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Volkskrankheit Diabetes : Wachstumsschmerzen

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So ist Diabetes zur Wohlstandskrankheit schlechthin geworden. Der Begriff hat viele Facetten. Eine davon ist, dass Wirtschaftswachstum offenbar Verhaltensweisen fördert, die den Menschen krank machen. Eine andere, dass die 550 Milliarden Dollar nicht einfach so verschwinden, sondern einen ganzen Wirtschaftszweig – Ärzte und Krankenhäuser, Geräte- und Arzneimittelhersteller – in Schwung halten. Ökonomen könnten die Verteilung der Diabetiker sogar als Indikator für den Aufschwung nutzen: Besonders rasant nimmt ihre Zahl in den Schwellenländern in Afrika, im Nahen Osten und in Südostasien zu, wo die Mittelschicht größer wird und als Zeichen ihres Aufstiegs den westlichen Lebensstil kopiert. „Auf Hungersnöte sind wir bestens vorbereitet“, beschreibt der Medizinprofessor Stephan Herpertz von der Universität Bochum den entwicklungsgeschichtlichen Befund. „Auf ein Überangebot von Nahrungsmitteln dagegen nicht.“ Anders ausgedrückt: Wir kommen in mageren Zeiten mit wenig aus, können zu viele Nährstoffe ohne physische Anstrengung aber auf Dauer nicht verkraften. Autos, Aufzüge und Maschinen haben die körperliche Arbeit abgelöst. Doch das in Jahrtausenden abgestimmte interne Belohnungssystem knüpft Glücksgefühle immer noch daran, satt zu sein und die Beine hochlegen zu können. Der Körper hat mit dem Fortschritt nicht Schritt gehalten.

Die jüngste Patientin war erst drei Jahre alt

Zielsicher treffen die Annehmlichkeiten des modernen Alltags diese Schwachstelle. Herpertz zitiert Studien, die einen Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und Übergewicht nachweisen: Wer im Sitzen oder Liegen und nebenbei isst, achtet nicht auf die Kalorien. Hinzu kommen die Mechanismen von Kommerz und Konsum. Der Fett- und Zuckergehalt vieler im Fernsehen beworbener Fertiggerichte ist vergleichsweise hoch, weil sie jene Glücksgefühle schnell hervorrufen müssen, um auch beim nächsten Einkauf wieder ausgewählt zu werden. Dasselbe gilt für die Angebote von Imbissketten. „So etwas spielt dagegen keine große Rolle, wenn man selbst kocht“, sagt Stephan Herpertz. Kinder schließlich seien vor allem für Softdrinks anfällig, deren Kaloriengehalt häufig unterschätzt werde. Die Folgen? „Wer mit elf Jahren zu dick ist“, sagt der Mediziner, „bleibt es in den meisten Fällen sein Leben lang.“

Nicole Wagner betreibt eine Praxis für Ernährungstherapie im Frankfurter Stadtteil Höchst. Ihre jüngste Patientin mit Übergewicht war erst drei Jahre alt. Wagner hat mit dem Mädchen und seiner Mutter die Kiste mit Lebensmittelverpackungen ausgepackt, die unter ihrem Schreibtisch steht. Zum Zuckergehalt, der auf die Packungen gedruckt ist, hat sie ihnen eine Umrechnungshilfe gegeben: Ein Würfel Zucker wiegt etwa zwei Gramm. Das macht die abstrakten Tabellen anschaulich. Jeder weiß, dass Süßigkeiten nicht gesund sind. Aber drei Zuckerwürfel sind auch in der Steinofenpizza von Nestlé, sechs in 150 Gramm Bio-Vanillejoghurt von Rewe, neun in einem Beutel Capri-Sonne. Darüber staunen viele.

Der Verband der deutschen Zuckerhersteller streitet alles ab

Im Supermarkt drei Straßen weiter steuert Nicole Wagner den Gang mit den Getränken an. „Wellnesswasser ist in Mode gekommen“, sagt sie. Mineralwasser steht unten im Regal, „Cherry Active mit dem Extra an Sauerstoff“ und anderthalb Würfeln Zucker je 100 Milliliter von Adelholzener oben. Die Industrie mache die Verbraucher mit solchen versteckten Angeboten süchtig und nehme die Ausbreitung von Diabetes dafür in Kauf, werfen ihr Kritiker vor. Sie fordern Verbote oder eine Zuckersteuer. Hersteller wie Nestlé, der größte Lebensmittelproduzent der Welt, wehren sich dagegen. Zucker mache die Produkte knusprig und wirke konservierend, heißt es aus der Deutschlandzentrale. Aber wer braucht drei Würfel Zucker, um zuhause eine kleine Pizza mit Salami und Schinken zu backen? Tomaten und Käse enthalten von Natur aus Zucker, lautet die Antwort, der Hefeteig braucht ihn zum Gären, eine Prise rundet den Geschmack ab.

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