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Deutsche Bank : Ackermann - eine Bilanz

Mit der Krise begann sich aber auch Ackermanns Selbstverständnis zu wandeln. Er verlor immer mehr Interesse am „Mikromanagement“ der Bank und sah sich zunehmend in der Rolle des Gesprächspartners und Ratgebers der politisch Mächtigen und in der Funktion eines Retters in der Krise. Der Vorsitz der internationalen Bankenvereinigung IIF unterstrich das internationale Renommee des Schweizers. Dass sich Ackermann seit seinen Studientagen intensiv mit gesamtwirtschaftlichen Fragen befasst hat und er über einige Kompetenz verfügt (man könnte sich ihn auch als Professor oder Zentralbankpräsident vorstellen), erleichterte ihm den Zugang in die Hallen der politischen Macht, darunter in das Weiße Haus und in den Kreml, entfremdete ihn aber zunehmend von seinen Vorstandskollegen.

Ackermann macht keinen Hehl aus der tiefen Befriedigung, die ihm die Rolle des internationalen „Banken-Staatsmanns“ verschafft hat, und er lässt keinen Zweifel an seiner Befähigung für diese Rolle erkennen. Die Kommunikation der Bank diente immer häufiger der Etablierung einer „Marke Ackermann“. Gleichzeitig war aus den Doppeltürmen die Bemerkung zu vernehmen, der Chef hebe ab.

Aus den Erfahrungen der Tage und Nächte nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers, als nicht nur Ackermann ernstlich einen Kollaps des internationalen Finanzsystems befürchtete, erklärt sich seine außerordentliche Wertschätzung des damaligen Bundesbankpräsidenten Axel Weber. Hier war ein Mann, der nicht nur in der Krise kaltblütig und souverän agierte; der nicht gerade unter einem unterentwickelten Selbstbewusstsein leidende Ackermann erkannte in Weber einen in intellektueller Hinsicht mindestens gleichrangigen, in Fragen des ökonomischen Verständnisses sogar klar überlegenen Mann.

Der einzig denkbare Nachfolger

Wenn Ackermann Weber hiernach als geeigneten Kandidaten für seine Nachfolge betrachtete, war dies vielleicht noch keine Verirrung, eher die Ausschließlichkeit, mit der Ackermann Weber als einzig denkbaren Nachfolger wahrnahm. In dieser Unbedingtheit lag eine Überhöhung Webers, die aus der Ackermannschen Selbstüberhöhung folgte und die den Schweizer in der Führung der Bank zunehmend isolierte. Den kläglich gescheiterten Versuch, seinen Widersacher Clemens Börsig als Aufsichtsratsvorsitzenden zu beerben, nachdem Weber als Nachfolger im Vorstandsvorsitz ausgefallen war, betrachtet Ackermann als einzigen ernsthaften Fehler, den er in seiner Zeit bei der Deutschen Bank begangen hat.

Die Wunden, die im Zuge des Wechsels von Ackermann zu Anshu Jain und Jürgen Fitschen auf vielerlei Seiten geschlagen wurden, sind noch lange nicht verheilt. Ackermann hat seinen Unwillen mehrfach mit Gesten und verbalen Seitenhieben erkennen lassen, hofft aber, dass sich mit einiger Distanz seine Rolle besser darstellt als derzeit. Seine Nachfolger wollen nichts sehnlicher, als endlich die Macht zu übernehmen. Tief in der Bank ist aber auch der Wunsch nach einer Versöhnung zu vernehmen, sobald sich die Wogen einmal geglättet haben.

An diesem Maiabend im Städel redet Ackermann nicht viel über die Bank. Aber er fragt sich, ob die vermittelnde Rolle zwischen den internen Kulturen, die er als Schweizer Universalbanker mit Hang zum Kapitalmarkt wahrnahm, auf eine Doppelspitze übertragen werden kann. Er fragt sich, mit welchen Geschäften die Bank künftig Geld verdienen soll. Wie viele Altvordere fehlt ihm das Vertrauen in seine Nachfolger. Josef Ackermann hat der Deutschen Bank in vielerlei Hinsicht gutgetan. Aber die Deutsche Bank ist größer als Josef Ackermann.

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