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Burnout : Es sind die Nerven!

„Die Menschen heute sind nicht alle gut gebaut, nicht alle kräftig, aber stets sind sie nervös.“ Szenenfoto aus dem Film „Wege zu Kraft und Schönheit“ (1925) von Wilhelm Prager und Nicholas Kaufmann. Bild: Stiftung Deutsche Kinemathek

Neurasthenie hieß der Burnout des Fin de Siècle. Auch um 1900 litten die Menschen an Gereiztheit und Erschöpfung. Und suchten Linderung in Tanz, Kuren, Müsli, Radeln und allerlei esoterischen Praktiken.

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          Der amerikanische Arzt und Elektrotherapeut George M. Beard veröffentlicht im Jahr 1880 ein Buch mit dem Titel „A Practical Treatise on Nervous Exhaustion (Neurasthenia)“, welches wenig später auch in deutscher Übersetzung erscheint: „Die Nervenschwäche (Neurasthenie). Ihre Symptome, Folgezustände und Behandlung.“

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Beards Buch erlebte in Windeseile eine Vielzahl von Auflagen. Eine Bibliographie des „Handbuches der Neurasthenie“ verzeichnet bereits 1893 mehr als hundert deutschsprachige Publikationen zum Thema Nervenschwäche. Eine Modekrankheit erlebte ihren Siegeszug. Alle redeten plötzlich über die Nerven.

          Die Ärzte berichteten von völlig neuartigen Symptomen bei ihren Patienten: Störungen der Sinnesorgane (Flimmern, Ohrensausen), Störungen der Sexualfunktion, der Motilität, Platzangst und andere Phobien waren en vogue. Man beobachte Hast und Unruhe in der Bewegung und bei der Arbeit, hieß es: Empfindlichkeit gegen die Sinneseindrücke, größte Gereiztheit einerseits sowie die geringste Resistenz gegen die kleinsten Unbequemlichkeiten des Lebens. Immer müde, chronisch antriebsschwach, meist apathisch, so fühlten sich die Betroffenen. Nervosität lag in der Luft.

          Neurasthenie war der Burnout des Fin de siècle. Alles schon einmal da gewesen; es gibt nichts Neues unter der Sonne. Das entwertet weder das Leiden der heutigen noch der damaligen Generation. Aber es relativiert die Vorstellung, erst durch das Internetzeitalter und den E-Mail-Zwang hätten Erschöpfung, Ermüdung und Beschleunigung eine unerträglich pathologische Dimension bekommen, während es den Vorfahren vergönnt gewesen sei, in guter und gesunder Eintracht mit sich und ihrer Umwelt zu leben. Aus Sicht der Gegenwart erhält jegliche Vergangenheit idyllische Züge.

          Nervosität als Problem der Großstadt

          Burnout und Neurasthenie sind in vielem miteinander verwandt, vor allem aber in einem: Sie überführen das Unbehagen an der modernen Zivilisation in eine gesellschaftlich akzeptable Krankheit. Man kann sich damit sehen lassen, sogar ein wenig angeben damit. Burnout signalisiert, die Umwelt (Arbeit, Kapitalismus, Schnelllebigkeit), nicht der Kranke seien schuld an der persönlichen Krise.

          Denn immerhin: Wer ausgebrannt ist, muss früher einmal gebrannt haben. Wer unter Nervenschwäche leidet, weiß, dass der Gesunde starke Nerven braucht, um zu überleben. Die Ärzte diagnostizierten Neurasthenie als somatische Krankheit, also Gott sei Dank nicht als Geisteskrankheit; denn dann hätte man sich ja schämen müssen.

          Die Menschen kamen ins Rätseln, wo die Ursachen der verstörenden Krankheit zu suchen seien. Ihre Antworten blieben vage und weitschweifig. Für George M. Beard, den Vater des Begriffs, zählen so unterschiedliche Erfahrungen wie die „Dampfkraft, die tägliche Zeitung, die Telegraphie, die Wissenschaften oder die geistige Aktivität der Frauen“ dazu. Einig war man sich darin, Nervosität sei ein Problem der Großstadt, irgendwie müsse es mit Industrialisierung, Säkularisierung und Urbanisierung zu tun haben. „Alles geht in Hast und Aufregung vor sich, die Nacht wird zum Reisen, der Tag für die Geschäfte benützt; selbst die Erholungsreisen werden zu Strapazen für das Nervensystem“, schreibt der populäre Nervenarzt Wilhelm Erb 1893.

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