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Volkskrankheit Diabetes : Wachstumsschmerzen

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Einer der schärfsten Wettbewerber von Novo Nordisk ist der französische Konzern Sanofi. Er beschäftigt sich auch mit vielen anderen Krankheiten, vielleicht ist die Marge deshalb nicht ganz so hoch, zuletzt lag sie bei 11 Prozent. Die Dimension des Insulingeschäfts lässt sich aber auch an seinen Standorten besichtigen. Zum Beispiel in dem Werk in Frankfurt-Höchst, nur ein paar Ecken von Nicole Wagners Praxis entfernt. Dort hat Sanofi 2007 eine Fabrikhalle mit einer Fläche von 25.000 Quadratmetern in Betrieb genommen, in der Insulin hergestellt wird. In Kunststoffkartuschen von der Größe eines Kugelschreibers verpackt und damit ebenso unauffällig wie leicht zu bedienen, ist es das wichtigste Produkt hier. Roboter schieben die Pakete mit den Kartuschen durch die Gänge, im Hochregallager ist Platz für 15.000 Paletten. Bis zu eine Million Insulinstifte am Tag laufen vom Band.

„Für Sportler wäre das Doping“

Das künstliche Hormon ist nicht das einzige Präparat, das die Pharmabranche zur Behandlung von Diabetes herstellt. Die Therapie beginnt mit anderen Wirkstoffen. Sie sollen die körpereigene Insulinproduktion stärken und die Blutzuckerbildung senken. Aber je schneller ein Patient auf Insulin umgestellt wird, desto einträglicher ist es für die Industrie. Erst seit einigen Jahren sind außerdem Medikamente auf dem Markt, die den Blutzuckerspiegel gewissermaßen über Bande regulieren sollen – indem sie die Zuckerausscheidung über den Urin steigern oder ein Protein hemmen, das seinerseits die Insulinbildung verhindert. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft verspricht sich davon eine höhere Lebensqualität für die Patienten. Pharmakritiker verweisen darauf, dass diese Produkte rund zehnmal so viel kosten wie die althergebrachten.

Es ist nicht nur die steigende Patientenzahl, die Diabetes für die Hersteller zu einer Goldgrube macht. Die Krankheit ist so, als hätten Pharmamanager sie erfunden: Ernst genug, um behandelt werden zu müssen, aber nur langsam fortschreitend, so dass die Patienten jahrzehntelang mit ihr leben können. Das bringt verlässliche Erlöse. Bislang unheilbar, aber nachvollziehbar genug, so dass die Patienten den Blutzuckerwert selbst kontrollieren können. Das lässt auch die Hersteller von Messgeräten und Teststreifen florieren. So lästig, dass kleine Verbesserungen wie länger wirksame Insuline auf große Nachfrage stoßen. Aber auch alltäglich genug, so dass technische Spielereien nicht als unpassend empfunden werden. Der japanische Elektronikkonzern Nintendo etwa hat zusammen mit Bayer eine Spielkonsole entwickelt, die den Zuckerspiegel über den Handschweiß misst. Und Google arbeitet an einer Kontaktlinse, die dasselbe mit der Tränenflüssigkeit tut.

Zu der Selbsthilfegruppe im Frankfurter Bürgerhospital, an der Gerhard Kilb seit einigen Wochen teilnimmt, sind diesmal ein Dutzend Patienten gekommen. Kilb erzählt, wie nervös es ihn macht, dass sein Blutzuckerspiegel trotz Insulin, Diät und Sport so stark schwankt. Als normal gelten zwischen 70 und 140 Milligramm je Deziliter, bei ihm sind es zwischen 50 und 250, ohne erkennbaren Grund. Dann kommen die höchsten je gemessenen Werte zur Sprache. Die Runde wird lebhaft, als ob es darum gehe, einander zu überbieten. Der Arzt, der mit am Tisch sitzt, warnt davor, zu sehr auf Einzelwerte zu achten. Dann erklärt er den Patienten, wie der Stoff wirkt, den fast alle von ihnen sich täglich spritzen. „Für Sportler wäre das Doping, weil es die Muskeln so schnell aufbaut“, sagt er. Der Fachbegriff dafür stammt aus der Medizin, könnte aber auch in einem Wirtschaftslexikon stehen. „Insulin ist ein Wachstumshormon.“

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