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Integration : Der steinige Weg der Flüchtlinge an die Hochschulen

Für ein Studium in Deutschland werden normalerweise Kenntnisse auf dem fast muttersprachlichen C1-Niveau gefordert. Bild: dpa

Für Asylbewerber mit hoher Schulbildung könnte die Integration in den Arbeitsmarkt über ein Studium gut sein. Die Möglichkeit, wieder abgeschoben zu werden, demotivierend aus.

          Wie können die vielen Flüchtlinge, die nach Deutschland strömen, integriert werden? Diese Frage stellen sich viele mit großer Sorge. In eine Gruppe werden allerdings auch größere ökonomische Hoffnungen gesetzt: in die jungen Menschen, die eine Hochschulzugangsberechtigung mitbringen.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Wie viele es sind, weiß man nicht genau. Nach einer – nicht repräsentativen – Umfrage des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) haben 13 Prozent der Flüchtlinge eine Hochschule und 17,5 Prozent ein Gymnasium besucht. Wenn es gelingt, so die Hoffnung, ihnen den Weg in ein Studium zu ebnen, dann werden sie angesichts einer niedrigen Akademikerarbeitslosigkeit später eine Arbeitsstelle und einen Platz in der Gesellschaft finden.

          Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) fordert, Flüchtlingen den Weg ins Studium deutlich zu erleichtern. Das sei im Interesse der Migranten und diene der Fachkräftesicherung, zumal sich viele für ein mathematisches, naturwissenschaftliches oder technisches Studium entschieden, sagt BDA-Hochschulreferentin Isabel Rohner.

          Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) mahnt eine finanzielle Unterstützung durch die Politik an, um die Studenten und Wissenschaftler unter den Flüchtlingen fördern zu können. „Pro Person und Jahr gehen wir allein für Sprachbildung und Propädeutika von etwa 4000 Euro aus“, sagt HRK-Präsident Horst Hippler. Er verlangt zudem, als ersten und entscheidenden Schritt, eine frühzeitige Bildungsberatung.

          „Notwendige Sprachkompetenz frühestens nach einem Jahr“

          Bisher ist für Flüchtlinge der Gang an eine deutsche Hochschule ein Kraftakt, auch wenn er im Normalfall nicht an rechtlichen Vorgaben scheitert, wie Hannes Schammann, Professor für Migrationspolitik an der Universität Hildesheim, erklärt. Grundsätzlich dürfen Asylbewerber mit Aufenthaltsgestattung, aber auch Geduldete – ihr Asylantrag wurde abgelehnt, sie dürfen aber bleiben – überall in Deutschland außer in Berlin studieren.

          Andere Hindernisse erschweren den Weg, ganz vorne steht die Sprachkompetenz. Gefordert würden normalerweise Kenntnisse auf dem fast muttersprachlichen C1-Niveau, sagt Schammann. „Selbst wenn man gut ist, schafft man das frühestens in einem Jahr.“ Viele hätten gar nicht die Möglichkeit, an einem Deutschkurs teilzunehmen, der so gut sei, dass er auf ein Studium vorbereite. Die BDA fordert deshalb, Deutschkurse so früh wie möglich anzubieten, am besten schon in der Erstaufnahmestelle.

          Claudia Geßl hat schon einigen Asylbewerbern dabei geholfen, an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) zu studieren. Sie ist Mitarbeiterin von „Bleib in Nürnberg“, einer Arbeitsmarktinitiative des Integrationsrats der Stadt und des Ausbildungsrings Ausländischer Unternehmer. Neben der Sprache sei Geld ein wichtiges Thema, sagt Geßl. Sie überlegt gerade, wo sie Laptops für die Studenten auftreiben kann. Von den gut 300 Euro, die Asylbewerber monatlich für den Lebensunterhalt bekämen, könnten sie keinen kaufen.

          Unsicherheit beeinträchtigt die Motivation

          Studierende Asylbewerber müssen zudem befürchten, abgeschoben zu werden. Die Arbeitgeber fordern deshalb einen sicheren Aufenthaltsstatus während des Studiums. Diese Sorge hat Aman Wado Adem, der wohl bald an der FAU studieren wird, zumindest nicht. Weil er aus Äthiopien kommt, ist seine Aussicht auf Asyl statistisch gesehen zwar nicht hoch, doch er kann bei Ablehnung nicht abgeschoben werden, weil die Botschaft des afrikanischen Landes nicht kooperiert. Der 27-Jährige könnte den Status eines Geduldeten bekommen.

          Das verunsichert ihn; er fragt sich, ob angesichts des großen Flüchtlingsstroms irgendwann ein Studierverbot für Geduldete beschlossen wird. Andererseits mahlen die Mühlen der Bürokratie langsam. Der junge Mann ist schon seit zwei Jahren in Deutschland; nun soll erst die Anhörung stattfinden, in der er seinen Asylantrag begründen kann. Eine Antwort bekomme man oft erst nach ein bis zwei Jahren, sagt Geßl. Ist sie negativ, kann man klagen.

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