgens in den Bauch, abends ins Bein.

          Manche Mediziner halten Insulin für das wichtigste Hormon im menschlichen Körper. Gebildet wird es in der Bauchspeicheldrüse, wo es spezielle Zellen nach dem Verzehr von kohlenhydratreicher Nahrung ausschütten. Dann sorgt es dafür, dass Muskeln, Fettgewebe und Leber den Zucker aus dem Blut aufnehmen und für harte Zeiten speichern. Besonders schnell muss es gehen, wenn die Kohlenhydrate nicht erst aufgespalten werden müssen, sondern als Zucker aus der Raffinerie direkt zugänglich sind. Das hat bei Gerhard Kilb funktioniert, bis er 38 Jahre alt war. Dann trieben ihn die dauernde Müdigkeit und ein kaum zu stillender Durst zum Arzt. Er wusste damals nicht, dass dies die typischen Anzeichen für einen zu hohen Blutzuckerspiegel sind. Sein Körper war nach und nach taub geworden für das Insulin. Die Zellen in seiner Bauchspeicheldrüse hatten die Produktion daraufhin so lange gesteigert, bis sie erschöpft waren und nicht mehr konnten.

          Die Gründe? Kilb redet nicht drumherum. „Ich habe gesündigt“, sagt er mehr als drei Jahrzehnte nach der Diagnose. In jungen Jahren habe er noch viel Sport getrieben, Fußball gespielt. Als Vertreter im Außendienst sei er dann aber stundenlang im Auto unterwegs gewesen, habe es stets eilig gehabt. Zu oft ließ er deswegen das Essen ausfallen, ein schneller Imbiss an der Raststätte oder eine Tafel Schokolade waren der Ersatz. „Ritter Sport Traube-Nuss, davon war ich regelrecht abhängig.“ Der Blutzuckerspiegel ging auf eine Achterbahnfahrt, die den Organismus überforderte.

          Verteilung der Diabetiker als Indikator für den Aufschwung

          Jeder dreizehnte Deutsche lebt mit Diabetes, bald wird es jeder zehnte sein. Für keine andere Volkskrankheit auf der Welt steigen in den Prognosen der Gesundheitsbehörden die Patientenzahlen so schnell. In Europa sind es schon mehr als 55 Millionen, auf der Welt bald 400 Millionen. Jedes Jahr kommen 10 Millionen dazu. Bei harmlosen Symptomen wie Durst und Müdigkeit bleibt es nicht lange. Auf Dauer ist zu viel Zucker im Blut lebensbedrohlich. Diabetes kann Blutgefäße und Nerven schädigen, depressiv machen, zum Erblinden führen, die Nieren versagen lassen. Rund 5 Millionen Menschen sind im vergangenen Jahr nach Angaben der Internationalen Diabetes-Stiftung daran gestorben. Mehr als 550 Milliarden Dollar kostet die Behandlung von Diabetikern nach einer Berechnung der Universität Harvard im Jahr. Das ist fast doppelt so viel wie für Krebs, den auf einem populären Buchtitel so bezeichneten „König aller Krankheiten“, ausgegeben wird.

          Wie sich die Bilder gleichen: Dominosteine aus der Zuckerwarenfabrik Lambertz

          Dabei könnten nach der Meinung der meisten Mediziner vier von fünf Diabetesfällen durch mehr Bewegung und eine gesündere Ernährung vermieden werden. An der angeborenen Form der Krankheit, für die diese Faktoren keine Rolle spielen, leiden nur 10 Prozent der Patienten. Es gäbe also – verglichen mit den Anstrengungen der Forscher, die vielen verschiedenen Krebsarten zu verstehen und zu bekämpfen – ein einfaches Rezept, um die Epidemie aufzuhalten. Diabetes ist nicht der König, sondern eher ein Kleinbürger unter den Krankheiten. Aber die Überflussgesellschaft scheitert an ihr – und am Verzicht auf zu viel Süßes, auf Bequemlichkeit und einen vollen Terminkalender.

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