https://www.faz.net/-gqe-8bcwm

Bosman-Entscheidung : Die Fußball-Revolution

Jean Marc Bosman (Mitte) mit seinen Anwälten im Gerichtssaal am 15. Dezember 1995 Bild: Picture-Alliance

Vor 20 Jahren erschütterte Jean-Marc Bosman die Welt des Fußballs. Das berühmte Urteil sorgte für die Freiheit der Profis, doch der Belgier wurde zum tragischen Helden.

          Sein Name ist so bekannt wie die weltbesten Kicker. Auch Jean-Marc Bosman hat den Fußball revolutioniert – aber auf seine Weise. Ein tragischer Held: Übrig geblieben ist von dem großen Triumph, der eine ganze Branche auf den Kopf stellte, bei ihm persönlich nicht viel. Der Belgier lebt mit 51 Jahren verarmt in einem Vorort von Lüttich, enttäuscht vom Leben und, wie er meist verbittert anmerkt, ignoriert von vielen seiner Profikollegen, die sich nicht mal bei ihm bedankt hätten. Würde ihm die Spielergewerkschaft nicht immer mal wieder einige Tausend Euro zustecken, hätte Bosman überhaupt kein Geld. „Die Spieler heute wissen gar nicht mehr, was mein Urteil bedeutet hat. Wir waren auf einmal frei und durften nicht mehr wie Pferde oder Kühe gehandelt werden“, sagte er am Montag beim Kongress der internationalen Fußballer-Gewerkschaft (Fifpro) in Amsterdam, wo der ehemalige Profi auftrat – als Vorkämpfer für die Rechte gerade der vielen unbekannten professionellen Kicker.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auf den Tag genau vor 20 Jahren kippte der Europäische Gerichtshof das Transfersystem im Fußball. Das nach dem Kläger benannte „Bosman-Urteil“ erschüttert Klubs und Funktionäre, weil fortan die Spieler nach dem Auslaufen ihres Vertrags ablösefrei zu einem anderen Verein wechseln durften. Zudem kippten die Richter die Beschränkung für Klubs bei der Verpflichtung von EU-Ausländern. Dafür hatte Bosman, Kicker aus der belgischen Liga, fünf Jahre juristisch gekämpft. Maßgeblich unterstützt von gewieften Rechtsanwälten, welche das umwerfende Potential dieses Falls erkannten.



          Auf einen Schlag verbesserte sich mit dem Urteil die Position der Profifußballer gegenüber den Vereinen und auch ihr Marktwert nahm zu. Denn nach dem Ende eines Vertrages gibt es für die Klubs keinen finanziellen Ersatz in Form einer hohen Ablösesumme mehr. Also müssen sie die begehrten Spieler langfristig binden, was wiederum Gehälter, Prämien und Handgelder hochtreibt. Aber vor allem wichtig: Die Spieler fühlten sich nicht mehr als Leibeigene ihrer Vereine. Sie können seit Bosman nach Vertragsende frei wählen, welchem Arbeitgeber sie sich anschließen.

          Ein neues Kräfteverhältnis

          Und so ging es los: Als beim Belgier im Jahr 1990 der Kontrakt mit dem RFC Lüttich ausläuft, will der Verein zwar verlängern, bietet Bosman aber deutlich weniger Gehalt an. Er sollte fortan statt umgerechnet 3000 Euro nur noch 750 Euro verdienen. Das lehnt der Familienvater ab und will stattdessen zum französischen Zweitligaklub Dünkirchen wechseln. Die Belgier verlangen von den Franzosen dafür eine Ablösesumme über 600.000 Euro – völlig überhöht. Kein Klub dieser Kategorie hätte das für den Mittelfeldspieler bezahlen können. Bosman beginnt zu klagen.

          Die europäische Fußball-Union Uefa versuchte mit Unterstützung des Weltverbandes Fifa die Urteilsfindung zu eigenen Gunsten zu beeinflussen – doch sie scheiterten am Ende gegen Bosman und seine Anwälte. Auch das Geld, das die mächtigen Fußballorganisationen geboten haben sollen, damit er seinen juristischen Kampf einstellte, nahm dieser nicht an. „Das war ein Urteil mit schwerwiegenden Folgen für den Fußball. Es war schön für die Spieler und schlecht für die Klubs“, sagt Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge heute.

          Die Bosman-Entscheidung führte nicht nur zu einem neuen Kräfteverhältnis zwischen Spielern und ihren Arbeitgebern, sondern sorgte zugleich für einen Schub bei der damals noch schwachen Gewerkschaftsbewegung im europäischen Fußball. Nur in England gab es schon sehr früh im vergangenen Jahrhundert eine einflussreiche Interessenvertretung. „Das Urteil war ein Meilenstein des Sportrechts und half uns insgesamt mit unserer Arbeit“, sagt Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der deutschen Spielergewerkschaft (VDV), früher selbst Bundesligaprofi.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Misstrauensvotum : Wetten, dass May gewinnt?

          Die britische Regierungschefin kämpft ums politische Überleben. Bei den Buchmachern auf der Insel gibt es ein klares Meinungsbild, wie dieses Drama im Unterhaus ausgehen wird.

          Französische Gefährder-Datei : Attentate trotz „Vermerk S“

          Wie der mutmaßliche Angreifer von Straßburg waren auch die Attentäter von „Charlie Hebdo“ oder vom Bataclan in der französischen Sicherheitsdatei „fichier S“ als Gefährder vermerkt. Anschläge konnten sie trotzdem verüben – trotz verdeckter Überwachung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.