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Volkskrankheit Diabetes : Wachstumsschmerzen

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Der Verband der deutschen Zuckerhersteller streitet den Zusammenhang zwischen Diabetes und zu viel Zucker im Essen sogar ganz ab. Die Weltgesundheitsorganisation wird in ihrer nächsten Ernährungsrichtlinie die empfohlene Höchstmenge vermutlich trotzdem halbieren – von umgerechnet 25 auf 12,5 Zuckerwürfel am Tag für einen Erwachsenen. Das sind zwei Becher Vanillejoghurt.

Ein krisensicheres Geschäftsmodell

Das dicke Mädchen habe in den ersten Wochen Fortschritte gemacht, berichtet Nicole Wagner, ihr Gewicht sei gesunken. Aber dann habe die Mutter nicht mehr genug Zeit zum Kochen gehabt. Das Gewicht der Tochter schnellte wieder nach oben. Eine Verschwörung der Lebensmittelindustrie war dafür nicht nötig, Stress und Selbstbetrug genügten. „Die Leute müssten einfach mehr Kartoffeln und Gemüse essen“, sagt die Ernährungsberaterin. „Und vernünftig frühstücken.“ Aber ausgerechnet diese Mahlzeit lassen nach ihrer Erfahrung viele ausfallen, um Kalorien zu sparen – und schaufeln abends, wenn der Hunger zu groß wird, ein Mehrfaches davon in sich hinein.

Nicht jeder Diabetiker tut das, nicht jeder ist fettleibig. Gerhard Kilb zum Beispiel wiegt 75 Kilo, für seine Größe ein Durchschnittswert. Vor der Diagnose waren es acht Kilo mehr. Er lebt jetzt, mit 73 Jahren, streng nach Diät, sitzt jeden Morgen zwanzig Minuten auf dem Heimtrainer. Aber die Disziplin dafür hat er erst, seitdem ihn das kleine Gerät in seiner Tasche dazu zwingt.

Viermal im Jahr bereitet Lars Rebien Sørensen seinen Aktionären eine Freude. Er ist der Vorstandsvorsitzende des dänischen Arzneimittelherstellers Novo Nordisk. Das Unternehmen macht drei Viertel seiner Umsätze im Diabetesgeschäft, so viel wie kein anderer Pharmakonzern. Den Gründern gelang es vor neunzig Jahren, Insulin aus der Bauchspeicheldrüse eines Rinds zu gewinnen und Diabetespatienten zu verabreichen. Heute sind biotechnisch hergestellte Insuline das wichtigste Standbein. Dafür braucht man keine Rinder mehr, sondern nur noch gentechnisch veränderte Zellkulturen in großen Kesseln, die unablässig Insulin ausstoßen. Ein krisensicheres Geschäftsmodell, die Gewinne sichern Arbeitsplätze und Steuereinnahmen. Eine Wohlstandskrankheit eben.

Eine Million Insulinstifte laufen täglich vom Band

Lars Rebien Sørensen jedenfalls spricht schon seit langem zur Vorlage jedes Quartalsberichts von Effizienz, Innovation und Weltmarktführerschaft. Und er zeigt auf ein Diagramm mit zwei Linien, die scheinbar unaufhaltsam von links unten nach rechts oben streben. Der Nettogewinn hat sich in den fünf vergangenen Jahren mehr als verdoppelt, für 2013 wurden umgerechnet 3,4 Milliarden Euro verbucht. Die Marge ist von rund 20 auf 30 Prozent gestiegen.

Das ist selbst für die erfolgsverwöhnte Pharmabranche sehr viel. Ein Börsenfachmann flachst, das Unternehmen sollte seine Geschäftsberichte eigentlich mit einem Goldrand ausliefern. Der Vorstandsvorsitzende Sørensen hat einst Forstwissenschaften studiert, wurde dann aber neidisch auf die teuren Anzüge und vielen Reisen eines Verwandten, der für Novo Nordisk arbeitete. Auch deshalb, gibt er zu, habe er den Beruf gewechselt. Dass sich der Konzern großzügig zeigt, wenn Sportveranstaltungen wie der Marathon in Mainz oder Patienteninitiativen Unterstützung brauchen, ist Ehrensache.

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