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Bosman-Entscheidung : Die Fußball-Revolution

Bosman hatte selbst nie etwas davon. Die meisten Klubs lehnten ihn nach dem Urteil ab, verzichteten auf ein Engagement. Der Rebell wurde vom System ausgestoßen und war ein Aussätziger. Für den kleinen Verein RCS Visé in seiner Heimat machte Bosman in der Saison 1995/1996 noch sieben Spiele und schoss ein Tor. „Nachdem ich Fifa und Uefa attackierte, ist mit klar geworden, dass sich meine Karriere damit erledigt hat – vorbei“, sagt Bosman. 

„Unser Kampf muss weitergehen“

Als er keinen neuen Arbeitgeber mehr fand, stellte Bosman einen Antrag auf Arbeitslosengeld, der jedoch abgelehnt wird. Dann beginnt sein Absturz, er verfällt zeitweise dem Alkohol. Neun Jahre nach Prozessbeginn bekam er zwar rund 780.000 Euro Entschädigung für sein vorzeitiges Karriereende zugesprochen. Ein Großteil davon musste er jedoch an seine Rechtsanwälte zahlen, auch Schulden waren zu begleichen. Von seinen Kollegen, die durch ihn neue finanzielle Perspektiven erhalten haben und mit ihrem Beruf nicht selten zu Multimillionären werden, erhält Bosman später kaum Hilfe. Das kritisiert er. Nur einige holländische Nationalspieler und der heutige belgische Nationaltrainer Marc Wilmots, früher Schalke 04, hätten ihm finanzielle Hilfe gegeben. Seine Verbitterung kennt keine Grenzen. Zeitweise rutscht Bosman immer tiefer ab. 2013 wird der Belgier von einem Gericht zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt, weil er die Tochter seiner Lebensgefährtin im Alkoholdelirium geschlagen hatte.

Doch Bosman ist wieder da – und zeigt sein Gesicht. Beim Gewerkschaftskongress in Amsterdam am Montag diskutierte er mit. Zu Gast war dort auch  die deutsche Eisschnellläuferin Claudia Pechstein. Die Fußballer-Vertretung unterstützt die deutsche Wintersportlerin mit einer Bürgschaft bei ihrem juristischen Kampf gegen die Verbände wegen einer aus ihrer Sicht einst unberechtigten Dopingsperre, für sie ein Berufsverbot. Pechstein will in dem Verfahren auch durchsetzen, dass Sportler ordentliche Gerichte anrufen dürfen und sich nicht nur der Sportschiedsgerichtsbarkeit unterwerfen müssen.

Seit dem Bosman-Urteil haben die Gewerkschaften der Profisportler an Bedeutung gewonnen. Die Vertretung Fifpro, der nach eigenen Angaben 65.000 Fußballprofis auf der ganzen Welt angehören, hat im September eine Beschwerde bei der EU-Kommission in Brüssel eingereicht. Es geht um eine weitere Öffnung der Transferregeln für Spieler, dabei wird auch das enge Transferfenster für Vereinswechsel im Sommer und Winter in Frage gestellt. Im Februar geht zudem in Deutschland der Prozess um den ehemaligen Bundesligatorwart Heinz Müller in die nächste Instanz. Der Spieler hatte vor dem Arbeitsgericht gegen die Befristung seines Vertrages in Mainz geklagt und erstinstanzlich Recht erhalten. Sollte das Urteil auch vor dem Landesarbeits- und Bundesarbeitsgericht rechtskräftig bleiben, dürften befristete Verträge, die derzeit gängige Praxis im Profifußball sind, der Vergangenheit angehören. Der Fall birgt Brisanz für die Vereine, könnten die Spieler doch plötzlich auf Grundlage unbefristeter Verträge auch innerhalb weniger Monate ihr Arbeitsverhältnis kündigen.

Bosman wird derweil zu seinem Jubiläum von der Gewerkschaftsbewegung der Fußballer zur Ikone aufgebaut. Eine späte Genugtuung für den bettelarmen Kicker. Wenigstens das. Aber Bosman spielt mit. „Unser Kampf muss weitergehen“, sagte er in passender Wortwahl. „Wir haben eine Schlacht gewonnen, aber noch nicht den Krieg.“ Das hören die Gewerkschaftsfunktionäre gerne.

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