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Debeka-Chef Uwe Laue : Saubermann im Schlamm

Debeka-Chef Uwe Laue Bild: dpa

Debeka-Chef Uwe Laue will die private Krankenversicherung retten. Eigentlich. Denn aktuell steht der Marktführer im Verdacht von Adresshandel und Korruption. Laue, der Ehrlichkeit und Fleiß predigt, muss um seinen Ruf kämpfen.

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          Uwe Laue hat Fans in der Versicherungsbranche. Als die Diskussion über Vertreter heiß lief, die sich in der Budapester Gellert-Therme von Prostituierten hatten verwöhnen lassen, fiel er mit einer knappen Bemerkung auf: „Unsere besten Verkäufer werden mit einem Wochenende in Koblenz und einem Besuch der Bundesgartenschau belohnt“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Debeka im Juni 2011 der F.A.Z. Exzesse seien die Folge einer fehlerhaften Steuerung. „Fleiß muss belohnt werden, aber der misst sich nach Bestandswachstum.“ Das saß. Manch einer, der sich nach den Zeiten zurücksehnt, als die Branche noch bieder und rechtschaffen schien, fand sich in diesen Bemerkungen wieder.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Mit seiner unprätentiösen Art und der soliden Steuerung seines Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit hat sich Laue zu ihrem Sprachrohr gemacht. Deshalb war es auch keine Überraschung, dass er im Juli Nachfolger des PKV-Verbandspräsidenten Reinhold Schulte wurde. Ein seriöser Vertreter der Branche könne in der Politik leichter mit Argumenten durchdringen, hoffte man. Denn ihre Reputation ist angekratzt: Sie verschärfe die Zwei-Klassen-Medizin, die Beiträge explodierten, Leistungen seien schwächer als bei gesetzlichen Kassen. So lauten die Vorwürfe. Laue dagegen stellt die Vorzüge der Kapitaldeckung nüchtern heraus und eröffnete Anfang des Jahres sogar allen berechtigten Arbeitnehmern die Möglichkeit, zeitlich begrenzt ohne Gesundheitsprüfung versichert zu werden. Damit wollte er den Vorwurf der Rosinenpickerei aushebeln.

          Ein Beigeschmack wird bleiben

          Seit Ende vergangener Woche aber bläst dem Schwaben selbst der Wind gehörig ins Gesicht. Das „Handelsblatt“ hatte enthüllt, dass Vertreter jahrelang Adressen von neu berufenen Beamten erhalten hatten, um sie als Kunden zu werben. Die Debeka ist in Laues 2002 begonnener Amtszeit zum Marktführer geworden – vor allem wegen ihrer starken Stellung mit Beihilfetarifen für Beamte. So stellt sich nicht nur die Frage, ob ihr dies mit Hilfe unlauterer Methoden gelungen ist, sondern auch, ob Beamte bestochen wurden, um an Listen heranzukommen.

          Zwar war der Adresshandel in der Versicherungswirtschaft lange üblich, Beamtenbestechung aber ist ein schweres Delikt. Und das passt gar nicht zu einem Manager, der Aufrichtigkeit und Einsatzbereitschaft als wichtigste Eigenschaften für den Nachwuchs, Ehrlichkeit und Fleiß als seine Lieblingstugenden bezeichnet. Laue steht unter Zugzwang, hat Wirtschaftsprüfer beauftragt, die internen Prozesse zu untersuchen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Gegenüber der Öffentlichkeit gibt er sich zerknirscht: In der Vergangenheit habe es an Sensibilität im Umgang mit Daten gefehlt. Diesen Befund bezog er ausdrücklich auch auf sich.

          Klar ist, dass seine Gesprächspartner dem 56 Jahre alten Vorstandsvorsitzenden, der mit 16 Jahren als Versicherungskaufmann in sein Unternehmen eingetreten war, nun anders begegnen werden. Die Justiz wird klären müssen, ob Korruption im Spiel war oder ob es nur zu einer unguten Sitte verkommen war, dass das Unternehmen einen privilegierten Zugang im öffentlichen Dienst hatte. Aber ein Beigeschmack wird in jedem Fall bleiben. Denn es stellt sich die Frage, ob der Koblenzer Versicherungsverein nur deshalb so kostengünstig und effizient im Vertrieb sein konnte, weil er sich einen unzulässigen Wettbewerbsvorteil verschafft hat. Als Modell würde die Gesellschaft, die konsequent auf einen angestellten Außendienst setzt und die hohen Maklerprovisionen aus Überzeugung vermeidet, dann nicht mehr gelten können.

          Solidität stark erschüttert

          Häme ist in der Branche nicht zu vernehmen. Obwohl Laue selbst lang für den Vertrieb verantwortlich war, überwiegt bei den meisten Gesprächspartnern eher das Mitleid. Das hat auch mit dem bei aller scharfen Kritik in der Sache zurückhaltenden Auftreten des Debeka-Chefs zu tun. Zudem ist vielen bewusst, dass der Kulturwandel im Verkauf von Versicherungsprodukten zwar eingeleitet, wegen der langjährig eingeübten Vertriebspraktiken aber auch äußerst mühsam ist.

          Laue hat sich mit anderen Vorstandskollegen immer dafür ausgesprochen, den Vertriebskodex der Branche nicht als Lippenbekenntnis zu formulieren, sondern ein scharfes Schwert daraus zu machen. Seit seiner Neufassung in diesem Jahr kann nur noch Mitglied des Kodex bleiben, wer seine internen Regeln einer guten Unternehmensführung von Wirtschaftsprüfern evaluieren lässt. Die Ächtung von Korruption, Bestechung und Bestechlichkeit ist dort im dritten von elf Punkten festgehalten. Der freiwilligen Selbstverpflichtung ist die Debeka mit vier Konzerngesellschaften beigetreten.

          Selbst wenn die Kunden auf unlautere Weise angeworben worden sein sollten, mit ihren Produkten haben sie im Branchenvergleich wenig falsch gemacht. Mit der SDK und der Alten Oldenburger hat die Debeka in den vergangenen Jahrzehnten die geringsten Beitragssteigerungen gehabt. Die Kapitalanlage ist vorsichtig und dadurch in der Finanzkrise zur branchenweit erfolgreichsten geworden. Diese Solidität, für die Laue steht, ist dennoch stark erschüttert worden.

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