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Westjordanland : Die Dattel aus Jericho ist nur der Anfang vom Frieden

Spielende Kinder im Jordantal: Die Datteln der Palmen, an deren Wedeln es sich auch schön durch die Luft schwingen lässt, sind ein gefragtes Exportgut. In dieser Sache ist jede Leichtigkeit verlorengegangen. Bild: dpa

In den besetzten Palästinensergebieten wachsen teure Früchte. Die EU hat für Produkte aus Siedlungen eine Kennzeichnungspflicht eingeführt – Israel steht dem misstrauisch gegenüber.

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          Königsdatteln waren lange Zeit Herrschern vorbehalten, denn sie sind selten, und das Fleisch der braunen Früchte ist besonders zart. Die Madjoul-Sorte gilt bis heute als die beste auf der Welt und ist entsprechend teuer. „Wir können die große Nachfrage gar nicht befriedigen“, sagt Inon Rosenblum. Deshalb will der israelische Bauer noch mehr Palmen pflanzen. Gut dreihundert Meter unter dem Meeresspiegel baut er neben den Datteln auch Basilikum, Minze und Gurken an. Anfang Mai ist es in dem fruchtbaren Tal schon so heiß wie anderswo im Hochsommer. Das Klima erlaubt mehrere Ernten im Jahr, auch mitten im Winter.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Hendrik Kafsack

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Auf den ersten Blick erinnern die großen Felder in Sichtweite der jordanischen Grenze an einen Garten Eden. Doch der ist woanders. Diese Plantagen liegen auf politisch vermintem Gelände: Aus der Sicht der Palästinenser und der internationalen Gemeinschaft sind Westjordanland, Ostjerusalem und die Golanhöhen besetzte Gebiete. Sie gehören nicht zum völkerrechtlich anerkannten Israel in den Grenzen von 1967. Das gilt auch für die einundzwanzig israelischen Orte im Jordantal, wo sich am Rand der landwirtschaftlichen Siedlung Naama die Gewächshäuser und Plantagen von Inon Rosenblum befinden.

          Deswegen sind diese Datteln auch ein großes und hitzig debattiertes Thema in den Parlamenten vieler Länder. Zum Beispiel in Brüssel. Für die EU sind die Erzeugnisse aus diesen Gebieten nicht mehr „Made in Israel“. Um mehr Klarheit für die Verbraucher zu schaffen, beschloss die EU-Kommission vor gut einem halben Jahr, dass Aufkleber angeben müssen, wenn Obst, Gemüse und Kosmetika aus Siedlungen in den besetzten Gebieten stammen. Vor allem Frankreich, Großbritannien und Spanien hatten im Ministerrat Druck gemacht. Von einem Boykott aber ist keine Rede.

          Kein Schritt in Richtung Boykott

          „Produkte aus den besetzten Gebieten sind selbstverständlich auch in Europa willkommen, wenn sie korrekt gekennzeichnet sind“, beteuert der EU-Botschafter in Israel Lars Faaborg-Andersen. Die Regierung Israels aber verstand den Beschluss ganz anders. „Wir erinnern uns daran, was passiert ist, als in Europa Produkte von Juden gekennzeichnet wurden“, sagte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Er meinte damit die Boykott-Kampagne der Nazis mit Aufrufen wie: „Kauft nicht bei Juden“. Obwohl es sich nur um eine Kennzeichnungspflicht handelt, ist in Israel bis heute die Sorge groß, dass der Beschluss der Anfang eines Boykotts sein könnte, der bald den ganzen Staat erfasst.

          Brüsseler Parlamentariern erscheint das absurd. Von einem großen Missverständnis spricht etwa der Europaabgeordnete Michael Gahler von der CDU. „Es geht in der öffentlichen Debatte in Israel leider häufig unter, dass wir Boykottaufrufe strikt ablehnen“, sagt Gahler. „Wir wollen nur sicherstellen, dass der europäische Verbraucher erkennen kann, ob ein Produkt aus Israel oder Siedlungen kommt, die völkerrechtlich nicht zu Israel gehören.“ Natürlich gebe es an den politischen Rändern auch Abgeordnete, die „einen Boykott von Siedlerprodukten gefordert haben“, gesteht Gahler ein.

          Diesen Radikalen werde in Israel aber viel zu viel Bedeutung beigemessen. Die Vizepräsidentin der Kommission Mogherini habe deshalb kürzlich ausführlich mit Netanjahu telefoniert und ihm erläutert, dass die Kennzeichnung kein erster Schritt in Richtung Boykott sei. Für Israel leistet sich die EU jedoch auch eine Doppelmoral: Die israelischen Justizministerin Ayelet Shaked kritisiert, dass die EU keine Kennzeichnungspflicht für Produkte aus Nordzypern oder der Westsahara vorschreibt.

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