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Diagnose per Videokonferenz : Das Wunder der Telemedizin

  • -Aktualisiert am

Visite mal anders: Die Frankfurter Neurologin Meyding-Lamadé während einer Videokonferenz mit Dhania (Mitte) und ihrer Familie in Brunei Bild: Archiv

Die Patientin lebt in Brunei, ihre Ärzte stellen die Diagnose aus Frankfurt. Eine Behandlung über 12.000 Kilometer ist keine Vision mehr. Modernste Technik macht es möglich.

          Die Diagnose lautete: Systemischer Lupus erythematodes. Die Ärzte haben der damals 12-jährigen Dhania aus dem Sultanat Brunei erklärt, was das ist: eine Autoimmunkrankheit, die Gelenke, Herz, Lunge, Niere und eben auch das Gehirn befällt. Und oft tödlich endet.

          Dhania war wegen harmloser Knieschmerzen ins Krankenhaus in Brunei gekommen. Sie bekam epileptische Anfälle, erlitt einen Schlaganfall. Danach war ihre linke Körperhälfte gelähmt. Dhania war ein besonderer Fall. Deshalb schaltete Brunei Spezialisten ein - ein Ärzteteam aus Frankfurt. Verbunden war es mit der Patientin über Videokonferenzen.

          Während Dhania die gesamte Zeit der Behandlung im Jerudong Park Medical Center in ihrer Heimat verbrachte, saßen ihre behandelnden Ärzte in Deutschland: Geleitet wird die auf Akutneurologie spezialisierte Klinik in Brunei eben nicht von heimischem Fachpersonal, sondern vom Krankenhaus Nordwest in Frankfurt am Main und der Chefärztin der Neurologie Uta Meyding-Lamadé.

          Telemonitoring wird auch in Deutschland praktiziert

          Die Neurologin aus Praunheim hatte vor einigen Jahren den Außenminister Bruneis nach einer Infektion behandelt und wurde prompt vom Sultan eingeladen. Dieser wollte in seinem Staat ein neurologisches Klinikum aufbauen - mit Hilfe von Meyding-Lamadé.

          Das war im Jahr 2010. Davor waren Hirnschäden in Brunei ein Todesurteil, schlichtweg weil die nötigen Kenntnisse auf dem Gebiet der Neurowissenschaft fehlten. Dhania hatte Glück, sie wurde dorthin gebracht. Die gesamte Behandlung leiteten Meyding-Lamadé und ihr Team über den Bildschirm. Die Ärzte in Frankfurt-Praunheim sprechen in Videokonferenzen mit der Patientin und den Medizinern vor Ort. Die Frankfurter Experten bekommen regelmäßig Röntgenaufnahmen und ausgewertete Blutwerte gemailt. Sie sehen, wie der Heilungsprozess verläuft und können schnell auf eine Verschlechterung reagieren.

          Auch innerhalb Deutschlands lassen sich immer mehr Menschen auf die Telemedizin ein. Telemonitoring, also das Beobachten von Patienten, die an Herzinsuffizienz oder Diabetes leiden, wird schon mehrfach praktiziert. Dabei werden den Patienten mobile Messgeräte für Blutdruck, Blutzucker und fürs Gewicht mit nach Hause gegeben. Diese Geräte schicken die Daten automatisch zum Arzt. Das funktioniert bestens, vorausgesetzt, der Patient misst diszipliniert. Den Weg in die Praxis kann er sich dafür dann sparen: Blutdruck prüfen geht von der Couch.

          Diagnose über Bildschirm und Mikrofon

          Der Arzt und telemedizinisch geschultes Fachpersonal überwachen dann die täglichen Werte. Sollten diese rapide in den Keller gehen, können sie den örtlichen Notarzt verständigen sowie anhand der vorliegenden Daten erste Anweisungen geben. „Die Patienten fühlen sich dadurch extrem sicher“, sagt Friedrich Köhler von der Charité in Berlin. Der Arzt sitzt jetzt quasi mit ihnen im Wohnzimmer.

          Eins hat die Praxis gelehrt: Die Geräte müssen bedienungsfreundlich sein, das Messen muss einfach sein. „Große Knöpfe sind Pflicht“, sagt Köhler. Die meisten Patienten in Telemedizin-Programmen sind älter als 60.

          Telemedizin ermöglicht aber auch die Verbreitung von medizinischer Expertise und Wissen - und das über die ganze Welt. Ein Neuro-Spezialist aus München kann einem Chinesen genauso helfen, wie einem Kranken aus dem Nobelvorort Starnberg. Besonders vielen Schlaganfallpatienten konnte so schon das Leben gerettet werden. Das System dabei ist simpel: Kliniken vernetzen sich mit neurologischen Fachärzten und können so über Bildschirm und Mikrofon deren Meinung zu einem Patienten einholen - während dieser noch bei ihnen im Behandlungsraum liegt. Ein Transport des Kranken zu einer Spezialklinik ist nicht mehr nötig, da jede Notaufnahme nun Experten zuschalten kann. Das spart Zeit, denn eine Schlaganfall-Diagnose muss in spätestens vier Stunden erstellt werden, ansonsten kommt jede Hilfe zu spät.

          Ein beinahe normales Leben

          Telemedizin ist kein Modetrend. Die Frankfurter Neurologin Meyding-Lamadé ist sich sicher, dass noch viel mehr möglich ist: So könne durch moderne Kommunikation ein Paradigmenwechsel anstehen: Sprachtherapien, Krankengymnastik oder auch Plattformen für Ausbildung und Lehre, sogenannte „global classrooms“, sind alles Visionen, die dank der Telemedizin nun greifbar nah scheinen. „Noch ist das alles aber Zukunftsmusik“, sagt die Chefärztin.

          Und die Widerstände sind groß: Noch immer fürchten Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger um ihren Job, wenn sie das Wort „Telemedizin“ hören. Meyding-Lamadé wirbt dagegen mit Engelszungen für die Telemedizin: „Alle sprechen von den tollen Chancen, die das Internet bietet. Ich kann dazu nur sagen: Facebook ist primitiv im Vergleich zu den Möglichkeiten, die uns die Telemedizin bietet.“

          Dhania ist heute wieder gesund, führt ein beinahe normales Leben. Außer Müdigkeit und Konzentrationsstörungen sind keine Folgeschäden geblieben. Selbstverständlich war das nicht. Der Heilungsprozess lief nicht glatt. Zwischenzeitlich ging es dem Mädchen schlecht; Komplikationen traten auf. Aber das ist nun passé. Sogar die Schule darf die mittlerweile 16-Jährige wieder besuchen, aber Vorsicht ist geboten: Lupus tritt in Schüben auf. Daher wird die Patientin weiterhin telemedizinisch betreut und überwacht. Das kommt auch ihrer Mutter ganz recht, die sich immer noch um ihre Tochter sorgt und die alltägliche Belastung für Dhania erst langsam erhöhen will. Einen großen Traum will sich die passionierte Reiterin aber trotzdem bald erfüllen: einen Ausritt am Sandstrand des chinesischen Meeres.

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