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Deutsche Auswanderer : Herrlich behaglich in der Schweiz

Irgendwo ist in jedem Land die Grenze der Zuwanderung erreicht

Die Ausländer Grabowski und Kraft nehmen das Abstimmungsresultat nicht persönlich. Als schon im Land lebende Ausländer sind sie von den geplanten Begrenzungen nicht betroffen und empfinden das Votum darüber hinaus nicht als Misstrauenserklärung. Grabowski berichtet etwas belustigt, dass sich Schweizer Arbeitskollegen für das Abstimmungsergebnis bei ihm entschuldigt haben. Sie hätten unter anderem auf die wachsende Befürchtung verwiesen, dass die Ausbildung der Jungen vernachlässigt werde, wenn man sich Arbeitskräfte einfach im EU-Ausland holen und dabei mit hohen Löhnen locken könne. Für den Mann aus den neuen Bundesländern ist klar: Irgendwo sei in jedem Land die Grenze der Zuwanderung erreicht, und „die Schweizer wollen nicht aufs Spiel setzen, was sie aufgebaut haben“. Kraft sieht das etwas anders. Ein kleines Land handle wohl immer etwas ängstlicher als ein großer Flächenstaat mit hoher Aufnahmekapazität, glaubt er.

Seit 2007, dem ersten Jahr der vollen Personenfreizügigkeit mit der EU, zogen bis Ende 2012 netto jährlich mehr als 75000 Menschen in die Schweiz. Das entspricht knapp einem Prozent der Bevölkerung. Auf Deutschland bezogen hieße das, jedes Jahr kämen mehr als 750 000 Personen, also weit mehr als das 2013 registrierte 20-Jahres-Hoch von 437 000.

Bevölkerung mit dem Hang zu einfachen Lösungen

Dessen ungeachtet hat der Volksentscheid Claudia Patocchi, geborene Becker, nachdenklich gemacht. Ihre Antwort kommt nach einigem Nachdenken. „Die Abstimmung weist - obwohl sie mich persönlich gar nicht betrifft - auf einen besorgniserregenden Hang in der Bevölkerung zu ,einfachen Lösungen‘ hin“, formuliert sie. Claudia Patocchi lebt in Bern, das als Bundeshauptstadt einen hohen Anteil öffentlich Bediensteter aufweist. Sie selbst arbeitet wie ihr Mann Fabio als Führungskraft bei der Post. „Seit meiner Ankunft in der Schweiz vor zwölf Jahren hat das Einwanderungsthema an Bedeutung gewonnen“, berichtet die Neununddreißigjährige und fährt fort: „Nach meiner Ansicht liegt die große Herausforderung in den Fragen der Integration, beispielsweise schon in den Kindergärten und Schulen.“

Die gebürtige Kölnerin und Diplom-Kauffrau schätzt es, dass sie in ihrer viersprachigen Wahlheimat ihr Französisch und Italienisch pflegen kann. Wer sich in Bern umhört, nimmt tatsächlich - bedingt durch die angrenzende Westschweiz - eine starke französische Sprachkomponente wahr. Claudia Patocchi teilt das Schicksal vieler Schweizerinnen, den Beruf und die Familie miteinander zu vereinbaren. Als Vorteil empfindet die Mutter von zwei Kindern im Alter von sechs und zwei Jahren das große Angebot an Teilzeitstellen bis hinauf in die Führungsetagen. Sie und ihr Mann arbeiten bei der Post mit jeweils einem Neunzig-Prozent-Pensum. Als Teamleiterin für das internationale Geschäft hat sie so, genau wie ihr Mann, einen halben Tag in der Woche frei. Zum Teil kann sie auch von zu Hause aus arbeiten.

Aber die Kinderbetreuung bleibt ein Kraftakt. Tagesmütter sind schwierig zu bekommen. Zum Glück kann Claudia Patocchi auf die in Bern lebende Schwiegermutter zurückgreifen. Für die ab einem halben Jahr mögliche Kita für die Kleinen gilt die Devise: „Salopp gesagt, meldet man seine Kinder am besten an, ehe sie überhaupt auf der Welt sind“, so die Erfahrung Patocchis. In den Kindergärten setzen sich die Probleme fort, da sie im Gegensatz zu Deutschland in der Regel nur vormittags eine Betreuung bieten. Nicht zu vergessen die Kosten. Nach den Worten Patocchis ist ein Kita-Platz in der Schweiz mit umgerechnet zweitausend Euro im Monat viermal so teuer wie in der Bundesrepublik. Das übertrifft den Kaufkraftunterschied deutlich.

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