https://www.faz.net/-gqe-88ouj

Neuer IWF-Chefökonom : Für Obstfeld ist Geldausgeben keine Sünde

Maurice Obstfeld Bild: dpa

Der Internationale Währungsfonds hat einen neuen Chefökonomen. Er kommt vom MIT und berät Barack Obama. Inhaltlich liegt er voll im Trend: Geld ausgeben allein ist zu wenig Lenkung.

          2 Min.

          Der Internationale Währungsfonds präsentiert auf seinem Herbstgipfel in Lima, Peru, einen Nachfolger für Olivier Blanchard, seinen großen Chefökonom. Er heißt Maurice Moses Obstfeld, ist 63 Jahre alt und nicht sehr groß, körperlich zumindest. Bis vor wenigen Wochen war er noch Volkswirtschaftsprofessor an der Berkeley-Universität, als ihn der Anruf aus Washington erreichte. Große Namen waren im Gespräch, bevor Obstfeld sich durchsetzte, um nun, wie er sagt, in die „einschüchternd großen Fußstapfen“ seines Vorgängers zu treten. Washington ist Obstfeld vertraut, er gehört zum Gremium von Wirtschaftsprofessoren, das Präsident Barack Obama berät.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Volkswirtschaftsstudenten der höheren Semester kennen ihn aus zwei (teuren) Standardwerken über internationale Wirtschaft und über internationalen Handel, die er zusammen mit dem New Yorker Professor und Kolumnist Paul Krugman sowie Mark Melitz (Harvard) verfasst hat. Oder sie kennen seine Arbeiten über Währungen und ihre Krisen und über den Euroraum.

          Als Blanchards Nachfolger wurde ein Mann gesucht, der in der Wissenschaft höchstes Ansehen genießt, zugleich aber die Fähigkeit hat, die Politik in seinem Sinne zu beeinflussen und dem Internationalen Währungsfonds ein ökonomisches Profil gibt. Der Währungsfonds wird von der Juristin Christine Lagarde geführt, die anders als ihre Vorgänger Dominique Strauss-Kahn auf ökonomische Expertise angewiesen ist. Die Wissenschaft begrüßte Obstfelds Bestellung. Er gehört zu den am meisten zitierten, und damit einflussreichen Autoren seiner Zunft.

          Auch sein Werdegang spiegelt die Karriere eines großen Wissenschaftlers. Er hat Mathematik an der Universität von Pennsylvannia mit höchster Auszeichnung abgeschlossen. Er studierte in den siebziger Jahre dann dank eines Stipendiums weiter Mathematik in England am King’s College von Cambridge. Dort hatte John Meynard Keynes lange gelehrt und tiefe Spuren hinterlassen. Das war in den siebziger Jahren in der Phase, als England regelmäßig von Streiks durchgeschüttelt wurde.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Obstfeld arbeitete als freier Journalist

          Obstfeld kam in jener Lebensphase zur Erkenntnis, dass er es trotz bester Noten nicht zu einem ganz großen Mathematiker bringen würde. Er testete andere Möglichkeiten, arbeitete unter anderem als freier Journalist. Das Time Magazine hat Texte von ihm gedruckt. Ein Briefwechsel mit dem Nobelpreisträger James Tobin und die Lektüre von Keynes Werken brachten ihn schließlich zur Ökonomie.

          Er studierte am MIT im amerikanischen Cambridge bei Boston und gehört damit zu jener Gruppe an Ökonomen, die Wissenschaft und vor allem die Wirtschaftspolitik der letzten Jahren am meisten geprägt haben. Der spirituelle Führer ist der 2009 verstorbene Ökonom Pauls Samuelson, der Obstfeld noch Unterricht gegeben hatte.Der informelle Führer der „MIT-Gang“ ist Stanley Fischer, der zweite Mann der amerikanischen Zentralbank. Auch Paul Krugman zählt sich zur MIT-Gang.

          Doktortitel dieser volkswirtschaftlichen Abteilung können unter anderem Ben Bernanke, der frühere Chef der amerikanischen Zentralbank, Mario Draghi, der die Europäische Zentralbank führt, und nicht zuletzt Olivier Blanchard vorweisen. Es ist, als ob das Massachusetts Institute of Technology einen Kanal gefunden hat, durch den ihr ökonomisches Denken beständig ihren Weg zu den führenden politischen Institutionen findet. Die Alma Mater hat die Chicago-Schule inzwischen abgehängt, vor allem was den politischen Einfluss angeht.

          Obstfeld sieht sich in seinem Denken ziemlich im heute aktuellen Mainstream des Neo-Keynesianismus. Das heißt grob vereinfacht: Eine Wirtschaftspolitik des Geldausgebens ist okay, reicht aber nicht und kann auch übertrieben werden. Seine Prägung wird Obstfeld nicht so ohne weiteres abstellen können und wollen. So blieb seine Rede beim ersten großen Auftritt für den Währungsfonds in Lima im Rahmen dessen, was man vom Fonds so kennt. Allerdings scheint seine Abteilung ihr Augenmerk stärker auf Währungsschwankungen und die damit verbundenen Risiken zu richten. In diesem Metier gilt Obstfeld als einer der besten Kenner. Die wachsende Ungleichheit innerhalb von Ländern, aber auch von Ländern untereinander dürfte eine weiterer Schwerpunkt sein.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Formel 1 in Brasilien : Ferrari flucht

          Verrücktes Finale beim Formel-1-Rennen in São Paulo: Die beiden Ferrari-Piloten schießen sich gegenseitig ab und scheiden nach der Kollision aus. Der Zoff der Stallrivalen bei der Scuderia eskaliert endgültig.
          Bleibt mehr Geld von der Betriebsrente?

          Betriebsrenten : Zusatzrente vom Chef

          Die Regierung macht Betriebsrenten attraktiver: Künftig werden weniger Krankenkassenbeiträge fällig. Vier Millionen Rentner dürfen sich freuen. Und was ist mit dem Rest?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.