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Glückliches Deutschland : Verweile doch, du bist so schön

Masse und Gemütlichkeit: Im Stadion von Union Berlin herrscht im Sommer 2014 Einigkeit und Recht und Freizeit. Bild: REUTERS

Im Augenblick geht es den Deutschen so richtig gut. Doch der digitale Wandel kann alles ändern. Eine Reise durch ein Land im Hochgefühl größter Zufriedenheit.

          Für den Moment möchte man in Wolfsburg die Zeit anhalten. Fünfzigtausend sichere Arbeitsplätze im Volkswagenwerk, mehr Menschen als je zuvor verdienen hier ihr Geld. Produktion auf Rekordniveau, in den Werkshallen tanzen die Roboter Ballett, Autorümpfe kriechen über die Fließbänder, fast neunhunderttausend in diesem Jahr. Und die Stadt, früher betongrau, ist zu einem Freizeitpark geworden. Schwanen-Tretboote ziehen auf dem See vor den Werksschornsteinen ihre Kreise, in einer gläsernen Erlebniswelt nehmen Familien ihren neuen Golf entgegen. Die Fußballarena nebenan, am anderen Ufer eine Shopping-Welt mit erstaunlichen Rabatten und Sandstrand.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          „Für unsere Leute hat Krise überhaupt nie stattgefunden, und wenn man sagt, es gibt auch Baustellen im Konzern, denken sie, aber das hat mit uns ja nichts zu tun“, sagt Jörg Köther, der Sprecher des Betriebsrats. Er fühlt sich in der Retortenstadt wohl. Seine Belegschaft auch.

          In sicherem Abstand zum Bedrohlichen. Das ist Wolfsburg, das ist Deutschland im Sommer 2014. Die Provinz, Rückgrat der Wirtschaft, ist fit im Wettbewerb, und das Leben fühlt sich trotzdem leicht an und mediterran. Doch da gibt es nicht nur Erfolg, Wohlstand und Sicherheit, sondern auch Wandel; schleichend demographisch, rasend schnell technologisch. Bei Volkswagen findet er nicht nur in den Roboterhallen statt, sondern auch beim Betriebsarzt. Der soll bald Unterstützung von einem Automaten bekommen, der die Gesundheitschecks der Mitarbeiter durchführt: Pulsmessung, Hör- und Sehtest.

          Wolfsburger Idylle: fit im Wettbewerb, und das Leben fühlt sich trotzdem leicht an und mediterran.

          Und wie viele Autos braucht die Zukunft? Man sagt, es werden sich viele Leute einen Wagen teilen, smarte Mobilität dank Daten und Vernetzung. Dann würden sie weniger Autos kaufen. In Berlin und anderen Städten protestierten kürzlich die Taxifahrer, weil ihnen die „neuen Mobilitätskonzepte“ in Form einer Smartphone-App, die Mitfahrgelegenheiten vermittelt, die Arbeit nehmen. Die App macht jeden zum Taxifahrer. „Dann sind wir am Ende“, sagte ein Fahrer.

          Nur wenige Jahre soll die vierte industrielle Revolution brauchen, die digitale. Die erste hatte mehr als hundert Jahre angedauert. Datenvernetzung, intelligente, kommunizierende Roboter, Big Data, Internethandel stellen Standorte, Institutionen und Berufsbilder in Frage. Als die Unternehmensberatung Accenture kürzlich Wirtschaftschefs interviewte, gab sich die Mehrheit sicher, dass der technische Wandel ihre Branche tiefgreifend verändern werde – innerhalb eines Jahres. Jeder zweite Arbeitsplatz sei in den Vereinigten Staaten mittelfristig durch Automatisierung bedroht, behaupten Forscher aus Oxford.

          Wir holen uns auf der Karte Westfalen heran, machen Bielefeld groß und finden daneben Herford. Bunte Fähnchen wehen auf Autodächern, von Deutschland, Italien, Portugal. Der Spaßmacher Rüdiger Hoffmann wirbt auf Plakaten für Bier. Senioren und Jüngere sitzen auf dem halbvollen Marktplatz am Nachmittag, vor dem Anstoß. Die andren arbeiten noch. In den Industriegebieten am Stadtrand bauen viele Küchen. Herford und Ostwestfalen leben von der Küchenmöbelindustrie, es gibt großartige Unternehmen. Poggenpohl liefert in mehr als siebzig Länder. Seit Jahrzehnten. Immer mehr, als sei das ein Naturgesetz. „Made in Germany zählt bei uns nicht mehr viel, aber im Rest der Welt ist es das Verkaufsargument“, sagt die Marketingchefin.

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