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Westjordanland : Die Dattel aus Jericho ist nur der Anfang vom Frieden

„Helfen, ethisch korrekt zu sein“

Der CDU-Mann Gahler teilt auch diese Sichtweise nicht. Gerade erst habe der Europäische Gerichtshof das Freihandelsabkommen der EU mit Marokko gekippt, weil es Westsahara umfasst. Von Doppelstandards könne keine Rede sein. Ähnlich argumentiert ein anderer Europaabgeordneter, der ansonsten selten der gleichen Meinung wie Gahler ist: Reinhard Bütikofer von den Grünen. Wer ernsthaft von Doppelmoral rede, müsse sich nur die Reaktion der EU auf die Besetzung der Schwarzmeerhalbinsel Krim durch die Russen anschauen. „Damit verglichen, ist unser Umgang mit Israel eher von Langmut geprägt“, sagt Bütikofer.

Doch jenseits der etablierten Parteien gibt es gibt durchaus einflussreiche Befürworter von Boykotten. Dafür steht vor allem die internationale Kampagne BDS („Boykott, Desinvestition und Sanktionen“). Die BDS hat viele Gesichter. Ein gutes Dutzend auch in Bonn. Dort patrouilliert eine kleine Gruppe gelegentlich durch die Gänge der Kaufhäuser, vor wenigen Wochen der „Galeria Kaufhof“. Sie trugen weiße Kutten und hatten Listen und Kugelschreiber in der Hand, auf denen sie ihre Befunde vermerkten. Sind Produkte, wie Avocados, Weine oder die Wasserspender von „Soda Stream“, die zumindest teilweise aus den Siedlergebieten stammen, korrekt gekennzeichnet?

Auf dem Seitenkopf ihrer akkurat geführten Listen steht: „Deutsche Zivilgesellschaft – BDS“. Darunter: „Inspektion der Produkte israelischer Unternehmen / Galeria Kaufhof Bonn“. Darunter: „Verdacht: Durch den Verkauf von Produkten israelischer Unternehmen, die in den illegalen Siedlungen der besetzten Gebiete tätig sind, trägt Galeria Kaufhof zur Kolonialpolitik Israels bei.“ Eine Reihe weiterer Vorwürfe, an das Kaufhaus gerichtet, folgen: Missachtung des Völkerrechts, unternehmensethischer Prinzipien, zumindest aber der neuen Kennzeichnungspflicht. Viel gebracht hat es noch nicht. „Der Kaufhof hat sich bis heute noch nicht auf unsere Briefe gemeldet“, ärgert sich ein Mann aus der Gruppe, „dabei wollten wir ihm eigentlich nur helfen, ethisch korrekt zu sein und letztlich politisch korrekt.“

BDS: Israel politisch, ökonomisch und kulturell isolieren

Alle zwei Wochen bauen sie einen Infostand in der Bonner Innenstadt auf, das Interesse der Passanten daran ist mäßig. Abends trifft sich die Gruppe in einem Raum nahe dem Bonner Hauptbahnhof. Dort wird deutlich, wie unterschiedlich die Motivation der Aktivisten ist. Es gibt in der kleinen Gruppe einige schon lange pensionierte Männer, die früher in der Studentenbewegung und später in der Friedensbewegung aktiv waren. Ein Mann arbeitete in der Entwicklungshilfe und für eine kirchliche Organisation in Israel. Es gibt pensionierte palästinensische Ärzte, die Israel einst als Studenten aus Deutschland nicht mehr in ihre Heimat ließ, dieses Schicksal teilen sie mit Zehntausenden. Auch ihre deutschen Frauen sind nun gegen das „Apartheidsregime“ engagiert, wie sie sagen.

Auf den ersten Blick erinnert die Landschaft an einen Garten Eden: Mandelblüte im Westjordanland Bilderstrecke

Eine Frau wählt schärfere Vergleiche. Sie nennt Israel einen Staat, der „systematisch die Bevölkerung ausraubt und ermordet“. Sie gerät in Rage; andere aus der Gruppe bezweifeln, ob man das so sagen könne, solle, dürfe. Einer meint: „In Deutschland nicht.“ Ein anderer: „Das ist nicht Konsens in dieser Gruppe.“

Konsens aber ist, dass sehr umfangreicher Boykott erwünscht ist. Es geht nicht nur um die Kennzeichnung der Datteln aus Jericho. BDS, die sich einem „gerechten Frieden“ verschrieben hat, will mehr: den vollständigen Rückzug Israels in die Grenzen von 1967. Das beträfe Hunderttausende jüdische Siedler, Farmer wie Inon Rosenblum, israelische Soldaten, die häufig Brunnen und Straßen für Palästinenser absperren. Bis dieses Land nicht wieder in der Hand von Palästinensern ist, fordert BDS letztlich dazu auf, Israel politisch, ökonomisch und kulturell zu isolieren. Die Rede ist vage vom Boykott aller Firmen, die von der israelischen Besatzungspolitik profitieren.

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