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Uefa : Europas großer Fußball-Skandal

Zwei Freunde: DFB-Präsident Wolfgang Niersbach (links) und der suspendierte Uefa-Präsident Michel Platini. Bild: Imago

Untreue, Bestechung oder Interessenkonflikt: Die eigene Organisation schaut bei Uefa-Chef Platini weg. Dabei gibt sich der Kontinentalverband gerne als Gegenentwurf zur Fifa.

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          Organisation und Geschäftsgebaren des europäischen Fußballs geraten durch den Fifa-Skandal mehr und mehr ins Zwielicht. Hierbei spielt vor allem die Europäische Fußball-Union (Uefa), Großveranstalter für Champions League und Europameisterschafts-Turniere, eine unrühmliche Rolle. Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wird der Kontinentalverband keine eigene Untersuchung gegen seinen Präsidenten Michel Platini einleiten, der von der Ethikkommission des Weltverbandes (Fifa) in der vergangenen Woche suspendiert worden war. Platini droht in dem bevorstehenden Verfahren bei der Fifa wie dem ebenfalls für 90 Tage freigestellten Fifa-Chef Joseph Blatter der endgültige Ausschluss aus dem Fußball. Im Raum stehen Verstöße gegen die Ethikregeln der Organisation, aber auch Vorwürfe wegen Untreue, Bestechlichkeit oder auch Bilanzfälschung. Gegen Blatter ermitteln zugleich Schweizer Staatsanwälte.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Bei der Beantwortung der Schuldfrage brauchen die Ethikrichter der Fifa nicht unbedingt vorsätzliches Handeln feststellen. Ihnen reicht nach dem Standesrecht und den Ethikregeln des Verbandes schon der Nachweis fahrlässigen Verhaltens für eine mehrjährige Sperre der Funktionäre. Die Suspendierung von Platini deutet darauf hin, dass die Ethikkommission wohl eher von der Schuld als Unschuld des Topfunktionärs überzeugt ist.

          Unterdessen erweist sich die Uefa-Organisation als privater Hinterhof Platinis - unter totaler Kontrolle des Franzosen. Dabei gibt sich der Kontinentalverband gerne als Gegenentwurf zur Fifa - demokratisch, transparent, gut und sauber geführt. Dies entspricht offensichtlich immer weniger der Realität. Die Uefa verfügt weder über ein Compliance-System noch eine Ethikkommission, in der externe Experten ermitteln und Fälle verhandeln. Die dafür zuständige Disziplinarkommission der Uefa steht unter Kontrolle von Platini und dem Uefa-Vorstand.

          Insider gehen deshalb davon aus, dass die zuständigen Stellen beim europäischen Kontinentalverband durch ihre fehlende Unabhängigkeit nie eine Untersuchung gegen den eigenen Präsidenten aufnehmen würden. Auch die Uefa ist ein Paradebeispiel für das Governance-Versagen eines Sportverbandes, der Milliarden umsetzt. Zum Uefa-System gehört auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB). Dessen Präsident Wolfgang Niersbach nennt Platini einen „Freund“ und hat bisher ebenfalls keinen Vorstoß unternommen, dass die Uefa eine eigenen Untersuchung anstrengt, um Verstrickungen des Präsidenten und dubiose Zahlung von der Fifa zu prüfen. Stattdessen wird geblockt und verschleiert.

          Eigentlich müssten Uefa-Vorstände wie den DFB-Chef Niersbach brennend interessieren, weshalb ihr Präsident im Jahr 2011 eine Zahlung über zwei Millionen Franken von Fifa-Konten erhalten hat. Platini hat dafür noch keine glaubwürdige Erklärung abgegeben. Hintergrund ist ein schriftlicher Vertrag, der ihm zwischen 1999 und 2002 für „Beratungsleistungen“ 300 000 Franken jedes Jahr von der Fifa einbrachte. Der Großteil dieser Summe wurde ihm damals vertragsgemäß überwiesen. Dass jetzt nach den Ermittlungen verschiedener Seiten plötzlich die Zahlung von zusätzlichen 2 Millionen Franken im Jahr 2011 an Platini bekannt wurde, erklären Blatter und der Franzose damit, dass sie im Jahr 1999 angeblich eine weitere mündliche Vereinbarung getroffen hätten - diesmal über eine weitaus höhere Summe. Eine merkwürdige, aber auch verdächtige Abmachung.

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          In den Büchern der Fifa tauchte die angeblich 1999 vereinbarte Zahlung nicht als Rückstellung auf, was sie hätte müssen, wenn es eine Vereinbarung dafür gab. Einen Hinweis auf die 2 Millionen Franken gibt es in der Bilanz erst 2011 als Cash-Betrag. Blatter als Fifa-Präsident muss sich Untreue vorwerfen lassen, weil nach Schweizer Gesetz solche Forderungen fünf Jahre nach Fälligkeit verjähren. Die Fifa hätte die 2 Millionen nicht an Platini zahlen dürfen. Aber auch für Platini steht Untreue im Raum, weil er selbst seit dem Jahr 2002 dem Fifa-Vorstand angehört.

          Platini spielt bei der Beschaffung von Stimmen in Europa eine Schlüsselrolle

          Er als Verantwortungsträger hätte so dem Weltverband geschadet, weil er die Zahlung über 2 Millionen Franken weit nach der Verjährung der Forderung angenommen hat. Zudem bestand für Platini ein Interessenkonflikt. Die Millionen-Summe floss im Februar 2011, kurz danach stellte sich Blatter zum vierten Mal als Fifa-Präsident zur Wahl. Platini spielte bei der Beschaffung von Stimmen in Europa eine Schlüsselrolle. Angezeigt hat der Franzose den Interessenkonflikt nicht.

          Vielleicht aber ist Blatters und Platinis Geschichte nicht wahr und es gab gar keine mündliche Vereinbarung im Jahr 1999. Dann deutete einiges auf Korruption. Die Uefa interessiert das offenbar alles nicht. Sie zeigt sich als willfähriger Helfer ihres schwer beschuldigten Präsidenten.

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