https://www.faz.net/-gqe-86vwe

Studie : Jeder Haushalt verliert 20.000 Euro

Die Geldvermögen der Deutschen sind größer geworden, die Immobilienwerte aber in vielen Regionen gesunken. Bild: Anna Jockisch

So viele Menschen wie noch nie haben Arbeit, die Löhne steigen, die Immobilienpreise schnellen in die Höhe – doch die Vermögen der Deutschen sind einer neuen Studie zufolge im Schnitt deutlich gesunken. Wie kann das sein?

          3 Min.

          Es ist ein erstaunlicher Befund: Trotz Rekordbeschäftigung, steigender Löhne und in die Höhe schnellender Immobilienpreise sind die Vermögen der Deutschen geschrumpft. Das zumindest ist das Ergebnis einer am Mittwoch veröffentlichten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW), die die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung in Auftrag gegeben hatte. Untersucht wurde der Zeitraum 2003 bis 2013. „Das Bauchgefühl ist derzeit ein anderes, aber die Daten zeigen einen Vermögensrückgang“, sagte Markus Grabka, einer der beiden Autoren, FAZ.NET.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Die Forscher haben die realen Vermögen der Privathaushalte untersucht, also die schleichende Entwertung durch die Inflation einberechnet. Sie kommen zu dem Schluss, dass die durchschnittlichen Nettovermögen der Haushalte im Jahr 2013 real 116.840 Euro betrugen – was einem Rückgang um 15 Prozent (etwa 20.000 Euro) zum Jahr 2003 entspreche. Datengrundlage ist die Einkommens- und Verbraucherstichprobe des Statistischen Bundesamtes, für die alle fünf Jahre rund 60.000 private Haushalte befragt werden. Der Befund steht im starken Kontrast zu den Ergebnissen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) des Statistischen Bundesamtes. Für den selben Zeitraum weisen die Wiesbadener Statistiker einen Zuwachs der realen Nettovermögen um 20 Prozent aus.

          Unterschiedliche Bewertung von Immobilien

          Wie kommt es zu dieser starken Abweichung? „In erster Linie entsteht die Abweichung durch die unterschiedlichen Bewertungen von Immobilien, die einen erheblichen Anteil des Gesamtvermögens ausmachen“, sagt Grabka. Um das zu verstehen, muss man wissen, wie der Vermögenswert von Immobilien in beiden Datenbanken erhoben wird.

          In der Umfrage für die Einkommens- und Verbraucherstichprobe, die der DIW-Studie zugrunde liegt, geben die Eigentümer in der Umfrage einen selbst geschätzten, aktuellen Wert für ihr Haus oder ihre Wohnung an. In der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wird dagegen ein „Wiederbeschaffungswert“ ermittelt: Besitzt also jemand ein 20 Jahre altes Haus, wird versucht zu errechnen, wie teuer es wäre, dasselbe Haus heute noch einmal neu zu errichten; dieser Wert wird mit Abschreibungen für die bisherige Nutzungszeit verrechnet.

          Beide Methoden haben Stärken und Schwächen. Und: „Beide Methoden zeigen unterschiedliche Trends“, sagt Grabka. Während die VGR-Daten für den Untersuchungszeitraum durchgängig steigende Immobilienpreise anzeigten, haben die Eigentümer selbst ihre Immobilien niedriger bewertet.

          Schwächen der Befragungen

          Befragungen zum Vermögen sind stets mit Problemen behaftet. Die Superreichen mit Milliardenvermögen werden erst gar nicht erfasst, auch den Wert seines Hausrats, zu dem auch das Auto zählt, fragen die Statistiker nicht ab. Trotz solcher Schwächen können Vergleiche über einen längeren Zeitraum interessante Einblicke liefern.

          So haben die Berliner Forscher einen immensen Unterschied zwischen Eigentümern und Mietern festgestellt: Haushalte mit Immobilieneigentum besitzen demnach ein Median-Nettovermögen von mehr als 100.000 Euro. Das  Median-Einkommen bedeutet, dass eine Hälfte der Haushalte mehr besitzt, die andere weniger. Für Haushalte, die dauerhaft zur Miete wohnen, betrug dieses Median-Vermögen weniger als 2000 Euro. „Das ist schon ein überraschend niedriger Wert“, sagt Grabka.

          Die Forscher konnten zudem anhand eines Datensatzes verfolgen, wie sich das Vermögen von Menschen über die Zeit entwickelt hat, die anfangs verschuldet waren, etwa weil sie ein teures Auto oder Haus gekauft hatten. Diese Personen konnten demnach stark ihr Vermögen steigern. „Sparen in Form von Tilgungsleistungen ist offenbar ganz maßgeblich zum Sparen geeignet“, erklärt Grabka.

          Am fehlenden Sparwillen liege der Vermögensrückgang der Deutschen allerdings nicht. „Über  die letzten zehn Jahre sparen die privaten Haushalte im Durchschnitt regelmäßig rund zehn Prozent ihres Ein­kommens“, sagt der Forscher. „Das ist eine nennenswerte Größe, aber dieses Geld wird vorrangig in sehr liquide Anlagen investiert, also in Sparbücher, Girokonten oder auch Tagesgelder, die häufig nicht einmal die Inflationsentwicklung ausgleichen.“ Aktien meiden die Deutschen dagegen nach wie vor. 

          Die Studie dürfte für neuen Gesprächsstoff über die Vermögenssituation der Deutschen sorgen. Vor zwei Jahren hatte eine Befragung der nationalen Notenbanken ergeben, dass das Medianvermögen der deutschen Haushalte  mit rund 51.000 Euro das geringste im gesamten Euroraum  ist.

          Angst vor weiteren Verlusten müssen die Deutschen aber offenbar nicht haben. Seit mehreren Jahren steigen die Immobilienpreise im Schnitt deutschlandweit. Zwar gibt es für 2015 noch keine Daten zu den Vermögen, aber wenn man zum Beispiel den Zeitraum 2010 bis 2015 erfassen könnte, ist sich Grabka sicher, „dann wären die Vermögen gewachsen“. 

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Christine Lagarde auf der Pressekonferenz in Frankfurt

          EZB-Präsidentin Lagarde : Zinsentscheid mit einem Lächeln

          Die neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, stellt sich erstmals nach einer Ratssitzung der Presse. Den Zinssatz lässt sie unverändert, doch ihr Stil unterscheidet sich deutlich von dem ihres Vorgängers Draghi.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.