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Deutsche Auswanderer : Herrlich behaglich in der Schweiz

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Wer sucht, der findet Negativ-Episoden nicht nur im Supermarkt: deutsche Kinder, die in der Schule gehänselt werden, Reibereien über Sitzplätze in den Zügen, böse Blicke, wenn die Deutschen in Geschäften ihre Einkäufe ohne das unter den Eidgenossen immer noch übliche Bitte, Danke und die Abschiedsformel eines „schönen Tages“ tätigen. Die Amerikaner würden das wohl unter ihren Begriff der „Mikroaggression“ fassen. Die wahre Hürde bildet die Sprache. Hochdeutsch und „Schwyzerdütsch“ sind zwei Paar Stiefel, und damit verbunden ist für viele Schweizer eine gewisse Distanz und Fremdheit, ja sogar ein Gefühl der Unterlegenheit. Sie erwarten nicht, dass die Deutschen ihren Dialekt sprechen, sind aber dankbar, wenn sie ihn verstehen. Wer weiß, dass „Herdöpfel“ Kartoffeln sind, „Töff“ ein Motorrad bezeichnet und sich hinter einem „Herrgöttli“ ein kleines Bier verbirgt, hat schon gewonnen.

Zuwanderer Kraft verrät einen weiteren Trick: „Mit meinen Schweizer Freunden rede ich schwäbisch. Die denken dann, ich spreche kein besseres Hochdeutsch als sie selbst.“ Der 34 Jahre alte Schwabe arbeitet als Grafikdesigner. Er lebt für eintausend Franken im Monat in einer Mini-Zweizimmerwohnung, dafür aber im beliebten Zürcher Stadtviertel Seefeld und nahe am See. In die Schweiz war Kraft schon während des Studiums im Rahmen eines Praktikums gekommen. Er hat sich im Land einen Namen gemacht, ein enges Netzwerk geknüpft und mehrere Preise gewonnen. Seine Begründung für seine Wohnortwahl ist einfach. „In Europa genießt neben den Niederlanden noch die Schweiz das weitaus höchste Ansehen im Grafikdesign“, sagt er. Die Alpenrepublik als Zentrum für kreative Köpfe überrascht, in der Regel wird ihr Mittelmäßigkeit und Engstirnigkeit unterstellt. „Über das flache Land kann ich nichts sagen, aber in Zürich und meinem vorhergehenden Wohnort Basel finden Sie gleichermaßen offene und bünzlige Leute wie eben überall“, findet Kraft. Bünzlig heißt spießig. Kraft schätzt das kulturelle Angebot und die vielen Tourneeveranstalter, die am Zürichsee Station machen. „Stuttgart bietet halb so viel, obwohl es doppelt so groß ist.“

Für alle, die der Schweiz eine untergründige Ausländerfeindlichkeit unterstellen, war die Abstimmung über die Einwanderungsinitiative der rechtskonservativen Partei SVP am 9. Februar eine Bestätigung. Über das Land ging eine Welle der Kritik nieder. Sie bezog sich darauf, dass die Bürger mit der knappen Mehrheit von 50,3 Prozent gegen den geltenden freien Zuzug von EU-Bürgern gestimmt hatten. An seine Stelle sollen wie bei Drittstaaten Kontingente sowie ein Inländervorrang in der Stellenbesetzung treten. Hierzu muss man wissen, dass die Schweiz mit gut 23 Prozent nach Luxemburg den weitaus höchsten Ausländeranteil in Europa aufweist. Dessen ungeachtet war der Erfolg der Einwanderungsinitiative zum Beispiel für die St. Galler Volkswirtschaftsprofessorin Monika Bütler ein Beleg dafür, dass der Eidgenossenschaft eine „aufklärerische Politik“ fehlt, die Pauschaleinschätzungen zerpflückt.

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