https://www.faz.net/-gqe-7rgo4

Deutsche Auswanderer : Herrlich behaglich in der Schweiz

  • -Aktualisiert am

Hochqualifizierte machen im Nachbarland Karriere

Die Familie Patocchi-Becker muss sich finanziell aber keine Sorgen machen. Noch mehr gilt dies für Robert Berendes. Er und seine Familie leben in Riehen bei Basel. Die deutsche Grenze liegt in Sichtweite. In dem Viertel, in dem sie sich niedergelassen haben, geben sich die Einkommensmillionäre die Hand. Geboren in Leverkusen, hat Berendes in Deutschland Chemie und Volkswirtschaft studiert und wurde in Biophysik promoviert. Der agile Mann ist ein Beispiel für die vielen hochqualifizierten Deutschen, die im Nachbarland Karriere machen. Ende 2002 kam er von der Unternehmensberatung McKinsey zum Agrarchemiekonzern Syngenta in Basel. Dort stieg er bis zum Vorstandsmitglied auf. Jetzt sucht er eine neue Herausforderung und schließt sich im Herbst als Miteigentümer zwei ehemaligen McKinsey-Kollegen in der internationalen Unternehmensberatung „a-connect“ mit Hauptsitz in Zürich an.

Syngenta ist ein international tätiges Unternehmen. Spielt da der Hauptsitz in der Schweiz überhaupt eine Rolle? Muss sich ein Deutscher auf einen speziellen Managementstil einstellen? „In deutschen Vorständen ist das Ego-Denken ausgeprägter. Zugleich spielen Hierarchien in der Schweiz eine geringere Rolle“, fasst der Neunundvierzigjährige seine Erfahrungen zusammen. In einer anderen Frage ist der Manager gespalten. Einerseits werden Entscheidungen in den Unternehmen umfassend analysiert und sorgfältig abgewogen, findet er. Im Zweifel zähle Sicherheit, nicht Schnelligkeit. Andererseits ist die Schweiz nicht gerade ein wendiges Start-up. Manche ausländische Investoren haben damit Schwierigkeiten, meint Berendes. Indes verschaffe zum Beispiel die hohe Forschungsintensität Schweizer Konzernen Nachhaltigkeit und Wettbewerbsvorsprünge, fährt er fort und zählt neben Syngenta die Pharmariesen Novartis und Roche, den Lebensmittelkonzern Nestlé und das Welt-Elektrounternehmen ABB auf. In den vergangenen Jahren ist die Schweiz nach den Worten des Deutschen noch internationaler geworden. Gleichzeitig griffen Politikverdrossenheit und Individualismus um sich, bedauert er. Die zwei Kinder im Teenageralter gehen auf die Internationale Schule in Basel. Die wachsende Zahl dieser Einrichtungen in der Schweiz stößt im Land nicht nur auf Zustimmung. Befürchtet wird das Entstehen abgehobener Parallelwelten für Vermögende und ohne lokale Verankerung. In Deutschland hätten sie ebenso entschieden, versichert Berendes, ganz einfach wegen des internationalen Schulabschlusses. Über Vereine und andere Engagements will sich die Familie in Riehen dennoch verwurzeln. Er kann sich auch ein politisches Amt vorstellen.

Auf die deutschen Pässe verzichten

Wie viele andere Deutsche wollen Berendes und seine Frau Antje Schweizer werden. Inzwischen wären sie sogar bereit, auf ihre deutschen Pässe zu verzichten, wie das früher die Bundesrepublik verlangt hatte. Den Manager faszinieren die Mitsprachemöglichkeiten der „direkten Demokratie“, aber auch Sozialsysteme, „die weltweit Maßstäbe setzen“, wie er sagt. Es klingt wie ein Echo auf einen Satz seines Landsmannes Kraft in Zürich, der die vielen Volksentscheide in der Schweiz als „phänomenal“ einstuft.

Bleibt die Frage, was sich die Deutschen in der Schweiz anders wünschen. „Zürich am Meer“, sagt Grabowski und lacht. Wenige Kilometer weiter gibt Kraft spontan dieselbe Antwort. „Nicht nur die Aare, sondern einen See“ wünscht sich Claudia Patocchi für Bern. Marcus Kraft freut sich über den Hafenkran, der diesen Sommer am Ufer der durch Zürich fließenden Limmat steht. Darüber hinaus hat die Stadt auf einem Hochhaus vorübergehend ein laut tönendes Schiffshorn installiert. Eine Ahnung von Meer wird immerhin wahr. Den Traum von Weite und fernen Horizonten darf man sich dazu denken.

Weitere Themen

Umweltschonend, nachhaltig und wettbewerbsfähig Video-Seite öffnen

Deutsche Luftfahrt : Umweltschonend, nachhaltig und wettbewerbsfähig

Die deutsche Luftfahrt soll in Zukunft umweltschonender und nachhaltiger werden, zugleich aber international wettbewerbsfähig bleiben und sichere Arbeitsplätze bieten: Zu diesen Zielen haben sich Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften bei der ersten nationalen Luftfahrtkonferenz in Leipzig bekannt.

Topmeldungen

Anne Will diskutiert mit ihren Gästen über die Soli-Abschaffung

TV-Kritik: Anne Will : Wiederbelebung der Neiddebatte

Die SPD hatte bisher das einzigartige Talent, die Probleme ihrer Konkurrenz zu den eigenen zu machen. Bei der Debatte um den Solidaritätszuschlag scheint das anders zu sein, wie bei Anne Will zu beobachten war.
Unser Sprinter-Autor: Sebastian Reuter

F.A.Z.-Sprinter : Von wegen Kinderkram!

Angela Merkel könnte in Biarritz noch eine tragende Rolle zukommen. Eltern sollten mit ihrem Nachwuchs über einen besonderen Mann sprechen. Und Glück stellt sich manchmal erst spät ein. Was sonst wichtig ist, steht im F.A.Z.-Sprinter.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.