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Vergabe von Arztsitzen : Der Doktor aus dem Warenkorb

  • -Aktualisiert am

Wer folgt nach? Viele Landärzte werden in Pension gehen. Bild: Getty Images

Viele Ärzte gehen in Pension. Aber ziehen auch ausreichend neue aufs Land? Demnächst sollen Arztpraxen erstmals auf Zeit vergeben werden.

          Wenn die Krankenkassen die Ärzte wieder einmal richtig ärgern wollen, dann fordern sie, die Zulassung für alle niedergelassenen Ärzte nur noch auf Zeit zu vergeben. Nur so lasse sich das Problem der Überversorgung von Ärzten in vielen Regionen lösen, sagte unlängst erst wieder die Vorsitzende des Spitzenverbands der Kassen, Doris Pfeiffer. Für viele in der Ärzteschaft klingt das nach Enteignung, ist so eine Praxis doch ihr Geld wert, wenn man sie nach vielen Jahren der freiberuflichen Arbeit am Patienten an einen Nachfolger verkauft. Umso auffälliger ist, dass die Forderung nach Teilzeitzulassung nun aus der Ärzteschaft selbst kommt.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Er könne sich eine befristete Vergabe von Arztsitzen für 10 oder 15 Jahre gut vorstellen, sagt Hans-Joachim Helming. Der Gynäkologe ist nicht irgendein Arzt. Er ist Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Brandenburg. Und das macht den kalkulierten Tabubruch so interessant. Helming tut das nicht, um sich bei den Kassen lieb Kind zu machen oder eine Überversorgung mit Ärzten in Brandenburg zu bekämpfen. Er will das Instrument der befristeten Vergabe von Praxissitzen zusätzlich nutzen, um die immer stärker gefährdete Versorgung der Patienten sicherzustellen. Denn absehbar ist, dass viele Ärzte in Pension gehen. Ob ausreichend neue auch aufs Land ziehen, ist dagegen fraglich.

          Dabei ist Fehlversorgung nicht gleich Unterversorgung. Wenn Patienten Wochen auf einen Termin beim Facharzt warten oder viele Kilometer mit dem Auto zum Spezialisten fahren müssen – bald vielleicht auch zum Hausarzt –, dann empfinden sie das als gravierenden Mangel. Es kann dennoch sein, dass in ihrer Region statistisch eine Überversorgung besteht. Denn die Arztsitze werden für Planungsbezirke zugelassen. Innerhalb der Bezirke dürfen sich die Ärzte ansiedeln, wo sie wollen. Das führt zu einer Konzentration in großen, mittleren und kleinen Städten. Der Dauerstreit zwischen Kassen und Ärzten geht um die Frage, ob es insgesamt zu wenige Ärzte gibt oder die vorhandenen nur falsch verteilt sind.

          Eine falsche Verteilung?

          Um die Versorgung auf dem Land aufrechtzuerhalten, haben sich Politik, Kommunen und Kassenärztliche Vereinigungen einiges einfallen lassen. Die Palette reicht von Mietkostenzuschüssen für die Praxis über den bei der KV angestellten Arzt in der von der Kommune bezahlten Praxis bis hin zur rollenden Arztpraxis, einem Wohnmobil, mit dem ein Arzt – wie der Bäcker – zu regelmäßigen Zeiten seine Touren dreht. Doch das von der AOK und Volkswagen unterstützte Pilotprojekt im Landkreis Wolfenbüttel läuft zum Jahresende mangels Wirtschaftlichkeit und Interesses aus, wie das „Deutsche Ärzteblatt“ berichtete.

          Ob das Pilotprojekt der KV Brandenburg dann schon läuft, hängt davon ab, ob der Bundestag das Sozialgesetzbuch bis dahin im Sinne Helmings geändert hat. Denn der KV-Chef will die bestehende Planung und Sitzvergabe durch Land, Kassen und Kassenärzte ergänzen. Das bestehende Muster sei zu grob, auch wenn der Gesetzgeber erst vor zwei Jahren die Planung für die Hausärzte noch kleinräumiger gemacht hat und damit bis zu 2.000 neue Niederlassungsmöglichkeiten geschaffen hat.

          Aber was helfe es, einen Arztsitz in einer Gegend einzurichten, in der absehbar sei, dass binnen zehn Jahren die Praxis nicht mehr ausgelastet ist, weil die Leute wegziehen und die Verbliebenen sterben. „Wolfserwartungsgebiet“ nennt Helming solche Gegenden, von denen es nicht nur in Brandenburg immer mehr gibt. Wozu in Regionen, in denen die jungen Leute schon weggezogen sind, große Gynäkologie unterhalten, während man Spezialisten für geriatrische Erkrankungen brauche, fragt Helming.

          Genauere Vor-Ort-Planung als Lösungsansatz

          Seine Antwort läuft auf eine genauere aber zugleich zeitlich flexible Vor-Ort-Planung hinaus, die sich an den schnellen demographischen Veränderungen der ländlichen Kreise orientieren müssten. In dem Modell würde die KV befristet Arztsitze ausschreiben. Interessierte Ärzte wüssten, was sie fachlich erwarte und worauf sie sich wirtschaftlich einließen. Helming spricht von einem Warenkorbmodell. Die KV stellt Angebote zur Sicherung der Versorgung ins Schaufenster, der interessierte Arzt greift zu – oder auch nicht.

          Der KV-Chef ist sich sicher, dass es viele Ärzte gibt, die da zugreifen würden. Die Lebensplanung junger Leute sei heute oft auf kürzere Zeiträume ausgerichtet, Krankenhausärzte könnten den Rest ihrer Berufstätigkeit in der Niederlassung arbeiten. Interesse hat er nach eigenem Bekunden in der Landespolitik und bei den Krankenkassen ausgemacht.

          Letztere braucht er, weil er sein Modell nicht allein aus dem vorhandenen Honorartopf der Ärzte bezahlen, sondern von den Kassen finanziert bekommen will. „Inhalt und zeitlicher Rahmen der regionalen Versorgungsaufträge sowie die Vergütung der ärztlichen Leistungen sind durch Verträge der Kassenärztlichen Vereinigungen mit den Verbänden der Krankenkassen zu regeln“, heißt es in seinem Vorschlag für die Sozialgesetzreform.

          Nicht zuletzt setzt Helming mit seinem Vorschlag auf den Wettbewerb. Er hofft, auf diese Weise freiberuflich tätige Ärzte anderswo abwerben und für die Arbeit in Brandenburg gewinnen zu können. Auch will er auf die Weise absichern, dass die Körperschaft KV künftig ihrem Auftrag nachkommen kann, die Versorgung der Versicherten zu garantieren. Denn die in der Politik debattierten Alternativen einer Verlagerung der Versorgung in strukturschwachen Gebieten an die Krankenhäuser oder die Übertragung des „Sicherstellungsauftrags“ an Kommunen oder Kassen würden die Kassenärztlichen Vereinigungen auf Dauer überflüssig machen. Dann schon lieber befristete Arbeit auf dem Land – vielleicht mit der späteren Möglichkeit einer Bevorzugung beim Wechsel in eine bevorzugte Stadtarztpraxis, wofür sich beispielsweise Georg Nüßlein, der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, erwärmt.

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